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Archive for the ‘Textproben’ Category

Michael E. Vieten - Die KammerNach seiner Scheidung erwirbt Julian in Schleswig-Holstein ein großes, altes Haus mit einem verwilderten Park. Der niedrige Preis war kaum zu glauben. Doch die Maklerin schwor, es gäbe keinen Haken. Trotzdem stand das Haus lange Zeit leer. Julian fühlt sich wohl dort. Wenn nur dieses Klopfen nicht wäre.
Dann erfährt Julian von dem grausigen Geheimnis der alten Mauern.

Ich bin der Auffassung, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als wir mit unseren Sinnen erfassen können. Diese Überzeugung ist der Antrieb für meine Mystery Geschichten. Die meisten der geheimnisvollen Orte in meinen Erzählungen gibt es und ich bin dort gewesen. In dem beschriebenen Haus, welches Julian gekauft hat, habe ich selbst einige Jahre gelebt und bin nie das Gefühl losgeworden, darin nicht alleine zu sein. Der Rest ist Fiktion.

Textprobe aus: Unheimliche Begegnungen – Die Kammer

Friedlich lag das Anwesen in der Abenddämmerung. Beinahe ein magischer Ort, der mich mit einer wohltuenden Ruhe empfing. Ich stellte den Wagen in die Scheune und beschloss, noch einen Spaziergang zu machen.
Die Vögel verabschiedeten mit ihrem Abendlied den Tag. Es wehte kein Wind. Auf der Wiese vor dem Haus stieg Nebel auf. Langsam kroch die Feuchtigkeit in meine Kleidung. Als ich an der Südseite des Hauses vorbeiging, fiel mir ein fast verdecktes, kleines, schmales Fenster im ersten Stock auf. An dieser Seite stand eine riesige Kastanie dicht am Haus, und sie überragte das Gebäude deutlich. Ihre unteren Äste reichten bis an das Mauerwerk und hatten Schleifspuren am Putz der Fassade hinterlassen. Deswegen hatte ich das Fenster bisher nicht bemerkt. Es wurde von dem mächtigen Stamm und stark belaubten, dicken Ästen fast vollständig verdeckt.
Da der Flur nur ein Dachfenster über der Treppe hatte, müsste sich dieses Fenster an der Stirnseite meines Schlafzimmers befinden. Aber da war kein Fenster. Offenbar hatte man es zugemauert.
Es war dunkel hinter dem Glas, und durch die verwitterten Scheiben konnte ich außer Spinnweben nichts erkennen. Ich wollte bei Gelegenheit jemanden aus dem Dorf danach fragen.
Nach einem ausgedehnten Spaziergang ging ich wieder nach Hause. Kleine Steine knirschten bei jedem Schritt unter meinen Schuhen, als ich das Grundstück betrat. Die Sonne war längst untergegangen. Ich hatte vergessen, die Außenbeleuchtung einzuschalten. Also tastete ich mich im Dunkeln ins Haus.

Ich kochte mir in der Küche einen Tee und nahm ihn mit hinauf ins Schlafzimmer. Ich war zwar schon müde, wollte aber trotzdem noch etwas lesen.
Als ich im Bett lag, fiel mir wieder das kleine Fenster ein. Ich kniete mich am Kopfende in das Bett und tastete mit den Händen die Tapete ab. Etwa in der Mitte der Wand müsste das Fenster sein. Ich konnte aber keine Unebenheiten fühlen, die auf nachträglich verbaute Steine hindeuten könnten. Offenbar hatte der Maurer sehr gewissenhaft gearbeitet.
Ich beschloss erneut, bei Gelegenheit jemanden aus dem Dorf zu fragen, was es mit dem Fenster auf sich hatte und begann zu lesen.
Nach ein paar Seiten hörte ich wieder ein leises Klopfen. Tock, tock, tock. Ganz leise. Ganz zart. Tock, tock, tock.
Ich hatte mal über klopfende Dohlen gelesen, dass sie sich wie die Handwerker gebärden. Diese Krähenart nistet gerne in alten Gemäuern. Dabei klopfen und hämmern sie mit ihrem Schnabel, als hätte man die Zimmerleute im Haus.
Auch von lärmenden Waschbären und Mardern auf Dachböden wurde mir berichtet. Spuren ihrer Krallen könnte man an den Fallrohren der Dachrinne, die sie zum Aufstieg benutzen, feststellen. Am nächsten Morgen wollte ich das kontrollieren.
Während ich weiter las, klopfte es leise in unregelmäßigen Abständen. Ich schaute auf die Uhr. 0:20 Uhr. Ich legte das Buch beiseite, trank den Rest von meinem Tee und löschte das Licht. Wieder hörte ich dieses zarte Klopfen. Darüber schlief ich ein.

