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cover-feind-120Christine Bernard – Der unsichtbare Feind“ ist der dritte Roman meiner Krimiserie um die sympathische junge Kommissarin und das Ermittlerteam des K1 der Kriminalpolizei aus Trier. Alle Bände der Serie sind in sich abgeschlossen und können ohne Kenntnis der anderen Ausgaben gelesen werden. Gleichzeitig wird die Geschichte und die Entwicklung aller Figuren weitererzählt.

Textprobe aus: „Christine Bernard – Der unsichtbare Feind“
Schwer drückten die tief hängenden dunkelgrauen Wolken auf die Stadt. Dicke, nasse Schneeflocken stürzten sich auf die Windschutzscheibe. Beide Wischblätter waren vereist und zogen breite Grieselstreifen über das Glas.
Christine Bernard stellte das Radio lauter und hielt ihre klammen Finger in den warmen Luftstrom der Heizung.
Der Wetterdienst meldete seit Tagen ergiebige Niederschläge. Trier schien im Schnee zu versinken. Ein freundliches Hochdruckgebiet war vorerst nicht in Sicht.

Mit einem Seitenblick musterte sie das Profil ihrer Kollegin. Tanja Rieger steuerte den Dienstwagen gelassen durch das Wetterchaos.
Sie liefen auf ein Räumfahrzeug auf. Grell zuckte das orangene Licht der rotierenden Rundumleuchte am Heck des Fahrzeugs über ihre Gesichter. Streusalz rieselte gegen die Karosserie. Tanja vergrößerte den Abstand.
Ein Stadtbus drängelte sich in die Lücke. Sie bremste hart, das Antiblockiersystem des BMWs sprach knirschend an, aber sie ließ sich ihre Verärgerung nicht anmerken.
Kommissarin Bernard hätte gehupt und geflucht. Bestimmt. An diesem Morgen auf jeden Fall. Es war nasskalt und windig und ihnen stand ein unangenehmer Einsatz bevor. Die Kollegen aus dem Kommissariat 3, Rauschgiftdelikte, hatten Verstärkung für eine Festnahme angefordert.
Christine Bernard hasste Festnahmen in der Drogenszene. Diebe, Räuber und Mörder waren bereits schwer einzuschätzen. Aber diese durchgeknallten Drogentypen waren unberechenbar und bildeten für sie den Bodensatz der Gesellschaft.
Die hatten nichts zu verlieren. Nicht selten eskalierten Festnahmen in diesem Milieu, und es bestand die Gefahr, dass man die Kontrolle über einen Einsatz verlor.
Während eines solchen Einsatzes in ihrer alten Dienststelle in Wittlich hätte ihr ein Junkie einmal beinahe seine blutverschmierte Spritze in den Bauch gerammt.

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Cover-Eisrosenkind„Christine Bernard – Das Eisrosenkind“ ist der zweite Roman meiner Krimiserie um die sympathische junge Kommissarin und das Ermittlerteam des K1 der Kriminalpolizei aus Trier. Alle Bände der Serie sind in sich abgeschlossen und können ohne Kenntnis der anderen Ausgaben gelesen werden. Gleichzeitig wird die Geschichte und die Entwicklung aller Figuren weitererzählt.

Textprobe aus: „Christine Bernard – Das Eisrosenkind“
An den Anblick von Streifenwagen vor dem Haus waren die Bewohner der heruntergekommenen Siedlung gewöhnt.
Keiner der Mieter in den langen Wohnblöcken mit dem vergilbten, rissigen Putz und den vielen nachlässig montierten Satellitenschüsseln an der Fassade machte sich die Mühe, einen längeren Blick aus dem Fenster zu werfen. Für das Geschehen vor dem Gebäude gegenüber interessierte sich niemand.
Was sollte auch schon passiert sein? Sicher hatte irgendein missratener Sprössling aus der Nachbarschaft in einem Supermarkt wieder einmal zugegriffen. Jetzt wurde er wahrscheinlich abgeholt, vernommen und wieder heimgeschickt. In ein paar Wochen brummte man ihm ein paar Sozialstunden auf. Das war’s. Ein kurzer Blick aus dem Fenster, auf dem Weg vom Fernsehsessel zum Kühlschrank, musste an Aufmerksamkeit für die Nachbarn genügen. Den weißen Renault, der sich eine halbe Stunde später hinter den Streifenwagen schob, bemerkte niemand mehr.

