Posts Tagged ‘Jörg Rottmann’

Krimi-Serie in mehreren Bänden. Der erste Band erschien 2015 im ACABUS-Verlag Hamburg. Es folgten weitere Bände jeweils im darauf folgenden Jahr. Alle Bände können unabhängig voneinander gelesen werden.

Christine Bernard (gesprochen Christin‘ Bernar‘) ist eine junge Kommissarin aus dem Kommissariat 1 (Todesermittlungen/Fahndung/Kriminaldauerdienst) der Kriminaldirektion Trier. Mutter Portugiesin, Vater Luxemburger.
Christine ist in Luxemburg geboren und in Deutschland aufgewachsen. Keine Geschwister. Seit Band 1 ist sie mit dem Cellisten Torben Heintz liiert. Sie spricht englisch, französisch und deutsch.
Ihr erster Einsatz erfolgte in dem Kriminalroman Atemlos – Von des Todes zarter Hand. Darin ließ sie sich aus privaten Gründen von der Kriminalinspektion Wittlich zur Kriminaldirektion Trier versetzen und ersetzte den verstorbenen Kollegen Hauptkommissar Horst Krieger. Die beiden Bände Atemlos – Beim Sterben ist jeder allein und Atemlos – Von des Todes zarter Hand bilden die Vorgeschichte zur Serie Christine Bernard.
Christine ist eine attraktive, kluge und mutige Frau. Empathisch, vorwärts strebend, manchmal ein wenig zu leichtsinnig, im Gegensatz zu ihren erfahrenen Kollegen den beiden Hauptkommissaren Torsten Kluge und Jörg Rottmann. Zum Team gehört auch die Polizeihauptmeisterin Tanja Rieger.

Im Rahmen der Handlung eines klassischen Kriminalromans in der Region Trier, Mosel, Hunsrück, Eifel und Luxemburg greift die Serie aktuelle Themen auf und bindet die soziale- und gesellschaftliche Situation ihrer Figuren ein. Nicht die Tat steht im Mittelpunkt der Geschichte, sondern die Menschen und wie ein Verbrechen auf sie einwirkt. Christine Bernard Romane sind spannend, unterhaltsam aber niemals banal. Intelligente Kriminalliteratur mit sympathischen Protagonisten.

Band 1

Band 2

Band 3

Band 4

Band 1

Band 2

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Alle „Christine Bernard“-Fans wird es freuen. Die Krimis Atemlos 1+2 sind als überarbeitete Ausgaben bei Twentysix erschienen.

Wie alles begann! Die Vorgeschichte zur Serie „Christine Bernard“.

Atemlos – Beim Sterben ist jeder allein
Kriminalroman | 288 Seiten
2. überarbeitete Ausgabe

Anselm Jünger lebt zurückgezogen. Er ist freundlich, unscheinbar und still. Doch tief in ihm lauert eine tödliche Gefahr. Seine überaus niedrige Reizschwelle kombiniert mit einer unterentwickelten Fähigkeit zur normalen Konfliktbewältigung. Anselm Jünger ist ein psychopathischer Mörder. Intelligent, pragmatisch, eiskalt. Wer ihn kränkt, unhöflich oder unaufmerksam ist oder ihn zurückweist oder einfach nur sein grundsätzliches Missfallen auslöst, schwebt in größter Gefahr.
Allein die Prostituierte Anna Nowak hat Zugang zu diesem überaus verschlossenen Menschen und gefährlichen Psychopathen.
Ein einsamer Kommissar aus Trier jagt einen gefährlichen Serienmörder.

Taschenbuch (288 Seiten, ISBN: 978-3740744045)

eBook (ISBN: 978-3740774462)

 

Atemlos (2) – Von des Todes zarter Hand
Kriminalroman | 272 Seiten
2. überarbeitete Ausgabe

Die Geschichte von Anna Nowak und Anselm Jünger geht weiter.
Hauptkommissar Matheo Anderssons Vorgesetzte im Landeskriminalamt Mainz hatten sich unmissverständlich ausgedrückt. Sie wollten auf keinen Fall eine „Bonnie & Clyde-Geschichte“ daraus werden lassen. Deswegen schickten sie ihren besten Mann. Doch das flüchtende Verbrecherpärchen gerät völlig außer Kontrolle. Anna Nowak und Anselm Jünger ziehen auf ihrer wilden Flucht eine blutige Spur hinter sich her. Auch vor Geiselnahme schrecken sie nicht zurück. Dabei fällt ihnen Matheo Anderssons junge und unerfahrene Kollegin Christine Bernard in die Hände. Ein nervenaufreibendes Katz-und-Maus-Spiel beginnt.
Eine Ballade. Eine „Bonnie & Clyde-Geschichte“. Ein rasanter Krimi aus Trier.

Taschenbuch (272 Seiten, ISBN: 978-3740744564)

E-Book (ISBN: 978-3740774806)

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Cover-Atemlos1+2-200Ab sofort gibt es beide Atemlos Krimis von mir als E-Book-Doppelband zum Vorteilspreis. Der E-Book-Doppelband enthält die beiden Kriminalromane
Atemlos – Beim Sterben ist jeder allein
und
Atemlos – Von des Todes zarter Hand
in ungekürzter Ausgabe.

Der E-Book-Doppelband ist bei Amazon, Thalia, iTunes, Weltbild, Google Play, ebook.de und vielen anderen Onlineshops  erhältlich.

buch-kaufen4E-Book
(ISBN: 978-3-7368-6068-1)

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Kriminalroman, 2. überarbeitete Ausgabe: Die Geschichte von Anna Nowak und Anselm Jünger geht weiter.

Hauptkommissar Matheo Anderssons Vorgesetzte im Landeskriminalamt Mainz hatten sich unmissverständlich ausgedrückt. Sie wollten auf keinen Fall eine „Bonnie & Clyde-Geschichte“ daraus werden lassen. Deswegen schickten sie ihren besten Mann.
Doch das flüchtende Verbrecherpärchen gerät völlig außer Kontrolle. Anna Nowak und Anselm Jünger ziehen auf ihrer wilden Flucht eine blutige Spur hinter sich her. Auch vor Geiselnahme schrecken sie nicht zurück. Dabei fällt ihnen Matheo Anderssons junge und unerfahrene Kollegin Christine Bernard in die Hände. Ein nervenaufreibendes Katz-und-Maus-Spiel beginnt.
Eine Ballade. Eine „Bonnie & Clyde-Geschichte“. Ein rasanter Krimi aus Trier.

„Atemlos – Von des Todes zarter Hand“ erzählt davon, wie schnell sich Ereignisse hochschaukeln können und eine Situation völlig außer Kontrolle gerät.

buch-kaufen4Taschenbuch (272 Seiten, ISBN: 978-3740744564)

E-Book (ISBN: 978-3740774806)

Das eBook ist in allen bekannten Online-Shops verfügbar. Das Taschenbuch wird auch im Regionalladen “Sinnessachen” im Hunsrückhaus auf dem Erbeskopf zum Kauf angeboten. In der Verbandsgemeindebücherei im „Haus der Begegnung“ und in der Stadtbibliothek-Trier kann es ausgeliehen werden.

TIPP! Wie alles begann. „Atemlos 1+2“, die Vorgeschichte zur Serie „Christine Bernard“.

Hier gibt es eine Leseprobe: Eine Bonnie and Clyde-Geschichte

Ebenfalls in dieser Reihe erschienen:

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Die Geschichte von Anna Nowak und Anselm Jünger geht weiter. Kleiner Tipp für alle Fans von Christine Bernard: In „Atemlos – Von des Todes zarter Hand“ hat sie ihren ersten Auftritt in der Kriminaldirektion Trier.

