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Michael E. Vieten - Die KammerNach seiner Scheidung erwirbt Julian in Schleswig-Holstein ein großes, altes Haus mit einem verwilderten Park. Der niedrige Preis war kaum zu glauben. Doch die Maklerin schwor, es gäbe keinen Haken. Trotzdem stand das Haus lange Zeit leer. Julian fühlt sich wohl dort. Wenn nur dieses Klopfen nicht wäre.
Dann erfährt Julian von dem grausigen Geheimnis der alten Mauern.

Ich bin der Auffassung, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als wir mit unseren Sinnen erfassen können. Diese Überzeugung ist der Antrieb für meine Mystery Geschichten. Die meisten der geheimnisvollen Orte in meinen Erzählungen gibt es und ich bin dort gewesen. In dem beschriebenen Haus, welches Julian gekauft hat, habe ich selbst einige Jahre gelebt und bin nie das Gefühl losgeworden, darin nicht alleine zu sein. Der Rest ist Fiktion.

Textprobe aus: Unheimliche Begegnungen – Die Kammer

Friedlich lag das Anwesen in der Abenddämmerung. Beinahe ein magischer Ort, der mich mit einer wohltuenden Ruhe empfing. Ich stellte den Wagen in die Scheune und beschloss, noch einen Spaziergang zu machen.
Die Vögel verabschiedeten mit ihrem Abendlied den Tag. Es wehte kein Wind. Auf der Wiese vor dem Haus stieg Nebel auf. Langsam kroch die Feuchtigkeit in meine Kleidung. Als ich an der Südseite des Hauses vorbeiging, fiel mir ein fast verdecktes, kleines, schmales Fenster im ersten Stock auf. An dieser Seite stand eine riesige Kastanie dicht am Haus, und sie überragte das Gebäude deutlich. Ihre unteren Äste reichten bis an das Mauerwerk und hatten Schleifspuren am Putz der Fassade hinterlassen. Deswegen hatte ich das Fenster bisher nicht bemerkt. Es wurde von dem mächtigen Stamm und stark belaubten, dicken Ästen fast vollständig verdeckt.
Da der Flur nur ein Dachfenster über der Treppe hatte, müsste sich dieses Fenster an der Stirnseite meines Schlafzimmers befinden. Aber da war kein Fenster. Offenbar hatte man es zugemauert.
Es war dunkel hinter dem Glas, und durch die verwitterten Scheiben konnte ich außer Spinnweben nichts erkennen. Ich wollte bei Gelegenheit jemanden aus dem Dorf danach fragen.
Nach einem ausgedehnten Spaziergang ging ich wieder nach Hause. Kleine Steine knirschten bei jedem Schritt unter meinen Schuhen, als ich das Grundstück betrat. Die Sonne war längst untergegangen. Ich hatte vergessen, die Außenbeleuchtung einzuschalten. Also tastete ich mich im Dunkeln ins Haus.

Ich kochte mir in der Küche einen Tee und nahm ihn mit hinauf ins Schlafzimmer. Ich war zwar schon müde, wollte aber trotzdem noch etwas lesen.
Als ich im Bett lag, fiel mir wieder das kleine Fenster ein. Ich kniete mich am Kopfende in das Bett und tastete mit den Händen die Tapete ab. Etwa in der Mitte der Wand müsste das Fenster sein. Ich konnte aber keine Unebenheiten fühlen, die auf nachträglich verbaute Steine hindeuten könnten. Offenbar hatte der Maurer sehr gewissenhaft gearbeitet.
Ich beschloss erneut, bei Gelegenheit jemanden aus dem Dorf zu fragen, was es mit dem Fenster auf sich hatte und begann zu lesen.
Nach ein paar Seiten hörte ich wieder ein leises Klopfen. Tock, tock, tock. Ganz leise. Ganz zart. Tock, tock, tock.
Ich hatte mal über klopfende Dohlen gelesen, dass sie sich wie die Handwerker gebärden. Diese Krähenart nistet gerne in alten Gemäuern. Dabei klopfen und hämmern sie mit ihrem Schnabel, als hätte man die Zimmerleute im Haus.
Auch von lärmenden Waschbären und Mardern auf Dachböden wurde mir berichtet. Spuren ihrer Krallen könnte man an den Fallrohren der Dachrinne, die sie zum Aufstieg benutzen, feststellen. Am nächsten Morgen wollte ich das kontrollieren.
Während ich weiter las, klopfte es leise in unregelmäßigen Abständen. Ich schaute auf die Uhr. 0:20 Uhr. Ich legte das Buch beiseite, trank den Rest von meinem Tee und löschte das Licht. Wieder hörte ich dieses zarte Klopfen. Darüber schlief ich ein.

Als der Radiowecker mich mit leiser Musik weckte, war ich noch etwas benommen. Ich döste noch ein paar Minuten und schaute dabei aus dem Fenster. Es regnete.
Macht nichts, dachte ich. Am Vormittag sollten die bestellten Möbel geliefert werden. Da würde ich den Tag sowieso im Haus verbringen.
Kurz nach dem Frühstück klingelten die Mitarbeiter des Möbelhauses und begannen damit, die verpackten Teile in die Zimmer zu tragen. Dann bauten sie die Möbel zusammen und stellten sie auf. Ich hatte mir schon für jedes Möbelstück einen Platz ausgesucht und wusste genau, wo jedes Teil hingehörte. Am frühen Nachmittag sammelten die Leute die letzten Reste der Verpackung ein und verließen das Haus.
Mit dem angebrochenen und immer noch verregneten Tag war nicht mehr viel anzufangen. Da ich mittlerweile einen leichten Hunger verspürte, beschloss ich, ins Dorf zu fahren, dort etwas zu essen und eine Tasse Kaffee zu trinken. Ich hatte im Eingangsbereich des Supermarktes ein Steh-Café gesehen.