Kommissarin Bernard klingelte bei „Lemke“ und drückte nach einem leisen Summen die Tür auf. Im Treppenhaus roch es nach feuchtem Keller und Küchendünsten.
Margit Lemke bewohnte mit ihrer Tochter das Hochparterre auf der rechten Seite. Eine junge Polizeimeisterin stand in der Tür, erwiderte Christine Bernards Gruß, nickte den ihr entgegen gehaltenen Dienstausweis ab und stellte sich leise vor.
„Polizeimeisterin Röhm.“
Christine Bernard trat in den Flur der Wohnung und drückte die Wohnungstür hinter sich zu.
Zigarettenrauch stand in der Luft. Aus einem Raum am Ende des Flurs hörte sie ein Wimmern und die beruhigende Stimme eines Mannes.
„Mein Kollege“, erklärte Polizeimeisterin Röhm.
Kommissarin Bernard nickte stumm.
„Was ist passiert?“
„Margit Lemke vermisst ihre achtjährige Tochter Rosalia seit etwa 18.00 Uhr. Das Kind sollte von der Nachbarin aus dem Kinderhort abgeholt werden und dann den Abend bei der alten Dame verbringen, bis Margit Lemke von der Arbeit zurück ist. Frau Rosin ist im Ruhestand. Sie war Lehrerin an einer Grundschule. Sie wohnt in diesem Haus auf der gleichen Etage.
Der Hort liegt keine hundert Meter von hier entfernt. Rosalia war nicht dort. Frau Rosin hat Frau Lemke verständigt, die konnte aber ihren Arbeitsplatz nicht verlassen. Sie hat sich vergeblich um eine Vertretung bemüht.
Die Vermisstenmeldung ging um 20:45 Uhr bei uns ein. Wir haben Frau Lemke um 22:00 Uhr von ihrer Arbeitsstelle abgeholt und nach Hause gefahren. Frau Lemke hat ein paar Mal mit Nachbarn und Eltern anderer Kinder telefoniert, aber niemand hat Rosalia gesehen.“
„Der Vater?“
„Arbeitet hier in Trier in einer Zigarettenfabrik. Seine Spätschicht war um 22:00 Uhr beendet. Er geht aber nicht an sein Telefon.“
„Oma und Opa?“
„Wohnen in Rostock. Zu weit weg.“
„Onkel? Tanten?“
„Kein Kontakt.“
„Wurde die nähere Umgebung abgesucht? Keller? Dachboden? Spielplätze? Das Schulgelände? Versteckmöglichkeiten? Wurden Nachbarskinder schon befragt? Ist heute Abend ein Notruf eingegangen, der dem vermissten Kind zugeordnet werden könnte?“
„Polizeimeisterin Röhm nickte mehrmals und schüttelte zum Schluss ihren Kopf.“
„Fahndung eingeleitet?“
„Ja. Hat der KDD bereits gemacht. Personenfahndung, Öffentlichkeitsfahndung und zwei Personenspürhunde. Ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera ist unterwegs.“
„Mitfahndungsersuchen an das Technische Hilfswerk und die Feuerwehr für Beleuchtung in Parkanlagen und am Moselufer ist raus? Das Rote Kreuz für die Abfrage der Ärzte-Notdienste und der Krankenhäuser ist eingebunden?“
Polizeimeisterin Röhm nickte bestätigend.
Kommissarin Bernard atmete durch und betrat das Wohnzimmer.

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audiolesungenTextproben aus meinen Büchern kann man ab sofort nicht nur lesen, sondern auch hören. Ich stelle zu jedem Buch eine Hörprobe zur Verfügung. Wer sich also lieber vorlesen lässt. Bitte sehr.

Als Audioformat habe ich mich für Youtube-Videos mit Standbild entschieden, weil diese Dateien mit den üblichen Web-Browsern problemlos abgespielt werden können und sie sich wunderbar in andere Web-Inhalte einbetten lassen.

Audiolesung aus: „Unheimliche Begegnungen – Aus der Zwischenwelt


Audiolesung aus: „Christine Bernard – Der Fall Siebenschön

Audiolesung aus: „Das Leben und Sterben des Jason Wunderlich

Audiolesung aus: „Atemlos – Beim Sterben ist jeder allein

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Cover-Siebenschön-ACABUS„Christine Bernard – Der Fall Siebenschön“ ist mein erster Psychokrimi und Auftakt zu einer Serie.
Ich habe mich in das Team des K1 der Trierer Polizei so sehr hineingeschrieben, dass ich diese „neuen Freunde“ nicht mehr missen möchte.
Christine Bernard und ihre Kollegen werden also künftig öfter ermitteln müssen.