Textprobe aus: Atemlos – Von des Todes zarter Hand

Rottmann ermittelt

„Verletzte Person. Nicht ansprechbar. Hoher Blutverlust. Fremdeinwirkung nicht auszuschließen. Arzt und Rettungsdienst bereits vor Ort.“
Solche Meldungen waren es nicht, die Jörg Rott-mann die Sorgenfalten auf die Stirn trieben. An schlechte Nachrichten war er als Hauptkommissar der Trierer Kriminalpolizei gewöhnt. Es war die übermittelte Adresse, die ein unbestimmtes Gefühl bei ihm hinterließ. Denn genau dort stand das Haus, in dem auch der schwergewichtige Kollege Hauptkommissar Horst Krieger seine Wohnung hatte.
Ohne Eile legte Jörg Rottmann den Hörer zurück auf das Telefon. Dieser „Kunde“ lief nicht mehr weg. Dienstschluss. Die Kollegen vom Kriminaldauerdienst würden sich um den Fall kümmern.
Die Neugier trieb ihn dann doch die Treppe hinunter, anstatt geduldig auf den Aufzug zu warten und gelassen nach Hause zu fahren.
Nach einem kräftigen Tritt auf das Gaspedal des schwarzen Dienst-BMW schoss der schwere Wagen vom Gelände der Kriminaldirektion Trier. Feierabendverkehr.
Berufspendler und alle die, die zu dieser Zeit besser zu Hause geblieben wären, verstopften die Straßen der Innenstadt. Hauptkommissar Rottmann verspürte eine beinahe unbändige Lust, das Blaulicht auf das Dach zu packen und sich mit eingeschaltetem Sondersignal den Weg zu bahnen. Aber das gäbe nur wieder Ärger mit dem Alten.
Bei seinem Vorgesetzten, Kriminaldirektor Josef Weinig, hatte er nicht mehr viele Steine im Brett und bei Staatsanwalt Walter Lorscheider schon gar nicht. Den beiden war der oftmals ruppige Hauptkommissar nicht selten zu forsch. Der wiederum verstand die Aufregung um seine Person nicht. Er fand sich ganz okay.
Ganz okay fanden seine Vorgesetzten lediglich die außerordentlich erfolgreiche Ermittlungsarbeit. Aufgrund derer sie ihn bis auf Weiteres Dienstwagen und Waffe führen ließen, nicht ohne sich die Eignung dazu von Polizeipsychologin Karin Vollmer bestätigen zu lassen. Was die, wenn auch schweren Herzens, immer wieder tat. Der Herr Hauptkommissar glaubte deshalb, einen guten Draht zu der schlanken, spröden Rothaarigen zu haben. Frau Polizeipsychologin jedoch war der Ansicht, es handele sich nur um einem dünnen Faden.

Jörg Rottmann geduldete sich also, schaute ge-langweilt aus dem Seitenfenster seines Wagens und erinnerte sich an den vor Anstrengung schnaufenden Kollegen, wenn der die Treppe in den ersten Stock hinauf in seine Wohnung erklomm. Weshalb der Dicke sich nicht eine Wohnung im Parterre gesucht hatte oder wenigstens in ein Haus mit einem Aufzug gezogen war, verstand er nicht. Vielleicht ein Rest Sports-geist, der jeden Tag an den hundertsechzig Kilo Körpergewicht scheitern musste.
Plötzlich tat ihm der Dicke leid. Keine Frau, keine Kinder. Krieger lebte allein und war sich angeblich selbst genug. Privaten Kontakt zu Kollegen hatte er kaum. Wahrscheinlich fühlte er sich einsam.
Bevor Hauptkommissar Rottmann seinen senti-mentalen Gedanken gänzlich erliegen konnte und womöglich noch ein schlechtes Gewissen bekam, weil er den Kollegen nicht ein einziges Mal nach Feierabend auf ein Bier eingeladen hatte, rollte er hinter einem Kleintransporter bei Gelblicht an der Verkehrsampel vorbei und bog in die Straße mit der gemeldeten Adresse ein.
Ein Krankenwagen, ein Notarztwagen und der schwarze Kleinbus eines Bestattungsunternehmens standen vor dem Haus. Die Spurensicherung war auch schon da. Das volle Programm. Also hatte der Notarzt bereits den Tod der aufgefundenen Person festgestellt und die Beamten vom Kriminaldauerdienst hatten alle zuständigen Dienststellen informiert.
Jörg Rottmann fuhr in die Einfahrt zum Hinterhof hinein und ließ den Wagen auf die Garage von Hauptkommissar Krieger zurollen. Das Garagentor stand offen, ein blauer Ford Mondeo parkte darin. Hinter dem Dienstwagen seines Kollegen stellte er den BMW ab.

Mit der Gewissheit ist das so eine Sache. Manchmal steigt man mit ihr in ungeahnte Höhen auf, so wie dann, wenn man endlich weiß, dass die Angebetete sich auch für einen interessiert. Aber Gewissheit reißt einen auch mit sich, tief hinunter in ein dunkles Loch. Es dauert seine Zeit, bis man sich daraus wieder befreit hat.
Gewissheit brachte Jörg Rottmann ein flüchtiger Blick. Der Fleischberg in der großen Blutlache dort auf den Fliesen in der Eingangshalle war sein Kollege Hauptkommissar Horst Krieger. Vor dem Absturz in das dunkle Loch befreite Jörg Rottmann nur die sofortige Aufnahme der Ermittlungsarbeit. Konzentriert und professionell.
Mit einem stummen Nicken begrüßte er Poli-zeihauptmeister Günther Hagemann von der Spurensicherung und stieg mit ausladenden Schritten über hölzerne Reste des Treppengeländers hinweg, die in der Eingangshalle des ehrwürdigen Bürgerhauses überall herumlagen.
Trotz des hohen Alters zeugte dieses Gebäude noch immer von dem gediegenen Wohlstand seines Erbauers aus einem längst vergangenen Jahrhundert. Aufwendig saniert und liebevoll gepflegt. Horst Kriegers Leiche konnte diesem Eindruck nichts anhaben. Das Haus hatte zwei Weltkriege überstanden. Es war, als forderte es alle Anwesenden geradezu dazu auf, ihre Haltung nicht zu verlieren.
Vielleicht war es aber auch die Gegenwart von Ruth Mayr. Die alte Dame bewohnte die Wohnung im obersten Stockwerk. Kerzengerade stand sie mit verschränkten Armen in einem grünen Kleid auf dem ersten Treppenabsatz und beobachtete mit versteinerter Miene das Geschehen. Auch sie hatte bereits zwei Weltkriege überlebt und ertrug Schicksalsschläge seither mit Fassung. Geübt, als hätte sie es schon Hunderte Male ertragen müssen.