An allen drei Tischen in dem kleinen Café stand jemand. An einem der Tische erkannte ich die Kassiererin, mit der ich mich nach meinem Einkauf vor zwei Tagen unterhalten hatte. Sie rauchte eine Zigarette und hatte eine Tasse Kaffee vor sich stehen. Obwohl ich Nichtraucher war, fragte ich sie, ob ich mich dazustellen darf. Sie willigte ein.
Ich stellte meine Tasse Kaffee auf den Tisch und biss in mein Brötchen. Die Kassiererin löschte ihre Zigarette und trank einen Schluck Kaffee. Dann sprach sie mich an.
„Na, auch Feierabend?“
„Nein. Ich habe Urlaub.“
Wir kamen ins Plaudern, und ich erzählte ihr von meinem Haus.
Sie hieß Petra und wohnte im Dorf. Sie war auch geschieden und etwa in meinem Alter. Mir gefielen ihre braunen Augen und ihr langes, dunkles Haar. Sie erinnerte mich an Silke. Im Laufe des Gesprächs erzählte sie mir von ihrer Familie und dass ihre Mutter den Vorbesitzer meines Hauses gekannt hat. Ich fragte Petra nach ihm, aber sie war ihm nicht oft begegnet. Er lebte sehr zurückgezogen und ließ sich selten im Dorf blicken. Er war ihr auch immer etwas unheimlich. Auch über das kleine Fenster an der Südseite wusste sie nichts. Sie lud mich zu sich nach Hause ein und gab mir ihre Telefonnummer. Im Moment lebte sie bei ihren Eltern. Ihre Mutter könnte mir dann mehr über das Haus und den Vorbesitzer erzählen.

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Michael E. Vieten - Aus der Zwischenwelt“Die Kammer” ist eine Erzählung aus der Serie ‘Unheimliche Begegnungen – Aus der Zwischenwelt’.
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Michael E. Vieten - Gute TageEigentlich steht Frank Reuter schon vor dem Ende seines Lebens. Und an Hokus Pokus glaubt er ohnehin nicht. Doch eine Nahtoderfahrung bringt ihn dazu, den Rat seines verstorbenen Vaters zu befolgen. Er reist zu einer modernen Hexe in den Harz und verbringt dort die bis dahin schönsten Tage seines Lebens. Wird Maga sein Leben verlängern können? Wird er endlich verstehen, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir nicht erklären können?

Nur, weil wir uns etwas nicht vorstellen können, bedeutet das noch lange nicht, dass es das nicht gibt. Genau diese Erfahrung macht der Pragmatiker Reuter während seines Aufenthaltes in Magas Pension. Er hat sich an den abgelegenen Ort zurückgezogen, um mit sich selbst die letzten Tage seines Lebens zu verbringen. Doch am Beispiel eines Ameisenhügels überzeugt Maga ihren Gast, das Universum außerhalb seines eigenen ‘Haufens’ anzunehmen.
Nachdem die Schulmedizin Frank Reuter aufgegeben hat, ist er bereit für ein neues Leben. Was bleibt, ist die Angst, es könnte zu spät sein.

Textprobe aus: Unheimliche Begegnungen – Gute Tage

Der volle Mond schien über die schwarzen Baumwipfel auf den Bergen und erhellte den Hof. Der wilde Bach war weiß vor Gischt und stürzte sich in die Dunkelheit der Nacht. Über allem lag der intensive Duft des Sommerjasmins.
„Der Bach führt dieses Jahr besonders viel Wasser.“
Maga stand auf der Brücke, stützte sich mit verschränkten Armen auf das Brückengeländer und schaute hinab in die tosenden Fluten.
Ich hatte nicht bemerkt, dass sie mir gefolgt war. Sie hatte sich ihre Strickjacke wieder übergezogen. Ich ließ das Handy in meine Hosentasche gleiten und ging über die Brücke zurück zum Haus. Sie stieß sich vom Brückengeländer ab ohne ihre verschränkten Arme zu lösen und begleitete mich durch die sternenklare, kühle Frühjahrsnacht zurück zum Haus.
„Als ich ein Kind war, sprach meine Mutter oft vom Himmelszelt. Ich dachte, die Sterne seien Löcher, die jemand hineingepickt hat, und fragte mich, was wohl außerhalb dieses Zeltes sein könnte.“ Während Maga sprach, konnte ich ihren Atem sehen.

Plötzlich bemerkte ich, dass im Mondlicht hinter dem Haus ein Mann bei den Obstbäumen stand.
„Da steht jemand auf ihrem Grundstück.“
Maga schien nicht besorgt zu sein.
„Ich weiß, und ich glaube, sie kennen ihn.“
„Woher soll ich den kennen? Ich war noch nie im Harz.“
Im selben Augenblick war der Mann verschwunden.
Da ich mir nichts übergezogen hatte, fröstelte ich und wir gingen hinein ins Haus. An der Treppe nach oben blieb ich stehen.
„Ich glaube, die Luftveränderung macht mir zu schaffen. Ich bin schon wieder müde. Ich gehe zu Bett.“
Maga schloss die Haustüre hinter sich und blieb dicht vor mir stehen.
„Ich wünsche Ihnen eine angenehme Nachtruhe. Ich backe für morgen früh noch ein frisches Brot.“
Dann verschwand sie in der Küche.
Ich stieg die Treppe hinauf und ging in mein Zimmer. Während ich meine Reisetasche auspackte und ein paar Sachen zurechtstellte, überlegte ich, wo das Bad sein könnte.
Mit meinem Waschzeug in der Hand verließ ich mein Zimmer und entdeckte am Ende des dunklen Flurs einen Raum, dessen Tür halb offen stand.
Ich ertastete den Lichtschalter und fand, wonach ich gesucht hatte. Ein kleines Duschbad. Das Dachfenster in der Schräge stand einen schmalen Spalt offen. Auch hier hörte ich das allgegenwärtige Rauschen des Baches.
Ich duschte, putzte mir die Zähne und ging zu Bett. Die Tür zu meinem Zimmer ließ ich offen und lauschte den Geräuschen, die Maga unten in der Küche machte.
Es war ein guter Tag. Gott hatte mich noch nicht zu sich gerufen und ich hatte Maga kennengelernt. Bevor ich mir weitere Gedanken machen konnte, rauschte der Bach mich in einen erholsamen, traumlosen Schlaf.