Als der Radiowecker mich mit leiser Musik weckte, war ich noch etwas benommen. Ich döste noch ein paar Minuten und schaute dabei aus dem Fenster. Es regnete.
Macht nichts, dachte ich. Am Vormittag sollten die bestellten Möbel geliefert werden. Da würde ich den Tag sowieso im Haus verbringen.
Kurz nach dem Frühstück klingelten die Mitarbeiter des Möbelhauses und begannen damit, die verpackten Teile in die Zimmer zu tragen. Dann bauten sie die Möbel zusammen und stellten sie auf. Ich hatte mir schon für jedes Möbelstück einen Platz ausgesucht und wusste genau, wo jedes Teil hingehörte. Am frühen Nachmittag sammelten die Leute die letzten Reste der Verpackung ein und verließen das Haus.
Mit dem angebrochenen und immer noch verregneten Tag war nicht mehr viel anzufangen. Da ich mittlerweile einen leichten Hunger verspürte, beschloss ich, ins Dorf zu fahren, dort etwas zu essen und eine Tasse Kaffee zu trinken. Ich hatte im Eingangsbereich des Supermarktes ein Steh-Café gesehen.

An allen drei Tischen in dem kleinen Café stand jemand. An einem der Tische erkannte ich die Kassiererin, mit der ich mich nach meinem Einkauf vor zwei Tagen unterhalten hatte. Sie rauchte eine Zigarette und hatte eine Tasse Kaffee vor sich stehen. Obwohl ich Nichtraucher war, fragte ich sie, ob ich mich dazustellen darf. Sie willigte ein.
Ich stellte meine Tasse Kaffee auf den Tisch und biss in mein Brötchen. Die Kassiererin löschte ihre Zigarette und trank einen Schluck Kaffee. Dann sprach sie mich an.
„Na, auch Feierabend?“
„Nein. Ich habe Urlaub.“
Wir kamen ins Plaudern, und ich erzählte ihr von meinem Haus.
Sie hieß Petra und wohnte im Dorf. Sie war auch geschieden und etwa in meinem Alter. Mir gefielen ihre braunen Augen und ihr langes, dunkles Haar. Sie erinnerte mich an Silke. Im Laufe des Gesprächs erzählte sie mir von ihrer Familie und dass ihre Mutter den Vorbesitzer meines Hauses gekannt hat. Ich fragte Petra nach ihm, aber sie war ihm nicht oft begegnet. Er lebte sehr zurückgezogen und ließ sich selten im Dorf blicken. Er war ihr auch immer etwas unheimlich. Auch über das kleine Fenster an der Südseite wusste sie nichts. Sie lud mich zu sich nach Hause ein und gab mir ihre Telefonnummer. Im Moment lebte sie bei ihren Eltern. Ihre Mutter könnte mir dann mehr über das Haus und den Vorbesitzer erzählen.

“Die Kammer” ist eine Erzählung aus der Serie ‘Unheimliche Begegnungen – Aus der Zwischenwelt’.

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Michael E. Vieten - Gute TageEigentlich steht Frank Reuter schon vor dem Ende seines Lebens. Und an Hokus Pokus glaubt er ohnehin nicht. Doch eine Nahtoderfahrung bringt ihn dazu, den Rat seines verstorbenen Vaters zu befolgen. Er reist zu einer modernen Hexe in den Harz und verbringt dort die bis dahin schönsten Tage seines Lebens. Wird Maga sein Leben verlängern können? Wird er endlich verstehen, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir nicht erklären können?

Nur, weil wir uns etwas nicht vorstellen können, bedeutet das noch lange nicht, dass es das nicht gibt. Genau diese Erfahrung macht der Pragmatiker Reuter während seines Aufenthaltes in Magas Pension. Er hat sich an den abgelegenen Ort zurückgezogen, um mit sich selbst die letzten Tage seines Lebens zu verbringen. Doch am Beispiel eines Ameisenhügels überzeugt Maga ihren Gast, das Universum außerhalb seines eigenen ‘Haufens’ anzunehmen.
Nachdem die Schulmedizin Frank Reuter aufgegeben hat, ist er bereit für ein neues Leben. Was bleibt, ist die Angst, es könnte zu spät sein.