Hauptkommissar Rottmann riss sich von ihrem Anblick los und gab Günther Hagemann mit einem Kopfnicken zu verstehen, von ihm unterrichtet werden zu wollen. Der Leiter der Spurensicherung ließ den Kopf von Horst Krieger sanft wieder zurück auf die Fliesen gleiten, zog die blutverschmierten Einweg-Handschuhe aus und stand auf. Mit langen Schritten setzte er sich über die Reste des Treppengeländers hinweg in Richtung seines Kollegen in Bewegung.
„Hallo Günther, was haben wir?“
Polizeihauptmeister Hagemann zog sich den Mundschutz herunter.
„Was ich bisher sagen kann, ist, dass Horst offenbar das Geländer durchbrach und in die Eingangshalle hinab gestürzt ist. Bei seinem Gewicht, gepaart mit seiner Unsportlichkeit, hatte er keine Chance. Wenn er etwas trainierter gewesen wäre, hätte er sich wahrscheinlich auch sämtliche Knochen gebrochen, wäre aber vielleicht nicht daran gestorben.“
„Fremdeinwirkung?“
„Nicht auszuschließen.“
Günther Hagemann deutete mit einem kurzen Blick auf den Treppenabsatz und sprach weiter.
„Frau Mayr dort glaubt jedenfalls, zur Tatzeit eine fremde Person aus dem Haus laufen gesehen zu haben.“
„Scheiße.“
„So ist es.“
Jörg Rottmann klopfte Günther Hagemann freundschaftlich auf die Schulter und wandte sich ab. Der Polizeihauptmeister ging wieder an seine Arbeit.
Mit drei schnellen Schritten eilte Jörg Rottmann die Treppenstufen hinauf auf den Treppenabsatz und stand plötzlich vor Ruth Mayr. Die unterdrückte ihr Missfallen über diese, ihrer Meinung nach, der Situation völlig unangemessene Hast und reichte dem Hauptkommissar ihre von Gicht und Altersflecken gezeichnete Hand zur Begrüßung.
„Rottmann, Hauptkommissar“, stellte er sich vor. „Ich untersuche den Tod meines Kollegen Hauptkommissar Krieger.“
„Angenehm. Ruth Mayr. Ich wohne im zweiten Stock.“
Blitzlichter von Günther Hagemanns Fotoapparat erhellten ihr Gesicht. Ruhig schaute sie ihrem Gegenüber in die Augen. Dabei blinzelte sie nicht ein einziges Mal. Ruth Mayr stand nur dort und wartete geduldig, während dieser ungestüme Kommissar vor ihr nach der ersten Frage suchte. Sie wusste noch, was sich gehört.
„Ja, äh, Sie haben jemanden aus dem Haus laufen sehen?“
„Einen jungen Mann. Ich würde ihn nicht wiedererkennen, dafür sind meine Augen zu schlecht, aber seinen Bewegungen nach zu urteilen, war er jung. Ich denke, schlank. Nicht sehr groß. Dunkle Hose, helle Jacke. Das war kurz nach dem entsetzlichen Lärm im Treppenhaus. Ich blieb in meiner Wohnung und lauschte an der Tür. Dann ging ich zum Fenster und schaute auf die Straße hinunter. In meinem Alter handelt man besser besonnen. Ich laufe nicht mehr ir-gendwelchem Gesindel nach.“
„Das war sehr klug von Ihnen. Womöglich hätte der Mann Ihnen etwas angetan, und wir hätten jetzt weder einen Hinweis noch eine Beschreibung.“
Nun wurde ihr dieser Kommissar ein wenig sympathischer. Erstaunt stellte Ruth Mayr fest, dass sie trotz ihres hohen Alters für Schmeicheleien immer noch empfänglich war.
„Wann genau haben Sie den Mann gesehen?“
„Vor etwas mehr als einer Stunde. Ich bin dann gleich hinuntergegangen und wollte schauen, ob Herr Krieger zu Hause ist. Nachdem ich ihn gefunden hatte, habe ich sofort die Polizei angerufen.“
“Wohnen noch weitere Personen im Haus?“
„Ja, der Herr Forster im Erdgeschoss. Aber der arbeitet im Außendienst und ist selten zu Hause. Er scheint auch jetzt nicht da zu sein. Ich habe vorhin bei ihm geklingelt, aber es hat niemand geöffnet. Ist es nicht seltsam? In diesem Haus leben wir alle alleinstehend.“
„Lebten“, verbesserte Ruth Mayr sich mit einem Seitenblick auf die Leiche von Horst Krieger.
Jörg Rottmann beschloss, sich um den Herrn Forster später zu kümmern. Jetzt wollte er die Wohnung seines Kollegen sehen.
Nachdem er in der Jackentasche eine Visitenkarte gefunden hatte, verabschiedete er sich von der alten Dame.
„Gut, Frau Mayr. Sie haben mir sehr geholfen. Hier ist meine Karte. Wenn Ihnen noch etwas einfällt, können Sie mich ja anrufen.“
In Hauptkommissar Rottmanns Kopf arbeitete es bereits.
Wer könnte diese unbekannte Person gewesen sein? Hatte sie etwas mit Horst Kriegers Tod zu tun? Konnte sie möglicherweise Informationen liefern, die zur Aufklärung des Falles beitrugen? Vielleicht fand er einen Hinweis in Kriegers Wohnung.