Obwohl die Sonne durch das kleine Dachfenster schien, war es noch kühl in meinem Zimmer. Ich stand auf, beeilte mich mit der Morgentoilette und zog mich an. Der Duft von frischgebackenem Brot und Kaffee lockte mich hinunter in die Küche.
Maga stand am Herd und goss eine kleine Kanne Kaffee auf.
„Guten Morgen. Setzen sie sich. Der Kaffee ist gleich fertig.“
Unter den Duft des frischen Brotes mischte sich der Geruch nach Feuer und Rauch. Der große Herd in der Küche wurde mit Holz oder Kohlen beheizt und wurde seiner Aufgabe mehr als gerecht. Moderne Heizkörper gab es in der Küche nicht. Auch in meinem Zimmer und in dem kleinen Duschbad fehlten sie.
„Ich heize nur die Küche und die Stube. Ich hoffe, ihnen ist es nicht zu kalt.“
Wieder schien Maga meine Gedanken erraten zu haben. Diesmal war ich mir sicher, dass ich nicht laut gedacht hatte.
„Nein, das ist schon in Ordnung so.“
Der Tisch war zum Frühstück gedeckt. Butter, Konfitüre und gekochte Eier standen bereit. Ich nahm auf dem gleichen Stuhl wie am Abend Platz und konnte den Bach durch das Küchenfenster in der Morgensonne glitzern sehen.
Maga füllte unsere Kaffeetassen und stellte die Kanne auf dem schweren Holztisch ab. Dann entzündete sie eine gelbe Kerze, die in dem eisernen Halter zwischen unseren Tellern stand.
„Heute keine schwarze Kerze gegen die bösen Gedanken?“, fragte ich sie etwas herausfordernd.
„Nein, ab heute nehmen wir eine gelbe Kerze. Ihr gelb steht für Heilung und der ab heute abnehmende Mond unterstützt uns dabei, etwas los zu werden.“
Maga griff nach dem Brotkorb, hielt ihn mir entgegen und schaute mich selbstbewusst an. Ich hielt ihrem Blick stand und griff nach einer Scheibe des frischen Brotes.
„Wenn sie es sagen …“

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Michael E. Vieten - Aus der Zwischenwelt“Gute Tage” ist eine Erzählung aus der Serie ‘Unheimliche Begegnungen – Aus der Zwischenwelt’.
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Michael E. Vieten - TanneckVier Freunde treffen sich zu einem Zelturlaub im Harz. Jeden Abend erscheint hoch oben auf den nahe gelegenen Klippen eine Frau und starrt auf den Zeltplatz herunter. In der Dorfbäckerei erfahren sie, dass Marianne Weber sich dort vor Jahren zu Tode stürzte. Ihr Mann hat ihren Tod nicht verkraftet und ist seitdem verschwunden. Während eines heftigen Gewitters löst sich in dem dunklen Fichtenwald ein Schuss. Ein Totenschädel rollt in das Zeltlager und bleibt vor den Füßen der Camper liegen. Wer ist die Frau auf den Klippen? Und wo ist Kurt Weber?

Wer schon einmal am Waldrand gezeltet hat, kennt das. Man liegt wach. Ein leichter Nachtwind bewegt die Äste der Bäume und das Mondlicht wirft deren Schatten auf die Zeltwände. Wenn man sich dann noch gegenseitig Gruselgeschichten erzählt, ist die Atmosphäre perfekt.

Textprobe aus: Unheimliche Begegnungen – Tanneck

Die Kühle des Morgens und der Duft von Wildkräutern auf der Wiese weckten mich auf. Ein leichter Wind wehte in das Zelt hinein und spielte mit dem Zeltstoff. Der Eingang stand offen, Katrin war schon aufgestanden. Ich hörte draußen vor dem Zelt jemanden mit Geschirr klappern. Doris und Katrin unterhielten sich leise. Ich öffnete meinen Schlafsack. Die Morgensonne schien durch die Lüftungsgitter, ein wenig Kondenswasser lief von innen an der äußeren Zeltplane herab. Auf der Wiese summten Insekten, Vögel zwitscherten, und in den Kronen der Fichten rauschte der Wind. Dann hörte ich Doris leise lachen und wie jemand Wasser in ein Gefäß goss und einen Gasbrenner anzündete.
Noch etwas benommen stand ich auf. Das Zelt war hoch genug, sodass ich stehen konnte. Ich zog meine Jeans und die Schuhe an, nahm mein Waschzeug und trat vor das Zelt. Doris und Katrin saßen an der Sitzgruppe und begrüßten mich. Sie hatten einen Sonnenschirm darüber aufgespannt. Ich gab Katrin einen Kuss, fragte nach der Uhrzeit und nach Ralf.
„Es ist kurz nach acht. Ralf schläft noch“, sagte Doris leise.
Dann machte ich mich auf den Weg zum Bach.
Als ich wieder zum Lagerplatz zurückkam, hatten Doris und Katrin schon Kaffee gekocht, das Frühstück vorbereitet und Ralf saß bereits am Tisch.
„Morgen“, brummte er mir entgegen. „Wie kalt ist das Wasser?“
„Ungefähr so“, antwortete ich und zeigte ihm zwischen meinem Daumen und dem Zeigefinger einen Abstand von zwei bis drei Zentimetern. Alle lachten und wir nahmen unser Frühstück ein.
„Wem gehört eigentlich diese Hütte da“, fragte ich Ralf.
„Keine Ahnung. Vielleicht dem Jagdpächter. Bei dem habe ich auch den Zeltplatz gemietet.“
„War jemand von euch heute Nacht noch einmal auf?“, fragte Doris in die Runde.
Alle schüttelten den Kopf.
„Nö“, bekräftigte ich. „Warum?“
„Ich musste kurz, nachdem ich im Zelt lag, noch einmal raus. Als ich vom Wald zurückkam, glaubte ich, jemanden auf den Felsen dort oben stehen gesehen zu haben. Es war eine sternenklare Nacht, ohne Wolken, der Mond schien hell.“
Wir schauten Doris an. Ralf senkte seinen Kopf, runzelte seine Stirn und blickte Doris unter seinen Augenbrauen hervor an.
„Du brauchst gar nicht so zu gucken. Ich bin mir fast sicher“, zweifelte Doris.
„Fast“, bekräftigte Ralf. „Jemand mitten im Wald, mitten in der Nacht? Wohl eher unwahrscheinlich.“
„Aber wir sind doch auch hier“, schaltete sich Katrin nun ein und stand Doris bei.
„Das nächste Mal weckt ihr uns, und wir gucken mit dem Fernglas“, beruhigte Ralf die beiden.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, es wurde wieder sehr warm. Nachdem die Zelte und die Schlafsäcke ausgelüftet waren, beschlossen wir, in den nächsten Ort zu fahren und Lebensmittel zu kaufen. Bei dieser Gelegenheit wollten wir auch gleich beide Autos wieder volltanken.