Textprobe aus: Christine Bernard – Der Fall Siebenschön
Regennächte. Eine Katzenwäsche für eine schmutzige Welt. Eine Welt, die nicht mehr zu retten ist. Da war sie sich sicher. Doch sie stand wenigstens auf der richtigen Seite. Von dort konnte sie sich all den Schmutz dieser Welt genau ansehen.
Leben heißt leiden, hatte sie in einer ihrer vielen schlaflosen Nächte in einem Roman gelesen. Ob der gut versorgte Bestseller-Autor überhaupt wusste, was das war? Leiden?
In der vergangenen Nacht hatte Christine Bernard endlich wieder einmal gut geschlafen. Am Abend trommelte sie ein lang anhaltender kräftiger Regen in den Schlaf. Die frühen Vögel am Morgen hatten sie in den Tag gesungen.
So erholt, wie schon seit langer Zeit nicht mehr, schummelte die junge Kriminalkommissarin ihren weißen Renault Mégane an diesem sonnigen Morgen durch den Berufsverkehr.
Losfahren, Vorfahrt nehmen und gleichzeitig halb dankend, halb entschuldigend die Hand heben und darauf achten, dem Überlisteten ein Lächeln aus ihrem hübschen von langen dunklen Haaren umgebenen Gesicht zu schenken.
Das klappte nicht immer. Manche Autofahrer hupten, fluchten oder beschwerten sich auf andere Weise über diese kleine charmante Unverschämtheit. Junge Frauen fast immer, junge Männer vereinzelt. Alle anderen ergaben sich meist der forschen Fahrweise dieser unbekannten Schönen. Fahrertraining. Polizeischule. Trotzdem hätte sie sich an so manchem Morgen ihren Weg durch den Berufsverkehr liebend gerne mit aufgesetztem Blaulicht gebahnt. Aber zu privaten Zwecken war das streng verboten. Auch wenn es kein Geheimnis war, dass die Kollegen Kluge und Rottmann in dringenden Fällen schon mal mit Sondersignal und Blaulicht Bier holen fahren.
Der baldige Beginn einer Fernsehübertragung eines Fußball-Länderspiels war für die beiden so ein dringender Fall. Schon zwei Mal mussten sie deswegen in Josef Weinigs Büro antreten und sich ihre Abmahnungen abholen. Kopie in die Personalakte. Da versteht der Herr Kriminaldirektor keinen Spaß. Der interessiert sich nicht für Fußball. Der geht lieber Kegeln.
Seine undisziplinierten Kriminalhauptkommissare verpflichtete er beide Male auch gleich zu einer der wenig beliebten Sitzungen bei Polizeipsychologin Karin Vollmer. Die Vollmer und der Rottmann konnten sich nicht ausstehen. Nach Karin Vollmers persönlicher Meinung war KHK Jörg Rottmann weder zum Tragen einer Waffe noch zum Steuern eines üppig motorisierten Dienstwagens geeignet. Aber mit diesem vernichtenden Urteil seine Karriere beenden? Nein, das wollte sie auch nicht. Also schrammte Rüpel Rottmann immer gerade so an einer Suspendierung vorbei.
Und Kluge?
Kommissarin Bernards Partner Kriminalhauptkommissar Torsten Kluge war ein Durchschummler. So ein weicher Typ, der sich an jedem Hindernis vorbeimogeln konnte. So hatte er es bis zum Hauptkommissar geschafft.
Christine Bernard unterbrach die geistige Betrachtung ihrer beiden so unterschiedlichen Kollegen und blickte amüsiert auf ihre neue Armbanduhr. Sie liebte diese großen weißen Plastikuhren, wie sie jetzt modern waren. Auf ihrer dunklen Haut wirkte die helle Uhr besonders auffallend.
Den braunen Teint hatte sie von ihrer Mutter, einer stolzen Portugiesin.
Die Erinnerung an ihre schöne Mutter trübten für einen Moment Christine Bernards Gesichtszüge ein. Der lange, schwere Kampf gegen den Krebs hatte von der attraktiven Frau wenig übrig gelassen. Als sie starb, war es für alle Betroffenen eine Erlösung. Außer für Vater. Er folgte ihr wenige Wochen später. Aus Gram. Davon war Christine Bernard fest überzeugt.
Papa war Luxemburger und nahe der französischen Grenze aufgewachsen. Groß, schlank. In jungen Jahren dunkelhaarig, später grau. Immer charmant und elegant und das Leben liebend.
Nach Christines Geburt zog er mit seiner jungen Familie nach Deutschland. Ihm zu Ehren verwies Christine Bernard immer gerne auf ihre frankophilen Wurzeln und wurde nicht müde, darauf hinzuweisen, dass ihr Vorname und ihr Nachname bitte wie im Französischen üblich ohne die abschließenden Buchstaben ausgesprochen werden.
Christin‘ Bernar‘ klang viel weicher, und sie hörte es lieber, als ihren deutschen Namen. Bescherte es ihr doch immer ein kurzes Andenken an ihren liebevollen Vater.
Und als ob es nicht schon genug des Leidens gewesen wäre, seine Eltern in so kurzer Zeit hintereinander zu verlieren, verließ Frank sie. Einfach Schluss gemacht, per SMS.
Sie hatte ihn zwar noch zu einem letzten Gespräch in ihrer Wohnung bewegen können, aber sein Entschluss stand fest. Seit Wochen. Daran bestand für sie kein Zweifel. All diese vielen Vorwürfe, chronologisch sortiert und zurechtgelegt. Was sie wann und wo falsch gemacht hatte und wie sehr es ihn störte.
Frank wusste, dass sie ihn nicht so einfach gehen lassen würde und hatte sich gut vorbereitet. Sie klangen wie ein Vortrag, seine Antworten, auf ihre Fragen nach dem Warum.
Die Suche nach einem freien Parkplatz vor der Kriminaldirektion verscheuchte Christine Bernards böse Erinnerungen. Jetzt hatte sie eine neue Wohnung und einen neuen Job in Trier. Alles auf Anfang. Zurück auf Los.
Auf ihrem Weg über den Parkplatz, hinein in das große rote Backsteingebäude, spürte sie den leichten kühlen Wind und die wärmenden Sonnenstrahlen des Septembermorgens auf ihrer Haut. Sie wich den letzten Pfützen aus, die der Nachtregen hinterlassen hatte. Es roch nach feuchtem Asphalt.
Christine Bernards attraktives Äußeres brachte ihr zwar gewisse Sympathien bei den Kollegen ein, aber die Kehrseite war ein unangenehmes, sie immer wieder beschleichendes Gefühl, im Kommissariat 1 der Trierer Kriminalpolizei nicht ganz ernst genommen zu werden.
Besonders in den ersten Wochen nach ihrem Dienstantritt spürte sie die Distanz zu den neuen Kollegen sehr deutlich.
Natürlich war sie noch nicht so erfahren, wie die altehrwürdigen Hauptkommissare des K1. Allen voran Jörg Rottmann, der sie mehr als Kaffeehäschen sah, anstatt als Kollegin auf Augenhöhe.
Doch dann hatte Staatsanwalt Walter Lorscheider plötzlich einen Narren an der jungen Kommissarin gefressen. Warum auch immer. Den Grund kannte Christine Bernard nicht.
Vielleicht hatte ihr Ex-Chef aus der Kriminalinspektion Wittlich ein gutes Wort für sie eingelegt oder sie hatte Vatergefühle bei Lorscheider ausgelöst. Das arme Mädchen ohne Eltern und ohne Mann im Haus.
Durch die schützende Hand von Walter Lorscheider war sie im K1 die Kollegin Kommissarin, auch wenn sich der Chauvinist Rottmann immer noch einredete, dass sie für den Kaffee zuständig sei.
Lorscheiders junge Lieblings-Kommissarin verzichtete auf die Nutzung des Aufzugs und nahm die Treppe. Zwei Stufen gleichzeitig. Im vierten Stock war sie doch ein wenig außer Atem und lief Staatsanwalt Lorscheider direkt in die Arme.
„Guten Morgen, Frau Kommissarin. Stürmisch und entschlossen voran. Immer wieder ein Vergnügen zu sehen, was wir doch für engagierte Kolleginnen im K1 haben.“
Lächelnd stand Walter Lorscheider vor ihr, und seine Mimik und Gestik verrieten Christine Bernard, dass er seine Komplimente durchaus ernst meinte. Sie lächelte zurück.
„Guten Morgen, Herr Staatsanwalt.“ Dann quietschten die Sohlen ihrer flachen Schuhe über den Boden des Ganges in Richtung ihres Büros. Auf ihrem Rücken glaubte sie, die Blicke von Walter Lorscheider zu spüren. Doch als sie die Bürotür öffnete und dabei einen kurzen Blick in seine Richtung riskierte, war er bereits verschwunden.
Wieder eine Begegnung, bei der es ihr nicht gelang, Staatsanwalt Lorscheiders Verhalten endgültig einzuordnen. Entweder würde sie irgendwann heilfroh sein, in seinen Gunsten zu stehen, oder sie würde es bitter bereuen. So viel war sicher. Bis dahin empfand sie Walter Lorscheiders schützende Hand über sich nicht als unangenehm.
Christine Bernard teilte sich das Büro mit Hauptkommissar Torsten Kluge. Die beiden waren ein Team.
Während die Deckenbeleuchtung nach einem kurzen Druck auf den Lichtschalter flackernd ihren Dienst aufnahm, stieg der jungen Kommissarin der Geruch von Putzmittel, Druckertoner und Akten in die Nase. Sie öffnete eines der großen Fenster weit und schaute auf den Bahnhofsvorplatz hinunter.
Das Gebäude der Kriminaldirektion stand in einem rechten Winkel zu den Bahngleisen und war eines der höchsten Gebäude in der näheren Umgebung.
Reisende, gefolgt von Koffern auf Rädern oder mit Rucksäcken auf dem Rücken, überquerten den großen Platz auf ihrem Weg irgendwohin.
Eine Gruppe Schüler stieg in einen bereitstehenden Linienbus ein. Aus einem anderen Bus stiegen johlend welche aus. Reges Treiben. Abfahrende Busse ließen Dieselwolken stehen. Taxis eilten davon oder stellten sich in der Schlange der wartenden Kollegen hinten wieder an.
Haltende und wieder anfahrende Autos. Der Straßenlärm drang nur gedämpft bis in diese Höhe empor. (mehr …)