Mit einem letzten Schritt entlastete Jörg Rottmann knarrend die oberste Stufe der Treppe und trat vor die Wohnungstür. Sie war beschädigt. Der Türrahmen ebenfalls. Jemand hatte sie eingetreten. Offenbar hatten seine Kollegen vom Kriminaldauerdienst die Tür geschlossen und mit einem Keil gesichert, damit niemand in den Räumen herumläuft, bevor sie freigegeben wurden.
„Günther?“, rief Jörg Rottmann in die Halle hinunter.
„Ja?“
„Kann ich schon in die Wohnung?“
„Ja, warte, ich komme.“
Günther Hagemann stieg mit einem kleinen Koffer in der Hand die Treppenstufen hinauf und kniete sich vor die Tür. Dann pinselte er den Rahmen und den Bereich um das Schloss herum ab und nahm einige wenige Fingerabdrücke. Auf der oberen Hälfte der Tür suchte er nach Ohrabdrücken, fand aber keine.
„Was Brauchbares gefunden?“
„Hmm. Wohl eher nicht. Unvollständig oder verwischt. Außerdem zu alt.“
Hauptkommissar Rottmann streifte sich Einmal-handschuhe über und entfernte den Keil unter der Tür.
„Ich gehe wieder hinunter. Die Räume schauen wir uns später genau an. Und, Jörg, bitte nichts verändern.“
„Ach, nee.“
„Ach, ja. Kann man Euch nicht oft genug sagen.“
Günther Hagemann stieg die Treppe hinab. Jörg Rottmann stieß die Tür auf und betrat Horst Kriegers Wohnung.
Flur, Küche, Bad, Schlafzimmer. Aufgeräumt. Wenig Möbel. Nichts Besonderes zu sehen. Alles unauffällig. Im Wohnzimmer auf dem Couchtisch lagen vier Aktenmappen. Er schlug die Erste auf.
Fotos, Ermittlungsberichte, Notizen. Das waren die Ermittlungsakten der vier Morde, an deren Aufklärung er selbst seit Monaten arbeitete. Ohne Erfolg. Der beurlaubte Hauptkommissar Krieger sollte sich die Unterlagen ansehen und neue Ideen beisteuern. Jörg Rottmann blätterte und suchte nach handschriftlichen Hinweisen oder Anmerkungen in den Akten. Doch er fand keinen einzigen Vermerk seines Kollegen. Die Ermittlungsakten sahen noch genauso aus, wie er sie selbst für ihn zusammengestellt hatte.
Dann fiel sein Blick auf Dutzende Fotos an der Wand über dem Sofa. Opferfotos.
Horst Krieger hatte an dieser Wand von jedem Mordopfer seiner Fälle ein Foto an die Wand gepinnt. Auf jedem Bild war vermerkt, ob der Fall erfolgreich abgeschlossen wurde. Hauptkommissar Krieger nahm offenbar jeden Fall persönlich. Nicht gut, in diesem Job. In der Hinsicht hätte er von den Kollegen noch etwas lernen können.
Jörg Rottmann ließ solche Gefühle erst gar nicht an sich heran. Das Schicksal anderer Menschen war eben das Schicksal anderer Menschen und nicht seines. Ohne den notwendigen Abstand würden Mordermittlungen schnell zu einer unerträglichen Belastung. Und dann wurde man Dauergast auf dem Folterstuhl von Polizeipsychologin Karin Vollmer. Jörg Rottmann schüttelte sich bei diesem Gedanken.
Unschlüssig blieb er im Flur stehen. Aus dem Augenwinkel sah er Ruth Mayr vor der Tür erscheinen.
„Wann kann ich den Hauseigentümer beauftragen, das Geländer reparieren zu lassen?“
„Ich denke, morgen, Frau Mayr. Die Spurensicherung wird heute Abend beendet sein.
Sagen Sie, hatte Herr Krieger in letzter Zeit Be-such? Hat er mit Ihnen mal darüber gesprochen? Oder ist Ihnen etwas aufgefallen?“
„Nein, nein, und nein. Zumindest weiß ich nichts davon. Herrn Krieger habe ich immer allein angetroffen. Ein sehr ruhiger, feiner Herr. Immer höflich. Ich werde ihn vermissen.“
„Danke, Frau Mayr.“
Jörg Rottmann verabschiedete sich von der alten Dame, stieg die Treppenstufen hinab und durchschritt die Eingangshalle. Die Leiche war weg. Das Team der Spurensicherung suchte auf den Resten des Treppengeländers nach verwertbaren Spuren.
„Kann ich mir Kriegers Wagen mal ansehen?“
Günther Hagemann schaute auf und überlegte kurz.
„Ja, aber setz Dich nicht hinein. Nur von außen bitte. Ich will ihn mir später noch genauer anschauen. Hier, den hatte Krieger in der Hosentasche. Bitte die Fernbedienung nicht benutzen, ich will die Daten noch auslesen.“
Jörg Rottmann nahm den Kunststoffbeutel entgegen, in dem Günther Hagemann den Autoschlüssel des Ford Mondeo aufbewahrt hatte. Dann umrundete er das Haus und trat vor Horst Kriegers Garage. Ein Druck auf den Autoschlüssel durch die dünne Folie hindurch hätte gereicht, und die Fernbedienung würde den Wagen entriegeln. Aber Jörg Rottmann tat, worum er gebeten wurde, schob den Schlüssel in der Tüte in Richtung Öffnung und legte den Schlüsselbart frei. Damit öffnete er die Fahrertür und nacheinander alle anderen Türen und den Kofferraum.
Bis auf einen kleinen Collegeblock war der Wa-geninhalt unauffällig. Aber dieser Collegeblock war ein Volltreffer. Darauf hatte Hauptkommissar Krieger seine Notizen gekritzelt. Auf einem Blatt standen mehrere Namen. Drei davon waren eingekreist und mit Linien verbunden. Anselm Jünger, Anna Nowak und Günther Biel. Zufrieden las Jörg Rottmann den letzten Namen.
Den Namen kannte er aus den Ermittlungsakten der vier ungeklärten Mordfälle. Günther Biel war das vierte Opfer. Und von diesem Günther Biel hatte Kollege Krieger offenbar eine Verbindung zu den beiden anderen Namen auf dem Zettel herstellen können. Anselm Jünger und Anna Nowak. Und natürlich hatte Kollege Krieger ihm davon nichts gesagt. Wahrscheinlich aus Rivalität. Dicke Freunde waren sie schließlich nie. Das konnte niemand behaupten. Im schlechtesten Fall war aber gerade diese Rivalität nun Horst Kriegers Todesurteil gewesen.
War das so? Hatten dieser Anselm Jünger und Anna Nowak etwas mit dem Tod von Hauptkommissar Krieger zu tun?
Jörg Rottmann angelte sein Mobiltelefon aus der Jackentasche und tippte eine Kurzwahlnummer.

„N’ Abend, Tanja. Jörg hier. Ich brauche zwei Adressen.“
Polizeimeisterin Rieger bot an, ihn zurückzurufen.
„Nein, jetzt sofort. Anselm Jünger und Anna Nowak. Geburtsdatum weiß ich nicht. Die Namen sind alles, was ich habe. Suche zuerst in den Landkreisen Trier-Saarburg, Bernkastel-Wittlich und Bitburg-Prüm. Ich bleibe dran.“
Solange er auf das Ergebnis wartete, schlenderte er in der Abendsonne über den gepflasterten Garagenhof.
Günther Hagemann lief auf die Garage zu, änderte seine Richtung und bat um den Schlüssel für den Mondeo.
Jörg Rottmann notierte sich auf Horst Kriegers Notizblock die ermittelte Adresse.
„Danke, Tanja. Leg Dich wieder hin“, frotzelte er.
Beide Personen waren an der gleichen Adresse in Trier-Pfalzel gemeldet. Bis dahin waren es nur wenige Kilometer.
Jörg Rottmann schaute auf das Display seines Telefons und las die Uhrzeit ab. Genau die richtige Zeit für einen Überraschungsbesuch.

Während er im Dienstwagen an den Moselauen vorbeirollte, versuchte er, Hauptkommissar Torsten Kluge zu erreichen. Wenn er schon alleine zu einem Verdächtigen fuhr, wollte er wenigstens seinen Teamkollegen darüber in Kenntnis setzen.
Sie arbeiteten seit Jahren als Ermittler zusammen. Daraus entwickelte sich schnell eine richtige Freundschaft. Die beiden lebten ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten aus, keine Frage, aber im Inneren ihres Wesens tickten sie gleich. Rottmann und Kluge gingen eine Symbiose ein und profitierten von den Eigenschaften des anderen. Musste es mal etwas rauer zugehen, hielt sich Kluge zurück, während subtile Manöver nicht Rottmanns Stärke waren.
Torsten Kluges Mailbox meldete sich. Jörg Rott-mann hinterließ eine Nachricht und ließ sein Mobiltelefon wieder in der Jackentasche verschwinden.

In der engen einspurigen Straße war nicht ein einziger Parkplatz frei. Auf den schmalen Bürgersteigen versperrten verkehrswidrig abgestellte Motorroller und Fahrräder Fußgängern den Weg. Ein Fest für die Kollegen vom Ordnungsamt. Aber die hatten längst Dienstschluss.
In verschiedenen Grautönen verputzte Gebäude reihten sich ohne Zwischenraum aneinander. Meist zwei bis drei Stockwerke hoch. Also vier bis sechs Wohnungen pro Haus. Jede Partei besaß ein Auto, manche zwei. Vor dem Haus war aber nur Platz für zwei bis drei Fahrzeuge. Wer nach Feierabend nur zwei Sekunden später als sein Nachbar nach Hause kam, musste sich irgendwo einen Stellplatz suchen und den Rückweg zu Fuß antreten. Wahrscheinlich verfluchten Dutzende Anwohner jeden Abend die Stadtplaner und am Morgen die Politessen, die amtseifrig in der Frühe die Falschparker verwarnten.
Jörg Rottmann parkte den Dienst-BMW auf einer Sperrfläche vor einer Sparkassenfiliale und stieg aus.
Aus geöffneten Fenstern drangen Gesprächsfetzen und Kindergeschrei. Geschirr klapperte. Abendessen wurden gekocht oder bereits verzehrt, deren Dünste auf die Nationalitäten der Hausbewohner schließen ließen.
Türken, Russen, Italiener. Die meisten Deutschen hingegen aßen abends belegtes Brot. So nannte man es ja auch. Abendbrot. Ob dieses Klischee tatsächlich noch bedient wurde, wusste Jörg Rottmann nicht. Er selbst ließ sich sein Essen vom Chinesen bringen.
Hauptkommissar Rottmann trat vor den Hauseingang und drückte den Klingelknopf „Nowak / Jünger“. Keine Gegensprechanlage. Ein leises Schnarren. Jörg Rottmann stieß die Tür auf und trat in den Hausflur. Heizölgeruch zog ihm in die Nase. Rechts eine Wohnungstür. Verschlossen. Kein Geräusch dahinter. Kein Namenschild an der Klingel. Er stieg die hölzerne Treppe hinauf in den ersten Stock.