Es war ein kleiner Ort, aber er bot uns alles, was wir brauchten. Wir fanden eine Tankstelle, einen kleinen Supermarkt und eine Bäckerei. Wir tankten, kauften im Supermarkt ein und gingen, jeder mit einem Eis in der Hand, zur Bäckerei.
Wir waren die einzigen Kunden. Hinter dem Verkaufstresen stand eine ältere Verkäuferin und begrüßte uns höflich. Nachdem wir uns mit Brot und Brötchen für die nächsten Tage eindeckt hatten, erkundigte sie sich neugierig, ob wir Touristen seien und wo wir abgestiegen wären.
Ich erzählte ihr vom Tanneck. Daraufhin verdunkelte sich ihre Miene und sie sprach mit mahnender Stimme.
„Dann passen sie gut auf sich auf. Seien sie nicht leichtsinnig und klettern sie nicht auf den Felsen herum. Am Tanneck gab es vor Jahren eine furchtbare Tragödie. Die Weber Marianne ist von den Felsen in den Bach gestürzt. Ihr Mann, der Weber Kurt, dem gehörte das Tanneck, war ebenfalls eines Tages verschwunden und tauchte nicht mehr auf. Zuhause war er nicht und in seiner Hütte auch nicht. Auch im Wald haben sie ihn gesucht, aber bis heute keine Spur von ihm gefunden. Ich sag ihnen was. Der hat den Tod seiner Marianne nicht verkraftet. Der hat sich umgebracht. Irgendwo. Vielleicht ist er auch die Felsen runter und der Bach hat ihn mitgenommen. Wenn es ordentlich regnet, führt der Bach viel mehr Wasser als jetzt.“
Dann betrat ein weiterer Kunde die Bäckerei. Wir verabschiedeten uns von der Verkäuferin und gingen zu unseren Autos zurück. Keiner sprach etwas, jeder machte sich seine Gedanken
„Ist ja gruselig“, brach Doris unser Schweigen. „Wer weiß, wer das heute Nacht auf den Felsen war.“
„Also, Marianne war es sicher nicht“, blödelte Ralf, lachte und versuchte uns aufzumuntern.
Unsere Ferienstimmung war durch diese Geschichte etwas gedämpft. Auf der Rückfahrt zum Tanneck beschlossen Katrin und ich, uns die schöne Zeit hier nicht verderben zu lassen. Wir bedauerten das Schicksal von Marianne und Kurt Weber, aber wir kannten sie nicht, hatten mit dem Fall nichts zu tun und wollten hier nur eine Woche Urlaub mit unseren Freunden machen.

Als wir um die Hütte herum wieder auf die große Wiese fuhren, hatte der Ort für uns nichts von seinem Charme verloren. Die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel herab, der Bach plätscherte, ein warmer Sommerwind rauschte in den Kronen der Fichten und strich sanft über das hohe Gras. Auf der Wiese summten Insekten in den Blüten der Wildblumen auf ihrer Suche nach Nektar.
Ralf und Doris waren nach einem kurzen Gespräch mit uns einig. Gemeinsam verräumten wir die eingekauften Sachen und beschlossen, anschließend den angrenzenden Wald und die Felswand zu erkunden. Wir wollten nicht klettern, sondern einen Weg finden, der uns auf die Felsen führte. Nachdem wir uns feste Schuhe angezogen hatten, gingen wir über die kleine Brücke in den Wald.

Das Gelände stieg an und war mit hohen Fichten bestanden. Die Sonnenstrahlen erreichten kaum den Waldboden. Unter dem dichten Nadeldach war es deutlich kühler als auf der Wiese. Immer steiler ging es den Hang hinauf. Unsere Schritte wurden von dem weichen Waldboden gedämpft. Nur manchmal trat einer von uns auf einen kleinen Ast, der leise knackend unter unseren Füßen brach. Wir hielten uns rechts, dort musste die Felswand sein. Schwer atmend blieben Ralf und ich stehen und warteten auf Doris und Katrin. Wir schauten uns um und entdeckten einen schmalen, kaum auszumachenden Pfad. Wie ein Wildwechsel schlängelte er sich den steilen Hang hinauf. Da er offenbar in die Richtung der Felsen führte, beschlossen wir, ihm zu folgen.
Je höher wir dem schmalen Pfad den Hang hinauf folgten, desto unwegsamer wurde er. Wir gingen langsamer und achteten auf unsere Schritte. Baumwurzeln ragten aus dem Boden, dazwischen lagen große Steine. Rechts von uns, nicht weit entfernt, konnten wir zwischen den Stämmen der Bäume hindurch Felsgestein sehen.
Ralf und ich blieben erneut stehen und warteten auf die Mädchen. Der Pfad war jetzt so steil, dass wir mehr kletterten als liefen. Als Doris und Katrin uns erreichten, blieben wir noch einen Moment stehen. Auch sie brauchten eine kleine Pause.
Nachdem wir uns etwas erholt hatten, gingen wir weiter. Jetzt blieben wir dichter beisammen und halfen uns gegenseitig den steilen Pfad hinauf. Bald hatten wir die Felswand erreicht und der schmale Weg schlängelte sich davor weiter bergauf. Nach etwa 50 Metern führte der Pfad vorbei an dicken Fichtenstämmen auf eine ebene Fläche. Dann standen wir auf einem kleinen Plateau. Hier oben, auf der Felswand, hatten wir eine herrliche Fernsicht über den Harz. Der Fels war zum Teil mit Gras und Moos bewachsen. Erschöpft ließen wir uns auf einen Flecken weichen Boden fallen, ruhten uns aus und genossen den Ausblick.