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Michael E. Vieten - Die KammerNach seiner Scheidung erwirbt Julian in Schleswig-Holstein ein großes, altes Haus mit einem verwilderten Park. Der niedrige Preis war kaum zu glauben. Doch die Maklerin schwor, es gäbe keinen Haken. Trotzdem stand das Haus lange Zeit leer. Julian fühlt sich wohl dort. Wenn nur dieses Klopfen nicht wäre.
Dann erfährt Julian von dem grausigen Geheimnis der alten Mauern.

Ich bin der Auffassung, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als wir mit unseren Sinnen erfassen können. Diese Überzeugung ist der Antrieb für meine Mystery Geschichten. Die meisten der geheimnisvollen Orte in meinen Erzählungen gibt es und ich bin dort gewesen. In dem beschriebenen Haus, welches Julian gekauft hat, habe ich selbst einige Jahre gelebt und bin nie das Gefühl losgeworden, darin nicht alleine zu sein. Der Rest ist Fiktion.

Textprobe aus: Unheimliche Begegnungen – Die Kammer

Friedlich lag das Anwesen in der Abenddämmerung. Beinahe ein magischer Ort, der mich mit einer wohltuenden Ruhe empfing. Ich stellte den Wagen in die Scheune und beschloss, noch einen Spaziergang zu machen.
Die Vögel verabschiedeten mit ihrem Abendlied den Tag. Es wehte kein Wind. Auf der Wiese vor dem Haus stieg Nebel auf. Langsam kroch die Feuchtigkeit in meine Kleidung. Als ich an der Südseite des Hauses vorbeiging, fiel mir ein fast verdecktes, kleines, schmales Fenster im ersten Stock auf. An dieser Seite stand eine riesige Kastanie dicht am Haus, und sie überragte das Gebäude deutlich. Ihre unteren Äste reichten bis an das Mauerwerk und hatten Schleifspuren am Putz der Fassade hinterlassen. Deswegen hatte ich das Fenster bisher nicht bemerkt. Es wurde von dem mächtigen Stamm und stark belaubten, dicken Ästen fast vollständig verdeckt.
Da der Flur nur ein Dachfenster über der Treppe hatte, müsste sich dieses Fenster an der Stirnseite meines Schlafzimmers befinden. Aber da war kein Fenster. Offenbar hatte man es zugemauert.
Es war dunkel hinter dem Glas, und durch die verwitterten Scheiben konnte ich außer Spinnweben nichts erkennen. Ich wollte bei Gelegenheit jemanden aus dem Dorf danach fragen.
Nach einem ausgedehnten Spaziergang ging ich wieder nach Hause. Kleine Steine knirschten bei jedem Schritt unter meinen Schuhen, als ich das Grundstück betrat. Die Sonne war längst untergegangen. Ich hatte vergessen, die Außenbeleuchtung einzuschalten. Also tastete ich mich im Dunkeln ins Haus.