Eine junge Frau mit kurzen blonden Haaren stand auf Strümpfen im Türrahmen und schaute ihn erwartungsvoll an. Sie hielt ein Stück Pizza in ihrer Hand, kaute noch einmal und schluckte.
„Guten Abend. Wollen Sie zu uns?“
„Wenn Sie Frau Nowak sind…“
„Anna Nowak. Ja, das bin ich.“
Jörg Rottmann angelte den Dienstausweis aus der Innentasche seiner Jacke und hielt ihn der blauäugigen Blondine entgegen.
„Hauptkommissar Rottmann. Kripo Trier. Haben Sie einen Moment Zeit?“
Die halbe Sekunde Verzögerung, bis Anna Nowak ihm antwortete, entging Jörg Rottmann. Zu sehr beeindruckte ihn die schlanke hübsche Frau, die er um fast einen Kopf überragte.
„Ja. Kommen Sie herein. Worum geht es?“
„Sind Sie allein?“
„Nein. Mein Freund ist da. Im Wohnzimmer. Geradeaus durch.“
Obwohl ihn Anna Nowak freundlich empfing und geradezu harmlos erschien, wollte Hauptkommissar Rottmann sicherstellen, dass dieser Jünger nicht irgendwo in der Wohnung umherschlich, während er sich mit seiner Freundin unterhielt.
Sie wies dem Kommissar mit der einen Hand den Weg, biss von dem Stück Pizza in der anderen Hand ab und sprach mit vollem Mund.
„Gehen Sie schon vor, ich lege erstmal das Stück Pizza aus der Hand. Möchten Sie etwas trinken?“
„Äh, nein. Danke.“
Dann rief Sie: „Anselm, wir haben Besuch.“
Anna Nowak verschwand in der Küche. Jörg Rottmann trat ins Wohnzimmer ein.
„Guten Abend, Herr Jünger.“
Der schmächtige junge Mann saß auf der Couch und hatte einen Pizzakarton auf dem Schoß. Auf dem niedrigen Tisch davor stand ein weiterer Karton mit einer Pizza darin, an der nur ein Stück fehlte. Der Fernseher lief.
„Wieso hatte Anna Nowak ihr Stück Pizza nicht einfach wieder in den Karton zurückgelegt? Was wollte sie damit in der Küche?“, durchfuhr es ihn.
Noch bevor Jörg Rottmann weiter darüber nach-denken konnte, ließ Anselm Jünger sein Stück Pizza in den Karton fallen und schob ihn auf den Tisch vor sich. Dann stand er auf.
„Guten Abend. Was gibt’s?“
Hauptkommissar Rottmann zeigte seinen Dienstausweis, den er immer noch in der Hand hielt, und steckte ihn in die Jackentasche zurück.
„Haben Sie heute Horst Krieger aufgesucht? Kann es sein, dass man Sie dort gesehen hat?“
Er hatte sich spontan für einen Frontalangriff entschieden. Die Personenbeschreibung von Ruth Mayr könnte auf diesen Jünger passen. Zugegebener Weise war die Beschreibung aber auch so vage, dass sie auch auf jeden anderen jungen Mann hätte passen können. Trotzdem. Wenn dieses schmächtige Kerlchen vor ihm mit dem Tod von Krieger nichts zu tun hatte, würde sich das bald herausstellen. Falls doch, gelingt es möglicherweise, diesen Jünger zu verunsichern. Dann macht er vielleicht Fehler und die Falle schnappt zu.
Er verspürte große Lust, den Fall so schnell wie möglich aufzuklären. Ihm war klar, dass Staatsanwalt Lorscheider und Josef Weinig auf Ermittlungsergebnisse nicht lange warten würden. Nicht in diesem Fall. Der Fall Horst Krieger musste schnellstmöglich aus der Welt.
Diesmal entging Hauptkommissar Rottmann die kleine Pause nicht, die entstand, weil sein Gegenüber angestrengt nach einer Antwort suchte.
So, wie ein Raubtier seine Beute beobachtet, ließ auch Jörg Rottmann diesen Anselm Jünger nicht mehr aus den Augen. Dann kam die Antwort auf seine Frage.
„Nein.“
Bingo! Dieser Jünger fragt nicht mal danach, wer Horst Krieger ist. Er kennt ihn also.
„Nein? Wo waren Sie denn zu dem Zeitpunkt?“
„Welchen Zeitpunkt meinen Sie denn?“
‚Schade‘, dachte Hauptkommissar Rottmann. „Der Punkt geht an ihn. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn er sich mit der Kenntnis über den Tatzeitpunkt gleich verraten hätte.“
„Später Nachmittag, früher Abend“, antwortete er enttäuscht.
Ein kurzes Grinsen huschte über Anselm Jüngers Gesicht.
„Bin herumgefahren und habe danach Anna von der Arbeit abgeholt.“
„Herumgefahren?“
„Herumgefahren. Mache ich öfter.“
„Zeugen?“
„Wohl kaum.“
„Hmm, aber Herrn Krieger kennen Sie?“
„Der war mal hier. Hat Fragen gestellt. Was ist mit ihm?“
„Er ist tot.“
„Tut mir leid.“
Dann fielen Jörg Rottmann die wenig vielversprechenden Fingerabdrücke an Horst Kriegers Tür ein.
„Wir haben Fingerabdrücke sicherstellen können. Würden Sie uns Ihre zur Verfügung stellen, damit wir Sie als Täter ausschließen können. Ist ja auch in Ihrem Interesse.“
„Jetzt?“
„Ja, warum nicht? Dann haben Sie es hinter sich. In einer Stunde sind Sie wieder hier bei Ihrer Freundin.“
Plötzlich hatte Anselm Jünger Blutspritzer im Gesicht und auf dem Hemd. Er riss den Mund weit auf und schrie etwas. Doch Hauptkommissar Rottmann konnte ihn nicht mehr verstehen. Ein grelles Pfeifen in seinen Ohren überlagerte jedes Geräusch. Dieser Jünger wurde langsam größer und starrte auf ihn herab. Dann spürte Jörg Rottmann Hitze in der Brust. Erst dann hörte er hinter sich einen lauten Knall. Alles um ihn herum geschah verzögert, überaus träge. Er nahm die Umgebung nur noch wie durch ein trübes Gelee wahr. Er selbst befand sich in diesem Gelee. Vor seinen Augen waberten Farben. Dunkle Töne. Grau. Rot. Violett. Das Letzte, was er unter größter Anstrengung noch wahrnahm, waren Anselm Jüngers Füße. Schwarze Socken.
Hauptkommissar Rottmann lag mit dem Gesicht auf dem Teppich. Das Atmen fiel ihm unendlich schwer. Er schwitzte stark. Dann verschwand die Welt um ihn herum in einer beängstigenden Dunkelheit.