Nach einer ganzen Weile stand ich auf und trat an den Rand des Plateaus.
„Sei bloß vorsichtig“, rief Katrin mir hinterher.
Von den Felsen herunter konnte man die Lichtung sehen. Mitten darauf standen unsere Autos. Deren Fahrspuren im Gras und die Kuppeln der beiden Zelte waren deutlich zu erkennen. Was für ein friedlicher Ort dachte ich mir. Dann schaute ich zu der Hütte unter den Obstbäumen und mir fiel wieder die Geschichte ein, die uns die Verkäuferin in der Bäckerei erzählt hatte.
Hier also war Marianne Weber hinab gestürzt. Ich machte noch einen Schritt auf den Rand des Plateaus zu und beugte mich vorsichtig nach vorn. Dann blickte ich nach unten und sah den Bach.
„Wer da herunterfällt, ist ganz sicher tot“, sagte Ralf plötzlich hinter mir.
Ich hatte nicht bemerkt, dass er mir gefolgt war. Ich machte einen Schritt zurück und drehte mich um. Doris und Katrin waren mir ebenfalls gefolgt und traten vorsichtig an den Plateaurand. Doris verzichtete auf einen Blick nach unten. Katrin verschränkte ihre Arme vor der Brust, beugte sich behutsam vor und schaute in die Tiefe. Auf ihren nackten Armen bildete sich dabei eine Gänsehaut. Ihre langen, blonden Haare wehten im Wind.
Was für eine Tragödie, wenn sie jetzt hinunterfiel, durchfuhr es mich. Ein unerwarteter Windstoß oder ein unachtsamer Schritt und schon konnte es passiert sein.
Plötzlich hatte ich Angst um sie. Schreckliche Vorstellungen drängten sich mir auf. Ich sah in Gedanken, wie sie abstürzt, unten aufschlägt, ihre Glieder zerschmettert, von der Strömung des Bachs fortgerissen. So wie es die Verkäuferin erzählt hatte, so wie es Marianne Weber ergangen war. Endlich machte Katrin einen Schritt rückwärts und trat von dem Felsenrand zurück. Sie drehte sich zu mir um, sah mich an und schien meine Gedanken zu ahnen. Dann umarmte sie mich und scherzte: „Keine Sorge, so schnell wirst du mich nicht los.“

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Michael E. Vieten - KonradKonrad setzt sich in einem Restaurant zu einem Fremden an den Tisch. Er sucht das Gespräch. Gleichzeitig bildet sich vor dem Restaurant eine Menschentraube. Passanten auf der Straße laufen zusammen und blicken bestürzt zu Boden. Manche halten sich die Hand vor den Mund. Alle sind entsetzt. Blaulicht zuckt durch die Fenster in das Restaurant hinein. Wer ist Konrad? Was ist vor dem Restaurant passiert? Hat er etwas damit zu tun?

Diese besondere Erzählung ist eine meiner liebsten Geschichten. Sie liegt mir am meisten am Herzen. Die Ausstattung dieser Kurzgeschichte ist bewusst sehr sparsam gehalten. Ein Restaurant, zwei Männer, ein Dialog. Alles reduziert sich auf das Wesentliche, auf die eine Frage. Was bereut man am Ende seines Lebens mehr? Das, was man tat oder das, was man unterließ?

Textprobe aus: Unheimliche Begegnungen – Konrad

Ich bin jetzt über 50 Jahre alt, und es gibt Leute, die behaupten, ich hätte in meinem Leben nicht viel erreicht. Demnach gäbe es auch nicht viel zu berichten. Aber eine ganz besondere Geschichte will ich dennoch erzählen.