Ich kochte mir in der Küche einen Tee und nahm ihn mit hinauf ins Schlafzimmer. Ich war zwar schon müde, wollte aber trotzdem noch etwas lesen.
Als ich im Bett lag, fiel mir wieder das kleine Fenster ein. Ich kniete mich am Kopfende in das Bett und tastete mit den Händen die Tapete ab. Etwa in der Mitte der Wand müsste das Fenster sein. Ich konnte aber keine Unebenheiten fühlen, die auf nachträglich verbaute Steine hindeuten könnten. Offenbar hatte der Maurer sehr gewissenhaft gearbeitet.
Ich beschloss erneut, bei Gelegenheit jemanden aus dem Dorf zu fragen, was es mit dem Fenster auf sich hatte und begann zu lesen.
Nach ein paar Seiten hörte ich wieder ein leises Klopfen. Tock, tock, tock. Ganz leise. Ganz zart. Tock, tock, tock.
Ich hatte mal über klopfende Dohlen gelesen, dass sie sich wie die Handwerker gebärden. Diese Krähenart nistet gerne in alten Gemäuern. Dabei klopfen und hämmern sie mit ihrem Schnabel, als hätte man die Zimmerleute im Haus.
Auch von lärmenden Waschbären und Mardern auf Dachböden wurde mir berichtet. Spuren ihrer Krallen könnte man an den Fallrohren der Dachrinne, die sie zum Aufstieg benutzen, feststellen. Am nächsten Morgen wollte ich das kontrollieren.
Während ich weiter las, klopfte es leise in unregelmäßigen Abständen. Ich schaute auf die Uhr. 0:20 Uhr. Ich legte das Buch beiseite, trank den Rest von meinem Tee und löschte das Licht. Wieder hörte ich dieses zarte Klopfen. Darüber schlief ich ein.

Als der Radiowecker mich mit leiser Musik weckte, war ich noch etwas benommen. Ich döste noch ein paar Minuten und schaute dabei aus dem Fenster. Es regnete.
Macht nichts, dachte ich. Am Vormittag sollten die bestellten Möbel geliefert werden. Da würde ich den Tag sowieso im Haus verbringen.
Kurz nach dem Frühstück klingelten die Mitarbeiter des Möbelhauses und begannen damit, die verpackten Teile in die Zimmer zu tragen. Dann bauten sie die Möbel zusammen und stellten sie auf. Ich hatte mir schon für jedes Möbelstück einen Platz ausgesucht und wusste genau, wo jedes Teil hingehörte. Am frühen Nachmittag sammelten die Leute die letzten Reste der Verpackung ein und verließen das Haus.
Mit dem angebrochenen und immer noch verregneten Tag war nicht mehr viel anzufangen. Da ich mittlerweile einen leichten Hunger verspürte, beschloss ich, ins Dorf zu fahren, dort etwas zu essen und eine Tasse Kaffee zu trinken. Ich hatte im Eingangsbereich des Supermarktes ein Steh-Café gesehen.

An allen drei Tischen in dem kleinen Café stand jemand. An einem der Tische erkannte ich die Kassiererin, mit der ich mich nach meinem Einkauf vor zwei Tagen unterhalten hatte. Sie rauchte eine Zigarette und hatte eine Tasse Kaffee vor sich stehen. Obwohl ich Nichtraucher war, fragte ich sie, ob ich mich dazustellen darf. Sie willigte ein.
Ich stellte meine Tasse Kaffee auf den Tisch und biss in mein Brötchen. Die Kassiererin löschte ihre Zigarette und trank einen Schluck Kaffee. Dann sprach sie mich an.
„Na, auch Feierabend?“
„Nein. Ich habe Urlaub.“
Wir kamen ins Plaudern, und ich erzählte ihr von meinem Haus.
Sie hieß Petra und wohnte im Dorf. Sie war auch geschieden und etwa in meinem Alter. Mir gefielen ihre braunen Augen und ihr langes, dunkles Haar. Sie erinnerte mich an Silke. Im Laufe des Gesprächs erzählte sie mir von ihrer Familie und dass ihre Mutter den Vorbesitzer meines Hauses gekannt hat. Ich fragte Petra nach ihm, aber sie war ihm nicht oft begegnet. Er lebte sehr zurückgezogen und ließ sich selten im Dorf blicken. Er war ihr auch immer etwas unheimlich. Auch über das kleine Fenster an der Südseite wusste sie nichts. Sie lud mich zu sich nach Hause ein und gab mir ihre Telefonnummer. Im Moment lebte sie bei ihren Eltern. Ihre Mutter könnte mir dann mehr über das Haus und den Vorbesitzer erzählen.

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Michael E. Vieten - Aus der Zwischenwelt“Die Kammer” ist eine Erzählung aus der Serie ‘Unheimliche Begegnungen – Aus der Zwischenwelt’.
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Michael E. Vieten - Gute TageEigentlich steht Frank Reuter schon vor dem Ende seines Lebens. Und an Hokus Pokus glaubt er ohnehin nicht. Doch eine Nahtoderfahrung bringt ihn dazu, den Rat seines verstorbenen Vaters zu befolgen. Er reist zu einer modernen Hexe in den Harz und verbringt dort die bis dahin schönsten Tage seines Lebens. Wird Maga sein Leben verlängern können? Wird er endlich verstehen, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir nicht erklären können?

Nur, weil wir uns etwas nicht vorstellen können, bedeutet das noch lange nicht, dass es das nicht gibt. Genau diese Erfahrung macht der Pragmatiker Reuter während seines Aufenthaltes in Magas Pension. Er hat sich an den abgelegenen Ort zurückgezogen, um mit sich selbst die letzten Tage seines Lebens zu verbringen. Doch am Beispiel eines Ameisenhügels überzeugt Maga ihren Gast, das Universum außerhalb seines eigenen ‘Haufens’ anzunehmen.
Nachdem die Schulmedizin Frank Reuter aufgegeben hat, ist er bereit für ein neues Leben. Was bleibt, ist die Angst, es könnte zu spät sein.

Textprobe aus: Unheimliche Begegnungen – Gute Tage

Der volle Mond schien über die schwarzen Baumwipfel auf den Bergen und erhellte den Hof. Der wilde Bach war weiß vor Gischt und stürzte sich in die Dunkelheit der Nacht. Über allem lag der intensive Duft des Sommerjasmins.
„Der Bach führt dieses Jahr besonders viel Wasser.“
Maga stand auf der Brücke, stützte sich mit verschränkten Armen auf das Brückengeländer und schaute hinab in die tosenden Fluten.
Ich hatte nicht bemerkt, dass sie mir gefolgt war. Sie hatte sich ihre Strickjacke wieder übergezogen. Ich ließ das Handy in meine Hosentasche gleiten und ging über die Brücke zurück zum Haus. Sie stieß sich vom Brückengeländer ab ohne ihre verschränkten Arme zu lösen und begleitete mich durch die sternenklare, kühle Frühjahrsnacht zurück zum Haus.
„Als ich ein Kind war, sprach meine Mutter oft vom Himmelszelt. Ich dachte, die Sterne seien Löcher, die jemand hineingepickt hat, und fragte mich, was wohl außerhalb dieses Zeltes sein könnte.“ Während Maga sprach, konnte ich ihren Atem sehen.