Rottmann in Not

„Scheiße!“
Ungläubig starrte Anselm Anna an und versuchte zu begreifen, was gerade geschehen war und was das alles für ihn und Anna bedeutete. Er bemühte sich, die Gedanken zu ordnen, aber in seinem Kopf herrschte das Chaos.
„Ach du Scheiße!“, wiederholte er immer wieder nur. Dann wurde ihm die Luft knapp. Aber der Weg zum erlösenden Pumpzerstäuber mit dem Asthmaspray war durch den Körper dieses Kommissars versperrt. Keinesfalls würde er über ihn hinwegsteigen. Unmengen von Blut liefen aus dem reglos daliegenden Mann und sickerten in den Teppich.
‚Was für eine Sauerei‘, dachte Anselm und schaute an sich herunter.
Überall Blut. Auf dem Hemd. Auf der Hose. Auch auf seiner Gesichtshaut spürte er Blutspritzer trocknen. Er musste hier raus, sofort. Er konnte kaum noch atmen. Angestrengt pfeifend sog er in kurzen Zügen ein wenig Luft in seine Lungen.
Langsam, mit zögerlichen Schritten, entfernte er sich rückwärts von Jörg Rottmann, umrundete den Wohnzimmertisch und blieb vor Anna stehen. Sie versperrte ihm den Weg.
Wie erstarrt stand sie immer noch mit der todbringenden Waffe in ihren zarten Händen im Türrahmen. Dann öffnete sie ihre zitternden Finger und der Revolver fiel polternd auf den Boden. Erst dann trat sie zur Seite und Anselm stürmte an ihr vorbei in den Flur. Dort hing seine Jacke. In der rechten Außentasche befand sich das rettende Aerosol für seine verkrampften Bronchien.
‚Gleich zwei Stöße‘, dachte er. „Nein, besser drei“, und noch einmal drückte er den Zerstäuber zusammen und atmete den Wirkstoff tief ein.
„Wo..?“, hustete Anselm. „Wo um Himmels Willen hast Du diese Knarre her, verdammte Scheiße?“
„Von Paul. Nachdem mich dieser Biel verdroschen hatte, hat Paul sie mir gegeben. Falls mit einem Freier mal wieder etwas schief läuft.“
Natürlich, Paul Brenner, Annas Ex-Chef aus dem Klub „Chez Paul“. Wer sonst hätte die Möglichkeit gehabt, eine Waffe zu beschaffen.
Noch bevor Anselm etwas dazu sagen konnte, läutete es. Beinahe gleichzeitig klopfte jemand an die Tür.
„Herr Jünger? Alles in Ordnung? Ich habe einen lauten Knall gehört.“
Er dachte angestrengt nach. Das war die alte Fri-cke. Die dumme Kuh aus dem Nachbarhaus. Ständig schlich sie über den Hinterhof durch die meist unverschlossene Tür dort unten ins Haus und schnüffelte herum. Die sollte man am besten auch gleich umlegen. Schnell verwarf er jedoch diese Idee und antwortete.
„Alles Okay, Frau Fricke. Mir ist in der Küche etwas herunter gefallen.“
„Das klang aber ganz anders.“
„So ist es aber. Machen Sie sich keine Gedanken.“
Seine Geduld war bis auf einen kleinen Rest verbraucht. Sollte diese ungläubige Alte nicht sofort verschwinden, würde er sie wohl doch erschießen müssen.
Anselm schlich zur Wohnungstür und lauschte.
Scheinbar gab sich Gertrud Fricke mit seiner Er-klärung zufrieden. Murmelnd entfernte sie sich von der Wohnungstür und stieg die Stufen im Treppenhaus hinab. Doch er traute dem Frieden nicht. Sofort flitzte er lautlos auf Socken zum Küchenfenster und schaute in den Innenhof hinunter. Dort sah er die Alte mit trippelnden Schritten über den Hof eilen. Das sah nicht danach aus, als hätte sie ihm die Geschichte mit dem herabgefallenen Gegenstand in der Küche ge-glaubt. Diese blöde Kuh ruft doch jetzt gleich die Bullen an, sensationsgeil, wie sie ist.
Anselm konnte sich nur mit Mühe davon abhalten, den Revolver zu holen und damit über den Hof auf die alte Fricke zu ballern. Aber für solche Spielchen blieb nun keine Zeit mehr. Anna und er mussten sofort verschwinden. In ein paar Minuten standen die Bullen vor der Tür und stellten blöde Fragen. Und ihm fielen absolut keine überzeugenden Ausreden ein, mit denen er den erschossenen Kommissar im Wohnzimmer erklären konnte. Entsorgen schied auch aus. Am helllichten Tag über die Straße ins Auto schleppen? Oder über den Hof unter Frickes Fenster hinweg? Die wartete doch jetzt nur auf so etwas. Und wohin mit dem blutgetränkten Teppich? Und in der Verfassung, in der Anna gerade war, würde sie einer Befragung durch die Bullen nicht standhalten. Also weg. Schnell.
„Wir müssen abhauen. Jetzt, sofort.“
Anna nickte. Wie ferngesteuert schlüpfte sie in ihre Ballerinas und wartete an der Tür.
Verblüfft sammelte Anselm den Revolver und die Autoschlüssel ein und schnappte sich seine Jacke. Annas Jacke nahm er ebenfalls vom Haken, drückte sie ihr in die Hand und wollte schon die Wohnungstür öffnen, doch Anna versperrte ihm den Weg.
„Du bist voller Blut, und Du hast keine Schuhe an.“
Anselm schaute an sich herunter. Anna hatte recht. Verdammt, er musste sich jetzt endlich zusammenreißen und sich konzentrieren.
Schnell riss er sich die blutbespritzte Kleidung vom Körper und lief ins Bad. Dort wusch er sich das Gesicht und sah erst in den Spiegel, nachdem er sicher war, dass kein Blut mehr darauf zu sehen war. Zufrieden schlitterte er über die Fliesen im Flur ins Schlafzimmer und zog eine frische Hose und ein Hemd an. Auf dem Rückweg schlüpfte er in seine Schuhe. Ohne sie zuzubinden, verließ er mit Anna die Wohnung.