Es geschah an einem nasskalten Tag Anfang November. Die wenigen trockenen Stunden dieses Tages wurden immer wieder von kräftigen Regenschauern unterbrochen. Ein kalter Herbstwind trieb dichte, graue Wolkenfelder über die Stadt hinweg.
Ich hatte an diesem Vormittag ein paar Einkäufe erledigt und wollte vor der Heimfahrt noch etwas zu Mittag essen. Nicht weit vom Supermarkt entfernt gab es ein einfaches Restaurant. Es war mittags wie abends gut besucht. Sogar Frühstück bekam man dort. Mir gefielen die bescheidene, rustikale Atmosphäre und die moderaten Preise.
Dichte Wolken verdunkelten soeben den Himmel, und wieder prasselte ein Regenschauer nieder. Ich wartete auf eine Lücke im dichten Verkehr und überquerte die Fahrbahn.
In den Pfützen spiegelten sich die Scheinwerfer der Autos, und deren Reifen rollten schmatzend über den nassen Asphalt. Passanten öffneten ihre Regenschirme. Ich hatte keinen Schirm dabei. Also schlug ich den Kragen meiner Jacke hoch und ging etwas schneller. Von Weitem wehten bereits die Küchendünste des Restaurants heran.
Ich betrat die gut beheizte Gaststube, blieb am Eingang stehen und suchte mit den Augen nach einem freien Platz. An den Tischen saßen die Gäste bei gedämpftem Licht und genossen ihre Mahlzeit oder ihren Kaffee. Vereinzelt blickte jemand kurz auf, dann unterhielten sie sich weiter mit ihren Tischnachbarn.
Gesprächsfetzen drangen zu mir herüber, ein Mann am Tisch vor mir hustete, an einem anderen Tisch wurde laut gelacht. Es roch nach Essen, Kaffee und Bier und nach nasser Kleidung. Offenbar waren alle Tische besetzt. Ich öffnete meine Jacke und schlug den Kragen wieder zurück. Dabei tropfte mir etwas Wasser von meinen Haaren kalt in den Nacken.
An der Theke klirrten Gläser, und in der Küche klapperte jemand mit Geschirr. Eine Kellnerin ging mit einem Tablett an der Durchreiche zur Küche vorbei, rief etwas hinein und stellte das Tablett an der Theke ab. Dann sah sie zu mir herüber und deutete mit ihrer Hand in den hinteren Teil des Restaurants. Ein älterer Herr stand gerade auf und ging auf die Garderobe zu. Die Kellnerin und ich machten uns gleichzeitig auf den Weg.
Wir trafen uns an einem kleinen Tisch, von dem sie gerade ein leeres Bierglas abräumte. Dann legte sie mir eine Speisenkarte bereit und deckte Besteck und eine Serviette für mich ein.
Ich zog meine Jacke aus und hängte sie an die Garderobe. Dann hatte ich die Wahl zwischen einem Platz auf der Eckbank oder dem Stuhl vor dem Tisch. Ich entschied mich für die Eckbank. So konnte ich das ganze Restaurant überblicken.
Ich warf einen kurzen Blick in die Speisenkarte und wählte doch wieder das mir bekannte, große Holzfällersteak mit Bratkartoffeln. Ich war nie sehr anspruchsvoll und hatte schon immer eine Vorliebe für die einfachen Dinge.
Im Hintergrund spielte leise Musik von Neil Diamond. Aber niemand schien darauf zu achten. Neil gab sein Bestes, aber es verhallte ungehört in dem Geräuschbrei des Mittagsgeschäfts.
Die Kellnerin kam wieder an meinen Tisch. Ich bestellte bei ihr mein Essen und ein Bier dazu. Auf dem Rückweg rief sie meine Bestellung im Vorbeigehen in die Küche hinein und ihrer Kollegin an der Theke zu. Dann ging sie zu einer Kasse und tippte etwas ein. Es kamen zwei kleine Bons heraus. Je einen gab sie in der Küche und an der Theke ab. Ich wendete meinen Blick von ihr ab und beobachtete die Leute an den Tischen.
Die meisten von ihnen waren Männer und sie besuchten dieses Restaurant offenbar, um mit ihren Kollegen zu Mittag zu essen. Sie arbeiteten sicher irgendwo in der Stadt. Es saßen auch vereinzelt ein paar Frauen im Restaurant. Vielleicht waren es Büroangestellte von den Firmen ringsumher.
Ich hingegen war mal wieder arbeitslos. Aber ich hatte auch nie viel Wert auf Karriere gelegt. Meistens arbeitete ich mal hier und mal dort und verrichtete einfache Arbeiten. Oft zur Ernte in der Landwirtschaft oder als Gehilfe im Forst. Manchmal auch als Lagerarbeiter oder als Fahrer. Das verdiente Geld reichte gerade für einen alten Lieferwagen und ein kleines, altes Haus mit Ofenheizung. Ein Gemüsegarten und eine Wiese mit Obstbäumen gehörten noch dazu.
Mehr brauche ich nicht. Ich wuchs in einfachen Verhältnissen auf und war seit jeher daran gewöhnt, dass Geld nicht unbegrenzt zur Verfügung stand.
Die Kellnerin brachte mir mein Bier und kurz darauf mein Essen.
Draußen hatte es aufgehört zu regnen. Die an den Fenstern vorübereilenden Fußgänger hatten ihre Schirme geschlossen.
Ich begann zu essen und genoss das Steak und die Bratkartoffeln.
In dem Moment, als ein Mann in einem langen, dunklen Mantel das Restaurant betrat, gab es draußen auf dem Gehsteig einen Tumult. Passanten liefen aufgeregt zusammen und schauten auf etwas, das am Boden lag. Eine Frau hielt sich bestürzt die Hände an die Wangen. Mehr konnte ich nicht sehen.
Der Mann im Mantel blieb am Eingang des Restaurants stehen und suchte mit den Augen den Gastraum ab. Als er mich entdeckte, ging er sofort auf meinen Tisch zu. Während er das Restaurant durchquerte, sah er mich pausenlos an. Ich überlegte, ob ich ihn kenne. Aber er war mir unbekannt. Als er an meinem Tisch angekommen war, begrüßte er mich höflich und stellte sich mir vor.
„Guten Tag. Darf ich mich an Ihrem Tisch dazusetzen? Ich habe wenig Zeit und möchte nur einen Kaffee trinken. An den anderen Tischen ist kein Platz frei.“
Das war glatt gelogen. Obwohl ich mit einem einzigen Blick feststellen konnte, dass an den anderen Tischen sehr wohl Plätze frei waren und ich lieber für mich alleine gewesen wäre, wollte ich nicht unhöflich sein und willigte ein.
„Mein Name ist übrigens Konrad.“
Konrad behielt seinen Mantel an und nahm auf dem Stuhl vor mir Platz. Dann drehte er sich um und winkte nach der Kellnerin.

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Michael E. Vieten - Das Hügelgrab„Die Hölle ist kein Ort, Jason, sondern ein Gefühl. Seine Hölle schafft sich jeder selbst. Denke nur an die Qualen des schlechten Gewissens, sich bewusst sein, über das eigene unmoralische Verhalten oder die Komplikationen, die eine erste Lüge auslöst. Untreue, Verrat, Verleumdung, Verleugnung. Das ist eure Hölle.“ So spricht Benicio, der Bote aus dem Jenseits, zu Jason in meinem Roman „Das Leben und Sterben des Jason Wunderlich„.

Um unser aller Tor zur Hölle und welche Folgen es haben kann, wenn wir es durchschreiten, geht es auch in der Erzählung “Das Hügelgrab” aus meiner Mystery-Serie „Unheimlichen Begegnungen – Aus der Zwischenwelt“.

Mats Vilander überfährt bei strömendem Regen irgendetwas auf der Landstraße. Doch außer etwas Blut und einem Damenschuh findet er nichts, was auf einen Unfall hindeutet. Er erfährt von der Polizei, dass  in den vergangenen Jahren immer an diesem einen Tag, zur gleichen Tageszeit und genau an dieser Stelle ein Unfall geschehen ist, ohne dass es Opfer gab. Aber man fand immer den gleichen Damenschuh. Was ist hier los? Mats lässt nicht locker und hat einen schrecklichen Verdacht.