Plötzlich bemerkte ich, dass im Mondlicht hinter dem Haus ein Mann bei den Obstbäumen stand.
„Da steht jemand auf ihrem Grundstück.“
Maga schien nicht besorgt zu sein.
„Ich weiß, und ich glaube, sie kennen ihn.“
„Woher soll ich den kennen? Ich war noch nie im Harz.“
Im selben Augenblick war der Mann verschwunden.
Da ich mir nichts übergezogen hatte, fröstelte ich und wir gingen hinein ins Haus. An der Treppe nach oben blieb ich stehen.
„Ich glaube, die Luftveränderung macht mir zu schaffen. Ich bin schon wieder müde. Ich gehe zu Bett.“
Maga schloss die Haustüre hinter sich und blieb dicht vor mir stehen.
„Ich wünsche Ihnen eine angenehme Nachtruhe. Ich backe für morgen früh noch ein frisches Brot.“
Dann verschwand sie in der Küche.
Ich stieg die Treppe hinauf und ging in mein Zimmer. Während ich meine Reisetasche auspackte und ein paar Sachen zurechtstellte, überlegte ich, wo das Bad sein könnte.
Mit meinem Waschzeug in der Hand verließ ich mein Zimmer und entdeckte am Ende des dunklen Flurs einen Raum, dessen Tür halb offen stand.
Ich ertastete den Lichtschalter und fand, wonach ich gesucht hatte. Ein kleines Duschbad. Das Dachfenster in der Schräge stand einen schmalen Spalt offen. Auch hier hörte ich das allgegenwärtige Rauschen des Baches.
Ich duschte, putzte mir die Zähne und ging zu Bett. Die Tür zu meinem Zimmer ließ ich offen und lauschte den Geräuschen, die Maga unten in der Küche machte.
Es war ein guter Tag. Gott hatte mich noch nicht zu sich gerufen und ich hatte Maga kennengelernt. Bevor ich mir weitere Gedanken machen konnte, rauschte der Bach mich in einen erholsamen, traumlosen Schlaf.

Obwohl die Sonne durch das kleine Dachfenster schien, war es noch kühl in meinem Zimmer. Ich stand auf, beeilte mich mit der Morgentoilette und zog mich an. Der Duft von frischgebackenem Brot und Kaffee lockte mich hinunter in die Küche.
Maga stand am Herd und goss eine kleine Kanne Kaffee auf.
„Guten Morgen. Setzen sie sich. Der Kaffee ist gleich fertig.“
Unter den Duft des frischen Brotes mischte sich der Geruch nach Feuer und Rauch. Der große Herd in der Küche wurde mit Holz oder Kohlen beheizt und wurde seiner Aufgabe mehr als gerecht. Moderne Heizkörper gab es in der Küche nicht. Auch in meinem Zimmer und in dem kleinen Duschbad fehlten sie.
„Ich heize nur die Küche und die Stube. Ich hoffe, ihnen ist es nicht zu kalt.“
Wieder schien Maga meine Gedanken erraten zu haben. Diesmal war ich mir sicher, dass ich nicht laut gedacht hatte.
„Nein, das ist schon in Ordnung so.“
Der Tisch war zum Frühstück gedeckt. Butter, Konfitüre und gekochte Eier standen bereit. Ich nahm auf dem gleichen Stuhl wie am Abend Platz und konnte den Bach durch das Küchenfenster in der Morgensonne glitzern sehen.
Maga füllte unsere Kaffeetassen und stellte die Kanne auf dem schweren Holztisch ab. Dann entzündete sie eine gelbe Kerze, die in dem eisernen Halter zwischen unseren Tellern stand.
„Heute keine schwarze Kerze gegen die bösen Gedanken?“, fragte ich sie etwas herausfordernd.
„Nein, ab heute nehmen wir eine gelbe Kerze. Ihr gelb steht für Heilung und der ab heute abnehmende Mond unterstützt uns dabei, etwas los zu werden.“
Maga griff nach dem Brotkorb, hielt ihn mir entgegen und schaute mich selbstbewusst an. Ich hielt ihrem Blick stand und griff nach einer Scheibe des frischen Brotes.
„Wenn sie es sagen …“

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Michael E. Vieten - TanneckVier Freunde treffen sich zu einem Zelturlaub im Harz. Jeden Abend erscheint hoch oben auf den nahe gelegenen Klippen eine Frau und starrt auf den Zeltplatz herunter. In der Dorfbäckerei erfahren sie, dass Marianne Weber sich dort vor Jahren zu Tode stürzte. Ihr Mann hat ihren Tod nicht verkraftet und ist seitdem verschwunden. Während eines heftigen Gewitters löst sich in dem dunklen Fichtenwald ein Schuss. Ein Totenschädel rollt in das Zeltlager und bleibt vor den Füßen der Camper liegen. Wer ist die Frau auf den Klippen? Und wo ist Kurt Weber?

Wer schon einmal am Waldrand gezeltet hat, kennt das. Man liegt wach. Ein leichter Nachtwind bewegt die Äste der Bäume und das Mondlicht wirft deren Schatten auf die Zeltwände. Wenn man sich dann noch gegenseitig Gruselgeschichten erzählt, ist die Atmosphäre perfekt.