Textprobe aus: Unheimliche Begegnungen – Gute Tage

Der volle Mond schien über die schwarzen Baumwipfel auf den Bergen und erhellte den Hof. Der wilde Bach war weiß vor Gischt und stürzte sich in die Dunkelheit der Nacht. Über allem lag der intensive Duft des Sommerjasmins.
„Der Bach führt dieses Jahr besonders viel Wasser.“
Maga stand auf der Brücke, stützte sich mit verschränkten Armen auf das Brückengeländer und schaute hinab in die tosenden Fluten.
Ich hatte nicht bemerkt, dass sie mir gefolgt war. Sie hatte sich ihre Strickjacke wieder übergezogen. Ich ließ das Handy in meine Hosentasche gleiten und ging über die Brücke zurück zum Haus. Sie stieß sich vom Brückengeländer ab ohne ihre verschränkten Arme zu lösen und begleitete mich durch die sternenklare, kühle Frühjahrsnacht zurück zum Haus.
„Als ich ein Kind war, sprach meine Mutter oft vom Himmelszelt. Ich dachte, die Sterne seien Löcher, die jemand hineingepickt hat, und fragte mich, was wohl außerhalb dieses Zeltes sein könnte.“ Während Maga sprach, konnte ich ihren Atem sehen.

Plötzlich bemerkte ich, dass im Mondlicht hinter dem Haus ein Mann bei den Obstbäumen stand.
„Da steht jemand auf ihrem Grundstück.“
Maga schien nicht besorgt zu sein.
„Ich weiß, und ich glaube, sie kennen ihn.“
„Woher soll ich den kennen? Ich war noch nie im Harz.“
Im selben Augenblick war der Mann verschwunden.
Da ich mir nichts übergezogen hatte, fröstelte ich und wir gingen hinein ins Haus. An der Treppe nach oben blieb ich stehen.
„Ich glaube, die Luftveränderung macht mir zu schaffen. Ich bin schon wieder müde. Ich gehe zu Bett.“
Maga schloss die Haustüre hinter sich und blieb dicht vor mir stehen.
„Ich wünsche Ihnen eine angenehme Nachtruhe. Ich backe für morgen früh noch ein frisches Brot.“
Dann verschwand sie in der Küche.
Ich stieg die Treppe hinauf und ging in mein Zimmer. Während ich meine Reisetasche auspackte und ein paar Sachen zurechtstellte, überlegte ich, wo das Bad sein könnte.
Mit meinem Waschzeug in der Hand verließ ich mein Zimmer und entdeckte am Ende des dunklen Flurs einen Raum, dessen Tür halb offen stand.
Ich ertastete den Lichtschalter und fand, wonach ich gesucht hatte. Ein kleines Duschbad. Das Dachfenster in der Schräge stand einen schmalen Spalt offen. Auch hier hörte ich das allgegenwärtige Rauschen des Baches.
Ich duschte, putzte mir die Zähne und ging zu Bett. Die Tür zu meinem Zimmer ließ ich offen und lauschte den Geräuschen, die Maga unten in der Küche machte.
Es war ein guter Tag. Gott hatte mich noch nicht zu sich gerufen und ich hatte Maga kennengelernt. Bevor ich mir weitere Gedanken machen konnte, rauschte der Bach mich in einen erholsamen, traumlosen Schlaf.