Textprobe aus: Unheimliche Begegnungen – Das Hügelgrab

Am folgenden Morgen las ich in der Zeitung eine kurze Meldung über den nächtlichen Unfall. Die Polizei suchte weiterhin nach den Unfallopfern und bat die Bevölkerung um Mithilfe.
Eigenartig dachte ich. Vielleicht hatte der Däne überhaupt niemanden überfahren und sich geirrt?
Nur woher stammte dann das viele Blut? Möglicherweise doch von einem oder mehreren Tieren? Aber ich fand auf der Straße einen Schuh. Der musste schließlich jemandem gehören.
Das erschien mir alles etwas rätselhaft. Ich rief bei der Polizei an und schilderte meine Überlegungen. Auch dort war man vorerst genauso ratlos wie ich.
Ich beschloss, zu Sören Andresen rüber zu gehen und ihn zu fragen, ob er in der Nacht etwas gesehen oder gehört hatte. Obwohl mir bei dem Gedanken an meinen Nachbarn etwas unbehaglich war.

Andresen war mir schon immer suspekt. Ich hatte ihn ein oder zwei Mal auf einem Dorffest getroffen. Hin und wieder sah ich ihn auch auf seinem Traktor hocken, wenn er seinen Acker bestellte. Er war ein unangenehmer Kerl. Hoch aufgeschossen, hager, flachsblond mit hellgrauen Augen und einer Haut wie eine alte Ledertasche. Sein stets ungekämmtes Haar war genauso wirr wie seine ganze Erscheinung.
Unsere beiden Grundstücke verband ein schmaler, unbefestigter Weg miteinander. Ich nutzte ihn kaum, aber Andresen fuhr darüber auf seine Felder.
Über diesen ausgefahrenen und fast zugewachsenen Weg gelangte ich direkt auf seinen Hof. Kaum hatte ich meinen ersten Fuß auf sein Grundstück gesetzt, lief mir sein hässlicher, großer, schwarzer Hund laut bellend entgegen. Unter das tiefe, heisere Gebell mischte sich das Klingeln der langen Kette, die der Köter hinter sich herzog. Das Viech sah aus wie eine Mischung aus Rottweiler und Dogge.
Ich beschleunigte meinen Schritt, um vor ihm an der Haustüre zu sein. Als ich den Hauseingang beinahe erreicht hatte, spannte sich die Kette und hielt Andresens Hund ruckartig zurück. Der stellte sich auf seine Hinterbeine, bellte unaufhörlich weiter und sabberte dabei auf den Boden vor sich.
„AUS, ZERBERUS, AUS!“
Mir fuhr der Schreck in die Glieder.
Ich hatte mich so sehr auf den kläffenden Hund konzentriert, dass ich Sören Andresen gar nicht bemerkt hatte. Der stand plötzlich im Rahmen der geöffneten Haustüre und schrie den Hund an. Offenbar hatte Andresen mich kommen sehen. Laut genug gebellt hatte sein Köter ja.
Zerberus, hieß sein Hund. Ein treffender Name für so ein Viech. Soweit ich weiß, ist Zerberus in der griechischen Mythologie ein Höllenhund und Torhüter, der den Eingang zur Unterwelt bewacht.
Entweder war das Zufall oder Andresen war gebildeter, als ich es ihm zugetraut hatte.
„Moin, moin Herr Nachbar. Was treibt sie denn hierher, Vilander.“
Ohne mich hineinzubitten, baute sich Andresen mit den Händen in den Hosentaschen vor mir auf und starrte mich aus seinen eisgrauen Augen an.
Aus der Nähe fiel mir auf, dass die Haare seiner buschigen Augenbrauen ebenso wirr abstanden wie sein Kopfhaar.
„Moin. Haben sie heute Nacht den Unfall auf der Landstraße bemerkt? Ein LKW hat offenbar zwei Fußgänger überfahren.“
„Nee, ich habe geschlafen. Was habe ich damit zu tun?“
„Hätte ja sein können, dass sie etwas gesehen oder gehört haben. Die beiden Fußgänger werden vermisst.“
„Na und. Dann werden sie jetzt entweder Zuhause hocken oder sie sind tot, liegen irgendwo herum und werden bald von den Füchsen gefressen.“
Andresen ließ die Tragödie auf der Landstraße offenbar völlig unberührt.
„Könnte doch auch gut sein, dass sie schwer verletzt in ihren Roggen geschleudert wurden.“
„Möglich, dann werden wir sie ja bei der Ernte finden. War es das?“
Andresen schien die Möglichkeit, sich mit mir auf die Suche zu machen, nicht in Betracht zu ziehen, und ich verzichtete darauf, ihn danach zu fragen. Seine Antwort konnte ich mir denken.
„Falls sie etwas finden, können sie es ja der Polizei melden.“
Ich verabschiedete mich von Sören Andresen und machte mich, begleitet von Zerberus Gebelle, auf den Rückweg. Wortlos trat Andresen zurück in sein Haus und schloss die Tür.
Den Weg hätte ich mir sparen können. Ich überlegte kurz, ob ich die Suche alleine aufnehmen sollte, verwarf den Gedanken aber wieder. Ich wollte Andresen nicht provozieren, indem ich durch seinen Roggen lief. Außerdem hatte die Polizei mithilfe der Feuerwehr die nähere Umgebung bereits abgesucht und nichts gefunden.
Wenn Andresen etwas zugänglicher wäre, hätte ich ihm vorgeschlagen, gemeinsam mit ihm auf seinem Traktor die Felder abzufahren.