So sehr sie auch darum bemüht waren, möglichst unauffällig zu ihrem Wagen zu gelangen, eilten sie doch viel zu hastig über die Straße und sprangen gehetzt in Anselms schwarzen Corsa. Aber auf der Straße war niemand zu sehen, der sie dabei hätte beobachten können. Wahrscheinlich kauten Anselms Nachbarn in ihren Wohnungen noch auf ihrem Abendessen herum.
Beim Zurücksetzen sah er im Rückspiegel einen schwarzen BMW auf der Sperrfläche hinter sich stehen. Das war bestimmt die Karre von dem Bullen. Nach einem kurzen Blick in den Seitenspiegel rangierte Anselm den Corsa aus der Parklücke heraus und fuhr exakt mit den erlaubten 30 km/h die Straße entlang. Jetzt bloß nicht auffallen.
Nach wenigen Metern kam ihnen in langsamer Fahrt ein Streifenwagen entgegen. Er lenkte den Opel in eine Lücke zwischen zwei geparkten Fahrzeugen, hielt an und ließ den silberblauen VW-Passat passieren. Gleichzeitig tastete er nach dem Revolver in der Jackentasche. Doch die Polizeibeamten interessierten sich nicht für den schwarzen Kleinwagen. Sie suchten an den Fassaden links und rechts offenbar nach den Hausnummern. Unbehelligt ließen sie den Corsa weiterfahren. Beruhigt entspannte sich Anselm in seinem Fahrersitz und sah das Heck des Streifenwagens im Innenspiegel kleiner werden.
„Wenn das schon die Bullen waren, die von der Fricke gerufen wurden, sind wir aber keine Sekunde zu früh geflüchtet.“
Anna saß mit vor Aufregung geröteten Wangen bewegungslos neben ihm und schaute ihn an.
„Was zur Hölle hast Du Dir dabei gedacht, den Bullen über den Haufen zu schießen?“
„Ich habe gar nichts gedacht. Ich hatte Angst, dass, wenn er dich erst einmal mitnimmt, dich nicht mehr weg lässt.“
„Die haben nichts in der Hand. Ich habe nichts angefasst. Das mit den Fingerabdrücken war ein Bluff von diesem Kommissar.“
Schlagartig wurde Anna klar, dass sie mit ihrer Vermutung richtig lag. Anselm hatte Günther Biel umgebracht, weil der sie misshandelt hatte. Und anschließend musste er dann den fetten Kommissar beseitigen, weil der ihn verdächtigt hatte und gegen ihn ermittelte.
Anselm hingegen wurde in diesem Moment be-wusst, dass er Anna gegenüber gerade den Mord an dem dicken Kriminalbeamten gestanden hatte.
Beide hingen für eine Weile ihren Gedanken nach.
„Ich weiß, was Du getan hast, und ich weiß, dass Du es für mich getan hast.“
Anna legte ihre Hand an Anselms Hinterkopf und kraulte ihm liebevoll den Nacken. Er genoss diese Zuwendung und begann darüber nachzudenken, wie es weiter gehen sollte.
Sie brauchten jetzt einen guten Plan. Sie waren von nun an zwei Verbrecher auf der Flucht. Zwei Mörder. Ein Mörder und seine Komplizin. Die Polizei würde alles tun, um sie zu stellen. Sie mussten abtauchen. Sie benötigten Geld. Sie mussten sofort ihr Aussehen verändern. Der Wagen musste gewechselt werden.
Tausend Gedanken stürmten auf Anselm ein. Er begann sie zu ordnen, und eines war klar. Nun mussten sie rücksichtslos ihre Interessen durchsetzen. Sonst säßen sie bald jeder in einem anderen Gefängnis und würden sich nie wieder sehen. Ausgerechnet jetzt, wo sie gerade erst zueinander gefunden hatten.
„Was für eine Scheiße“, murmelte Anselm.
„Ja, was für eine Scheiße“, bestätigte Anna leise und nickte zustimmend.

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Cover-Siebenschön-ACABUS-200Psychokrimi: Eigentlich handelt es sich nur um eine Befragung zu einer Vermisstenanzeige. Doch der Selbstversorger Hartmut Schröder verwickelt sich in Widersprüche. Nicht nur seine Frau wurde seit Wochen von den Nachbarn in dem kleinen Dorf nicht mehr gesehen, auch seine sechs Kinder sind offenbar verschwunden. Kommissarin Bernard spürt, dass unter der Oberfläche dieses verstockten Landwirts etwas Unfassbares auf sie wartet. Kriminalhauptkommissar Thorsten Kluge übernimmt den Fall. Die junge Kommissarin ist erleichtert, sich nicht mehr mit diesem düsteren Menschen befassen zu müssen. Doch Hartmut Schröder schweigt und fordert, dass Kommissarin Bernard die Vernehmung fortsetzt. Nachdem sie ihm wieder gegenübersitzt, beginnt eine beispiellose Achterbahnfahrt in die Abgründe der menschlichen Seele.

Eine Frau, ihre sechs Töchter und ein verzweifelter Mann. Sieben Tage Verhör und ein schrecklicher Verdacht. Wo sind Andrea Schröder und ihre Kinder? Leben sie noch? Unter Einsatz ihres eigenen Lebens treibt eine junge Kommissarin der Trierer Polizei die Ermittlungen voran und versucht, einem psychisch auffälligen und gewalttätigen Sonderling die dringend benötigten Informationen abzuringen. Ein spannender Psychokrimi nicht nur für Genre-Fans.

buch-kaufen4Taschenbuch (284 Seiten, ISBN: 978-3862823529)

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Das Taschenbuch wird auch im Regionalladen “Sinnessachen” im Hunsrückhaus auf dem Erbeskopf zum Kauf angeboten. In der Verbandsgemeindebücherei im „Haus der Begegnung“ und in der Stadtbibliothek-Trier kann es ausgeliehen werden.

Hier gibt es eine Leseprobe: Regennächte. Eine Katzenwäsche für eine schmutzige Welt

Oder vorlesen lassen. Eine Hörprobe:

Update 22.02.2014 Der Buchtrailer zu “Christine Bernard – Der Fall Siebenschön” ist fertig:

Ebenfalls in dieser Reihe erschienen:

cover-feind-120Cover-Eisrosenkind

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Cover-Siebenschön-ACABUS„Christine Bernard – Der Fall Siebenschön“ ist mein erster Psychokrimi und Auftakt zu einer Serie.
Ich habe mich in das Team des K1 der Trierer Polizei so sehr hineingeschrieben, dass ich diese „neuen Freunde“ nicht mehr missen möchte.
Christine Bernard und ihre Kollegen werden also künftig öfter ermitteln müssen.