Obwohl die Sonne durch das kleine Dachfenster schien, war es noch kühl in meinem Zimmer. Ich stand auf, beeilte mich mit der Morgentoilette und zog mich an. Der Duft von frischgebackenem Brot und Kaffee lockte mich hinunter in die Küche.
Maga stand am Herd und goss eine kleine Kanne Kaffee auf.
„Guten Morgen. Setzen sie sich. Der Kaffee ist gleich fertig.“
Unter den Duft des frischen Brotes mischte sich der Geruch nach Feuer und Rauch. Der große Herd in der Küche wurde mit Holz oder Kohlen beheizt und wurde seiner Aufgabe mehr als gerecht. Moderne Heizkörper gab es in der Küche nicht. Auch in meinem Zimmer und in dem kleinen Duschbad fehlten sie.
„Ich heize nur die Küche und die Stube. Ich hoffe, ihnen ist es nicht zu kalt.“
Wieder schien Maga meine Gedanken erraten zu haben. Diesmal war ich mir sicher, dass ich nicht laut gedacht hatte.
„Nein, das ist schon in Ordnung so.“
Der Tisch war zum Frühstück gedeckt. Butter, Konfitüre und gekochte Eier standen bereit. Ich nahm auf dem gleichen Stuhl wie am Abend Platz und konnte den Bach durch das Küchenfenster in der Morgensonne glitzern sehen.
Maga füllte unsere Kaffeetassen und stellte die Kanne auf dem schweren Holztisch ab. Dann entzündete sie eine gelbe Kerze, die in dem eisernen Halter zwischen unseren Tellern stand.
„Heute keine schwarze Kerze gegen die bösen Gedanken?“, fragte ich sie etwas herausfordernd.
„Nein, ab heute nehmen wir eine gelbe Kerze. Ihr gelb steht für Heilung und der ab heute abnehmende Mond unterstützt uns dabei, etwas los zu werden.“
Maga griff nach dem Brotkorb, hielt ihn mir entgegen und schaute mich selbstbewusst an. Ich hielt ihrem Blick stand und griff nach einer Scheibe des frischen Brotes.
„Wenn sie es sagen …“

“Gute Tage” ist eine Erzählung aus der Serie ‘Unheimliche Begegnungen – Aus der Zwischenwelt’.

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Michael E. Vieten - TanneckVier Freunde treffen sich zu einem Zelturlaub im Harz. Jeden Abend erscheint hoch oben auf den nahe gelegenen Klippen eine Frau und starrt auf den Zeltplatz herunter. In der Dorfbäckerei erfahren sie, dass Marianne Weber sich dort vor Jahren zu Tode stürzte. Ihr Mann hat ihren Tod nicht verkraftet und ist seitdem verschwunden. Während eines heftigen Gewitters löst sich in dem dunklen Fichtenwald ein Schuss. Ein Totenschädel rollt in das Zeltlager und bleibt vor den Füßen der Camper liegen. Wer ist die Frau auf den Klippen? Und wo ist Kurt Weber?

Wer schon einmal am Waldrand gezeltet hat, kennt das. Man liegt wach. Ein leichter Nachtwind bewegt die Äste der Bäume und das Mondlicht wirft deren Schatten auf die Zeltwände. Wenn man sich dann noch gegenseitig Gruselgeschichten erzählt, ist die Atmosphäre perfekt.