Textprobe aus: Unheimliche Begegnungen – Tanneck

Die Kühle des Morgens und der Duft von Wildkräutern auf der Wiese weckten mich auf. Ein leichter Wind wehte in das Zelt hinein und spielte mit dem Zeltstoff. Der Eingang stand offen, Katrin war schon aufgestanden. Ich hörte draußen vor dem Zelt jemanden mit Geschirr klappern. Doris und Katrin unterhielten sich leise. Ich öffnete meinen Schlafsack. Die Morgensonne schien durch die Lüftungsgitter, ein wenig Kondenswasser lief von innen an der äußeren Zeltplane herab. Auf der Wiese summten Insekten, Vögel zwitscherten, und in den Kronen der Fichten rauschte der Wind. Dann hörte ich Doris leise lachen und wie jemand Wasser in ein Gefäß goss und einen Gasbrenner anzündete.
Noch etwas benommen stand ich auf. Das Zelt war hoch genug, sodass ich stehen konnte. Ich zog meine Jeans und die Schuhe an, nahm mein Waschzeug und trat vor das Zelt. Doris und Katrin saßen an der Sitzgruppe und begrüßten mich. Sie hatten einen Sonnenschirm darüber aufgespannt. Ich gab Katrin einen Kuss, fragte nach der Uhrzeit und nach Ralf.
„Es ist kurz nach acht. Ralf schläft noch“, sagte Doris leise.
Dann machte ich mich auf den Weg zum Bach.
Als ich wieder zum Lagerplatz zurückkam, hatten Doris und Katrin schon Kaffee gekocht, das Frühstück vorbereitet und Ralf saß bereits am Tisch.
„Morgen“, brummte er mir entgegen. „Wie kalt ist das Wasser?“
„Ungefähr so“, antwortete ich und zeigte ihm zwischen meinem Daumen und dem Zeigefinger einen Abstand von zwei bis drei Zentimetern. Alle lachten und wir nahmen unser Frühstück ein.
„Wem gehört eigentlich diese Hütte da“, fragte ich Ralf.
„Keine Ahnung. Vielleicht dem Jagdpächter. Bei dem habe ich auch den Zeltplatz gemietet.“
„War jemand von euch heute Nacht noch einmal auf?“, fragte Doris in die Runde.
Alle schüttelten den Kopf.
„Nö“, bekräftigte ich. „Warum?“
„Ich musste kurz, nachdem ich im Zelt lag, noch einmal raus. Als ich vom Wald zurückkam, glaubte ich, jemanden auf den Felsen dort oben stehen gesehen zu haben. Es war eine sternenklare Nacht, ohne Wolken, der Mond schien hell.“
Wir schauten Doris an. Ralf senkte seinen Kopf, runzelte seine Stirn und blickte Doris unter seinen Augenbrauen hervor an.
„Du brauchst gar nicht so zu gucken. Ich bin mir fast sicher“, zweifelte Doris.
„Fast“, bekräftigte Ralf. „Jemand mitten im Wald, mitten in der Nacht? Wohl eher unwahrscheinlich.“
„Aber wir sind doch auch hier“, schaltete sich Katrin nun ein und stand Doris bei.
„Das nächste Mal weckt ihr uns, und wir gucken mit dem Fernglas“, beruhigte Ralf die beiden.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, es wurde wieder sehr warm. Nachdem die Zelte und die Schlafsäcke ausgelüftet waren, beschlossen wir, in den nächsten Ort zu fahren und Lebensmittel zu kaufen. Bei dieser Gelegenheit wollten wir auch gleich beide Autos wieder volltanken.

Es war ein kleiner Ort, aber er bot uns alles, was wir brauchten. Wir fanden eine Tankstelle, einen kleinen Supermarkt und eine Bäckerei. Wir tankten, kauften im Supermarkt ein und gingen, jeder mit einem Eis in der Hand, zur Bäckerei.
Wir waren die einzigen Kunden. Hinter dem Verkaufstresen stand eine ältere Verkäuferin und begrüßte uns höflich. Nachdem wir uns mit Brot und Brötchen für die nächsten Tage eindeckt hatten, erkundigte sie sich neugierig, ob wir Touristen seien und wo wir abgestiegen wären.
Ich erzählte ihr vom Tanneck. Daraufhin verdunkelte sich ihre Miene und sie sprach mit mahnender Stimme.
„Dann passen sie gut auf sich auf. Seien sie nicht leichtsinnig und klettern sie nicht auf den Felsen herum. Am Tanneck gab es vor Jahren eine furchtbare Tragödie. Die Weber Marianne ist von den Felsen in den Bach gestürzt. Ihr Mann, der Weber Kurt, dem gehörte das Tanneck, war ebenfalls eines Tages verschwunden und tauchte nicht mehr auf. Zuhause war er nicht und in seiner Hütte auch nicht. Auch im Wald haben sie ihn gesucht, aber bis heute keine Spur von ihm gefunden. Ich sag ihnen was. Der hat den Tod seiner Marianne nicht verkraftet. Der hat sich umgebracht. Irgendwo. Vielleicht ist er auch die Felsen runter und der Bach hat ihn mitgenommen. Wenn es ordentlich regnet, führt der Bach viel mehr Wasser als jetzt.“
Dann betrat ein weiterer Kunde die Bäckerei. Wir verabschiedeten uns von der Verkäuferin und gingen zu unseren Autos zurück. Keiner sprach etwas, jeder machte sich seine Gedanken
„Ist ja gruselig“, brach Doris unser Schweigen. „Wer weiß, wer das heute Nacht auf den Felsen war.“
„Also, Marianne war es sicher nicht“, blödelte Ralf, lachte und versuchte uns aufzumuntern.
Unsere Ferienstimmung war durch diese Geschichte etwas gedämpft. Auf der Rückfahrt zum Tanneck beschlossen Katrin und ich, uns die schöne Zeit hier nicht verderben zu lassen. Wir bedauerten das Schicksal von Marianne und Kurt Weber, aber wir kannten sie nicht, hatten mit dem Fall nichts zu tun und wollten hier nur eine Woche Urlaub mit unseren Freunden machen.