In den darauf folgenden Wochen blieb die Suche nach den beiden Fußgängern weiterhin erfolglos. Auch nach der Ernte fand man auf den Stoppelfeldern keinerlei Hinweise auf zwei Fußgänger, die sich nach dem Unfall schwer verletzt dorthin geschleppt haben könnten. Schließlich stellte die Polizei die Ermittlungen ein.
Ich selbst zweifelte mittlerweile auch an der Version mit den beiden Fußgängern.
Das Blut stammte wahrscheinlich von einem oder mehreren Tieren, die sich nach dem Zusammenprall mit dem LKW des Dänen schwer verletzt ins Unterholz eines Knicks oder in die Roggenfelder verkrochen hatten. Dort waren sie vermutlich verendet und später von Füchsen, Möwen und Krähen gefressen worden.
Sören Andresen hatte ich nach jenem Morgen des 1. August kaum zu Gesicht bekommen. Ein paar Mal sah ich ihm aus der Ferne zu, während er auf seinem Traktor saß und seine Felder bestellte.
Im Frühjahr des darauf folgenden Jahres traf ich ihn leicht angetrunken beim Biikebrennen am Strand noch einmal. Er reichte eine Liste herum. Darin bat er in seiner mürrischen Art um eine Unterschrift, zur Unterstützung eines erneuten Antrags beim Landesamt für Denkmalschutz, das Hügelgrab auf seinem Land planieren zu dürfen.
Eigentlich bat er nicht, er forderte.
„Hier, unterschreib‘ das mal. Ich muss endlich diesen elenden Hügel loswerden.“
Kaum jemand widersetzte sich seiner forschen Art. Auch ich unterschrieb, weil ich keine Lust hatte, mich an diesem schönen Abend mit einem betrunkenen Sören Andresen anzulegen. Sein Antrag wurde später erneut abgelehnt.
Das Frühjahr ging. Der Sommer kam.

Am Abend des 31. Juli verließ ich mein Landgut, um zum Strand zu fahren. Am Wasser war es kühler. Ich erwartete schon seit Tagen ein Gewitter.
In dem Jahr baute Sören Andresen auf den Feldern links und rechts der Landstraße Mais an. Wie erstarrt standen die Pflanzen in der Sommerhitze, kein Halm auf den Wiesen, kein Blatt im Laub der Bäume bewegte sich. Die andauernde Windstille zerrte an meinen Nerven. Sogar in den Nächten der vergangenen Wochen kühlte sich die Luft kaum ab. Auch wenn ich nur ruhig irgendwo saß, schwitzte ich. Nachts schlief ich kaum und nickte immer nur für ein paar Minuten ein. Wie an jedem Abend der letzten Tage zeigten sich dunkle Wolken am Himmel. Es donnerte entfernt, blitzte hin und wieder, doch es regnete nicht.

Langsam rollte ich mit meinem Wagen über das sandige Gelände zur Hofeinfahrt. Staub wirbelte auf und stand minutenlang in der Luft, bevor er sich beinahe an der gleichen Stelle niederließ, von der er emporgestiegen war.
Ich fuhr auf die Landstraße in Richtung Meldorf. Der Fahrtwind, der mich durch die heruntergelassenen Fenster erreichte, verschaffte mir Linderung.
Plötzlich klatschten die ersten Regentropfen herab und hinterließen Zentimeter große, ausgefranste Kreise auf der staubigen, mit Insektenresten überzogenen Windschutzscheibe.
Endlich begann es, heftig zu regnen. Ich schaltete die Scheibenwischer ein, die sogleich damit begannen, eine schmierige Masse über die Frontscheibe zu verteilen.
Noch bevor ich die dampfende, nasse Fahrbahn wieder erkennen konnte, sah ich schemenhaft etwas vor meinem Wagen auftauchen und hörte zwei dumpfe Schläge gegen die Motorhaube. Gleichzeitig ging ein Ruck durch den schweren Wagen und er überrollte etwas. Ich war gegen irgendein Hindernis gefahren.
Erschrocken trampelte ich auf das Bremspedal und schaute in den Rückspiegel. Doch außer einem dichten Vorhang aus Wassertropfen konnte ich nichts erkennen.
Ich zog die Handbremse an, schaltete die Warnblinkanlage ein und stieg aus. Der Gewitterregen durchdrang in Sekunden meine Kleidung. Dann ging ich die letzten gefahrenen Meter auf der Fahrbahn zurück.
Dicke Regentropfen klatschten in den angrenzenden Feldern auf Andresens Mais. Die Wucht der herabstürzenden Wassermassen ließ die Pflanzen erzittern. Es sah aus, als tanzten sie vor Freude über das willkommene Nass. Fast konnte ich sie jubeln hören.

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Michael E. Vieten - Aus der Zwischenwelt“Das Hügelgrab” ist eine Erzählung aus der Serie ‘Unheimliche Begegnungen – Aus der Zwischenwelt’.
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Michael E. VietenDie Ratinger Zeitung, eine regionale Online-Zeitung aus meiner alten Heimat, hat heute einen Artikel über mich und meine Mystery-Anthologie „Unheimliche Begegnungen – Aus der Zwischenwelt“ gebracht.
Ich bin in Ratingen aufgewachsen und habe meine Jugend bis zu meinem 16. Lebensjahr dort verbracht. Ich bin gerne und immer wieder in unregelmäßigen Abständen zu verschiedenen Anlässen in der Stadt.

Jetzt den Artikel aus der Ratinger Zeitung vom 30.01.2013 lesen…

Unheimliche Begegnungen – Aus der Zwischenwelt“ ist eine Sammlung von 10 Erzählungen über Menschen aus dem Diesseits mit Begegnungen aus dem Jenseits.

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Kurz nach der Fertigstellung der Mystery-Erzählungen ‚Unheimliche Geschichten‘ begann ich mit der Arbeit an dem Manuskript zu dem Roman mit dem Arbeitstitel ‚Das Leben und Sterben des Jason Wunderlich“.
Sollte also der Grund für das ungenügende Interesse von Verlagen und Agenturen an den ‚Unheimlichen Geschichten‘ tatsächlich die Tatsache sein, dass es sich dabei eben nicht um einen abgeschlossenen Roman handelt (siehe hier), dann wird dieser Mangel mit ‚Jason Wunderlich‘ abgestellt.
Ich bleibe dem Diesseits mit einem Schuss Jenseits vorerst treu. Zu sehr interessiert mich das Thema Mystery derzeit.
Das Manuskript ist zur Hälfte getippt. Bis zur Frankfurter Buchmesse im Oktober 2011 sollte es fertig sein. Dann beginnt erneut die Verlagssuche. Literatur-Agenturen werde ich diesmal übergehen.

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