Textprobe aus: Christine Bernard – Der Fall Siebenschön
Regennächte. Eine Katzenwäsche für eine schmutzige Welt. Eine Welt, die nicht mehr zu retten ist. Da war sie sich sicher. Doch sie stand wenigstens auf der richtigen Seite. Von dort konnte sie sich all den Schmutz dieser Welt genau ansehen.
Leben heißt leiden, hatte sie in einer ihrer vielen schlaflosen Nächte in einem Roman gelesen. Ob der gut versorgte Bestseller-Autor überhaupt wusste, was das war? Leiden?
In der vergangenen Nacht hatte Christine Bernard endlich wieder einmal gut geschlafen. Am Abend trommelte sie ein lang anhaltender kräftiger Regen in den Schlaf. Die frühen Vögel am Morgen hatten sie in den Tag gesungen.
So erholt, wie schon seit langer Zeit nicht mehr, schummelte die junge Kriminalkommissarin ihren weißen Renault Mégane an diesem sonnigen Morgen durch den Berufsverkehr.
Losfahren, Vorfahrt nehmen und gleichzeitig halb dankend, halb entschuldigend die Hand heben und darauf achten, dem Überlisteten ein Lächeln aus ihrem hübschen von langen dunklen Haaren umgebenen Gesicht zu schenken.
Das klappte nicht immer. Manche Autofahrer hupten, fluchten oder beschwerten sich auf andere Weise über diese kleine charmante Unverschämtheit. Junge Frauen fast immer, junge Männer vereinzelt. Alle anderen ergaben sich meist der forschen Fahrweise dieser unbekannten Schönen. Fahrertraining. Polizeischule. Trotzdem hätte sie sich an so manchem Morgen ihren Weg durch den Berufsverkehr liebend gerne mit aufgesetztem Blaulicht gebahnt. Aber zu privaten Zwecken war das streng verboten. Auch wenn es kein Geheimnis war, dass die Kollegen Kluge und Rottmann in dringenden Fällen schon mal mit Sondersignal und Blaulicht Bier holen fahren.
Der baldige Beginn einer Fernsehübertragung eines Fußball-Länderspiels war für die beiden so ein dringender Fall. Schon zwei Mal mussten sie deswegen in Josef Weinigs Büro antreten und sich ihre Abmahnungen abholen. Kopie in die Personalakte. Da versteht der Herr Kriminaldirektor keinen Spaß. Der interessiert sich nicht für Fußball. Der geht lieber Kegeln.
Seine undisziplinierten Kriminalhauptkommissare verpflichtete er beide Male auch gleich zu einer der wenig beliebten Sitzungen bei Polizeipsychologin Karin Vollmer. Die Vollmer und der Rottmann konnten sich nicht ausstehen. Nach Karin Vollmers persönlicher Meinung war KHK Jörg Rottmann weder zum Tragen einer Waffe noch zum Steuern eines üppig motorisierten Dienstwagens geeignet. Aber mit diesem vernichtenden Urteil seine Karriere beenden? Nein, das wollte sie auch nicht. Also schrammte Rüpel Rottmann immer gerade so an einer Suspendierung vorbei.
Und Kluge?
Kommissarin Bernards Partner Kriminalhauptkommissar Torsten Kluge war ein Durchschummler. So ein weicher Typ, der sich an jedem Hindernis vorbeimogeln konnte. So hatte er es bis zum Hauptkommissar geschafft.
Christine Bernard unterbrach die geistige Betrachtung ihrer beiden so unterschiedlichen Kollegen und blickte amüsiert auf ihre neue Armbanduhr. Sie liebte diese großen weißen Plastikuhren, wie sie jetzt modern waren. Auf ihrer dunklen Haut wirkte die helle Uhr besonders auffallend.
Den braunen Teint hatte sie von ihrer Mutter, einer stolzen Portugiesin.
Die Erinnerung an ihre schöne Mutter trübten für einen Moment Christine Bernards Gesichtszüge ein. Der lange, schwere Kampf gegen den Krebs hatte von der attraktiven Frau wenig übrig gelassen. Als sie starb, war es für alle Betroffenen eine Erlösung. Außer für Vater. Er folgte ihr wenige Wochen später. Aus Gram. Davon war Christine Bernard fest überzeugt.
Papa war Luxemburger und nahe der französischen Grenze aufgewachsen. Groß, schlank. In jungen Jahren dunkelhaarig, später grau. Immer charmant und elegant und das Leben liebend.
Nach Christines Geburt zog er mit seiner jungen Familie nach Deutschland. Ihm zu Ehren verwies Christine Bernard immer gerne auf ihre frankophilen Wurzeln und wurde nicht müde, darauf hinzuweisen, dass ihr Vorname und ihr Nachname bitte wie im Französischen üblich ohne die abschließenden Buchstaben ausgesprochen werden.
Christin‘ Bernar‘ klang viel weicher, und sie hörte es lieber, als ihren deutschen Namen. Bescherte es ihr doch immer ein kurzes Andenken an ihren liebevollen Vater.
Und als ob es nicht schon genug des Leidens gewesen wäre, seine Eltern in so kurzer Zeit hintereinander zu verlieren, verließ Frank sie. Einfach Schluss gemacht, per SMS.
Sie hatte ihn zwar noch zu einem letzten Gespräch in ihrer Wohnung bewegen können, aber sein Entschluss stand fest. Seit Wochen. Daran bestand für sie kein Zweifel. All diese vielen Vorwürfe, chronologisch sortiert und zurechtgelegt. Was sie wann und wo falsch gemacht hatte und wie sehr es ihn störte.
Frank wusste, dass sie ihn nicht so einfach gehen lassen würde und hatte sich gut vorbereitet. Sie klangen wie ein Vortrag, seine Antworten, auf ihre Fragen nach dem Warum.
Die Suche nach einem freien Parkplatz vor der Kriminaldirektion verscheuchte Christine Bernards böse Erinnerungen. Jetzt hatte sie eine neue Wohnung und einen neuen Job in Trier. Alles auf Anfang. Zurück auf Los.
Auf ihrem Weg über den Parkplatz, hinein in das große rote Backsteingebäude, spürte sie den leichten kühlen Wind und die wärmenden Sonnenstrahlen des Septembermorgens auf ihrer Haut. Sie wich den letzten Pfützen aus, die der Nachtregen hinterlassen hatte. Es roch nach feuchtem Asphalt.
Christine Bernards attraktives Äußeres brachte ihr zwar gewisse Sympathien bei den Kollegen ein, aber die Kehrseite war ein unangenehmes, sie immer wieder beschleichendes Gefühl, im Kommissariat 1 der Trierer Kriminalpolizei nicht ganz ernst genommen zu werden.
Besonders in den ersten Wochen nach ihrem Dienstantritt spürte sie die Distanz zu den neuen Kollegen sehr deutlich.
Natürlich war sie noch nicht so erfahren, wie die altehrwürdigen Hauptkommissare des K1. Allen voran Jörg Rottmann, der sie mehr als Kaffeehäschen sah, anstatt als Kollegin auf Augenhöhe.
Doch dann hatte Staatsanwalt Walter Lorscheider plötzlich einen Narren an der jungen Kommissarin gefressen. Warum auch immer. Den Grund kannte Christine Bernard nicht.
Vielleicht hatte ihr Ex-Chef aus der Kriminalinspektion Wittlich ein gutes Wort für sie eingelegt oder sie hatte Vatergefühle bei Lorscheider ausgelöst. Das arme Mädchen ohne Eltern und ohne Mann im Haus.
Durch die schützende Hand von Walter Lorscheider war sie im K1 die Kollegin Kommissarin, auch wenn sich der Chauvinist Rottmann immer noch einredete, dass sie für den Kaffee zuständig sei.
Lorscheiders junge Lieblings-Kommissarin verzichtete auf die Nutzung des Aufzugs und nahm die Treppe. Zwei Stufen gleichzeitig. Im vierten Stock war sie doch ein wenig außer Atem und lief Staatsanwalt Lorscheider direkt in die Arme.
„Guten Morgen, Frau Kommissarin. Stürmisch und entschlossen voran. Immer wieder ein Vergnügen zu sehen, was wir doch für engagierte Kolleginnen im K1 haben.“
Lächelnd stand Walter Lorscheider vor ihr, und seine Mimik und Gestik verrieten Christine Bernard, dass er seine Komplimente durchaus ernst meinte. Sie lächelte zurück.
„Guten Morgen, Herr Staatsanwalt.“ Dann quietschten die Sohlen ihrer flachen Schuhe über den Boden des Ganges in Richtung ihres Büros. Auf ihrem Rücken glaubte sie, die Blicke von Walter Lorscheider zu spüren. Doch als sie die Bürotür öffnete und dabei einen kurzen Blick in seine Richtung riskierte, war er bereits verschwunden.
Wieder eine Begegnung, bei der es ihr nicht gelang, Staatsanwalt Lorscheiders Verhalten endgültig einzuordnen. Entweder würde sie irgendwann heilfroh sein, in seinen Gunsten zu stehen, oder sie würde es bitter bereuen. So viel war sicher. Bis dahin empfand sie Walter Lorscheiders schützende Hand über sich nicht als unangenehm.
Christine Bernard teilte sich das Büro mit Hauptkommissar Torsten Kluge. Die beiden waren ein Team.
Während die Deckenbeleuchtung nach einem kurzen Druck auf den Lichtschalter flackernd ihren Dienst aufnahm, stieg der jungen Kommissarin der Geruch von Putzmittel, Druckertoner und Akten in die Nase. Sie öffnete eines der großen Fenster weit und schaute auf den Bahnhofsvorplatz hinunter.
Das Gebäude der Kriminaldirektion stand in einem rechten Winkel zu den Bahngleisen und war eines der höchsten Gebäude in der näheren Umgebung.
Reisende, gefolgt von Koffern auf Rädern oder mit Rucksäcken auf dem Rücken, überquerten den großen Platz auf ihrem Weg irgendwohin.
Eine Gruppe Schüler stieg in einen bereitstehenden Linienbus ein. Aus einem anderen Bus stiegen johlend welche aus. Reges Treiben. Abfahrende Busse ließen Dieselwolken stehen. Taxis eilten davon oder stellten sich in der Schlange der wartenden Kollegen hinten wieder an.
Haltende und wieder anfahrende Autos. Der Straßenlärm drang nur gedämpft bis in diese Höhe empor. (mehr …)

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