Als wir um die Hütte herum wieder auf die große Wiese fuhren, hatte der Ort für uns nichts von seinem Charme verloren. Die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel herab, der Bach plätscherte, ein warmer Sommerwind rauschte in den Kronen der Fichten und strich sanft über das hohe Gras. Auf der Wiese summten Insekten in den Blüten der Wildblumen auf ihrer Suche nach Nektar.
Ralf und Doris waren nach einem kurzen Gespräch mit uns einig. Gemeinsam verräumten wir die eingekauften Sachen und beschlossen, anschließend den angrenzenden Wald und die Felswand zu erkunden. Wir wollten nicht klettern, sondern einen Weg finden, der uns auf die Felsen führte. Nachdem wir uns feste Schuhe angezogen hatten, gingen wir über die kleine Brücke in den Wald.

Das Gelände stieg an und war mit hohen Fichten bestanden. Die Sonnenstrahlen erreichten kaum den Waldboden. Unter dem dichten Nadeldach war es deutlich kühler als auf der Wiese. Immer steiler ging es den Hang hinauf. Unsere Schritte wurden von dem weichen Waldboden gedämpft. Nur manchmal trat einer von uns auf einen kleinen Ast, der leise knackend unter unseren Füßen brach. Wir hielten uns rechts, dort musste die Felswand sein. Schwer atmend blieben Ralf und ich stehen und warteten auf Doris und Katrin. Wir schauten uns um und entdeckten einen schmalen, kaum auszumachenden Pfad. Wie ein Wildwechsel schlängelte er sich den steilen Hang hinauf. Da er offenbar in die Richtung der Felsen führte, beschlossen wir, ihm zu folgen.
Je höher wir dem schmalen Pfad den Hang hinauf folgten, desto unwegsamer wurde er. Wir gingen langsamer und achteten auf unsere Schritte. Baumwurzeln ragten aus dem Boden, dazwischen lagen große Steine. Rechts von uns, nicht weit entfernt, konnten wir zwischen den Stämmen der Bäume hindurch Felsgestein sehen.
Ralf und ich blieben erneut stehen und warteten auf die Mädchen. Der Pfad war jetzt so steil, dass wir mehr kletterten als liefen. Als Doris und Katrin uns erreichten, blieben wir noch einen Moment stehen. Auch sie brauchten eine kleine Pause.
Nachdem wir uns etwas erholt hatten, gingen wir weiter. Jetzt blieben wir dichter beisammen und halfen uns gegenseitig den steilen Pfad hinauf. Bald hatten wir die Felswand erreicht und der schmale Weg schlängelte sich davor weiter bergauf. Nach etwa 50 Metern führte der Pfad vorbei an dicken Fichtenstämmen auf eine ebene Fläche. Dann standen wir auf einem kleinen Plateau. Hier oben, auf der Felswand, hatten wir eine herrliche Fernsicht über den Harz. Der Fels war zum Teil mit Gras und Moos bewachsen. Erschöpft ließen wir uns auf einen Flecken weichen Boden fallen, ruhten uns aus und genossen den Ausblick.

Nach einer ganzen Weile stand ich auf und trat an den Rand des Plateaus.
„Sei bloß vorsichtig“, rief Katrin mir hinterher.
Von den Felsen herunter konnte man die Lichtung sehen. Mitten darauf standen unsere Autos. Deren Fahrspuren im Gras und die Kuppeln der beiden Zelte waren deutlich zu erkennen. Was für ein friedlicher Ort dachte ich mir. Dann schaute ich zu der Hütte unter den Obstbäumen und mir fiel wieder die Geschichte ein, die uns die Verkäuferin in der Bäckerei erzählt hatte.
Hier also war Marianne Weber hinab gestürzt. Ich machte noch einen Schritt auf den Rand des Plateaus zu und beugte mich vorsichtig nach vorn. Dann blickte ich nach unten und sah den Bach.
„Wer da herunterfällt, ist ganz sicher tot“, sagte Ralf plötzlich hinter mir.
Ich hatte nicht bemerkt, dass er mir gefolgt war. Ich machte einen Schritt zurück und drehte mich um. Doris und Katrin waren mir ebenfalls gefolgt und traten vorsichtig an den Plateaurand. Doris verzichtete auf einen Blick nach unten. Katrin verschränkte ihre Arme vor der Brust, beugte sich behutsam vor und schaute in die Tiefe. Auf ihren nackten Armen bildete sich dabei eine Gänsehaut. Ihre langen, blonden Haare wehten im Wind.
Was für eine Tragödie, wenn sie jetzt hinunterfiel, durchfuhr es mich. Ein unerwarteter Windstoß oder ein unachtsamer Schritt und schon konnte es passiert sein.
Plötzlich hatte ich Angst um sie. Schreckliche Vorstellungen drängten sich mir auf. Ich sah in Gedanken, wie sie abstürzt, unten aufschlägt, ihre Glieder zerschmettert, von der Strömung des Bachs fortgerissen. So wie es die Verkäuferin erzählt hatte, so wie es Marianne Weber ergangen war. Endlich machte Katrin einen Schritt rückwärts und trat von dem Felsenrand zurück. Sie drehte sich zu mir um, sah mich an und schien meine Gedanken zu ahnen. Dann umarmte sie mich und scherzte: „Keine Sorge, so schnell wirst du mich nicht los.“

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Michael E. Vieten - Aus der Zwischenwelt“Tanneck” ist eine Erzählung aus der Serie ‘Unheimliche Begegnungen – Aus der Zwischenwelt’.
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