Textprobe aus: Unheimliche Begegnungen – Tanneck

Die Kühle des Morgens und der Duft von Wildkräutern auf der Wiese weckten mich auf. Ein leichter Wind wehte in das Zelt hinein und spielte mit dem Zeltstoff. Der Eingang stand offen, Katrin war schon aufgestanden. Ich hörte draußen vor dem Zelt jemanden mit Geschirr klappern. Doris und Katrin unterhielten sich leise. Ich öffnete meinen Schlafsack. Die Morgensonne schien durch die Lüftungsgitter, ein wenig Kondenswasser lief von innen an der äußeren Zeltplane herab. Auf der Wiese summten Insekten, Vögel zwitscherten, und in den Kronen der Fichten rauschte der Wind. Dann hörte ich Doris leise lachen und wie jemand Wasser in ein Gefäß goss und einen Gasbrenner anzündete.
Noch etwas benommen stand ich auf. Das Zelt war hoch genug, sodass ich stehen konnte. Ich zog meine Jeans und die Schuhe an, nahm mein Waschzeug und trat vor das Zelt. Doris und Katrin saßen an der Sitzgruppe und begrüßten mich. Sie hatten einen Sonnenschirm darüber aufgespannt. Ich gab Katrin einen Kuss, fragte nach der Uhrzeit und nach Ralf.
„Es ist kurz nach acht. Ralf schläft noch“, sagte Doris leise.
Dann machte ich mich auf den Weg zum Bach.
Als ich wieder zum Lagerplatz zurückkam, hatten Doris und Katrin schon Kaffee gekocht, das Frühstück vorbereitet und Ralf saß bereits am Tisch.
„Morgen“, brummte er mir entgegen. „Wie kalt ist das Wasser?“
„Ungefähr so“, antwortete ich und zeigte ihm zwischen meinem Daumen und dem Zeigefinger einen Abstand von zwei bis drei Zentimetern. Alle lachten und wir nahmen unser Frühstück ein.
„Wem gehört eigentlich diese Hütte da“, fragte ich Ralf.
„Keine Ahnung. Vielleicht dem Jagdpächter. Bei dem habe ich auch den Zeltplatz gemietet.“
„War jemand von euch heute Nacht noch einmal auf?“, fragte Doris in die Runde.
Alle schüttelten den Kopf.
„Nö“, bekräftigte ich. „Warum?“
„Ich musste kurz, nachdem ich im Zelt lag, noch einmal raus. Als ich vom Wald zurückkam, glaubte ich, jemanden auf den Felsen dort oben stehen gesehen zu haben. Es war eine sternenklare Nacht, ohne Wolken, der Mond schien hell.“
Wir schauten Doris an. Ralf senkte seinen Kopf, runzelte seine Stirn und blickte Doris unter seinen Augenbrauen hervor an.
„Du brauchst gar nicht so zu gucken. Ich bin mir fast sicher“, zweifelte Doris.
„Fast“, bekräftigte Ralf. „Jemand mitten im Wald, mitten in der Nacht? Wohl eher unwahrscheinlich.“
„Aber wir sind doch auch hier“, schaltete sich Katrin nun ein und stand Doris bei.
„Das nächste Mal weckt ihr uns, und wir gucken mit dem Fernglas“, beruhigte Ralf die beiden.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, es wurde wieder sehr warm. Nachdem die Zelte und die Schlafsäcke ausgelüftet waren, beschlossen wir, in den nächsten Ort zu fahren und Lebensmittel zu kaufen. Bei dieser Gelegenheit wollten wir auch gleich beide Autos wieder volltanken.

Es war ein kleiner Ort, aber er bot uns alles, was wir brauchten. Wir fanden eine Tankstelle, einen kleinen Supermarkt und eine Bäckerei. Wir tankten, kauften im Supermarkt ein und gingen, jeder mit einem Eis in der Hand, zur Bäckerei.
Wir waren die einzigen Kunden. Hinter dem Verkaufstresen stand eine ältere Verkäuferin und begrüßte uns höflich. Nachdem wir uns mit Brot und Brötchen für die nächsten Tage eindeckt hatten, erkundigte sie sich neugierig, ob wir Touristen seien und wo wir abgestiegen wären.
Ich erzählte ihr vom Tanneck. Daraufhin verdunkelte sich ihre Miene und sie sprach mit mahnender Stimme.
„Dann passen sie gut auf sich auf. Seien sie nicht leichtsinnig und klettern sie nicht auf den Felsen herum. Am Tanneck gab es vor Jahren eine furchtbare Tragödie. Die Weber Marianne ist von den Felsen in den Bach gestürzt. Ihr Mann, der Weber Kurt, dem gehörte das Tanneck, war ebenfalls eines Tages verschwunden und tauchte nicht mehr auf. Zuhause war er nicht und in seiner Hütte auch nicht. Auch im Wald haben sie ihn gesucht, aber bis heute keine Spur von ihm gefunden. Ich sag ihnen was. Der hat den Tod seiner Marianne nicht verkraftet. Der hat sich umgebracht. Irgendwo. Vielleicht ist er auch die Felsen runter und der Bach hat ihn mitgenommen. Wenn es ordentlich regnet, führt der Bach viel mehr Wasser als jetzt.“
Dann betrat ein weiterer Kunde die Bäckerei. Wir verabschiedeten uns von der Verkäuferin und gingen zu unseren Autos zurück. Keiner sprach etwas, jeder machte sich seine Gedanken
„Ist ja gruselig“, brach Doris unser Schweigen. „Wer weiß, wer das heute Nacht auf den Felsen war.“
„Also, Marianne war es sicher nicht“, blödelte Ralf, lachte und versuchte uns aufzumuntern.
Unsere Ferienstimmung war durch diese Geschichte etwas gedämpft. Auf der Rückfahrt zum Tanneck beschlossen Katrin und ich, uns die schöne Zeit hier nicht verderben zu lassen. Wir bedauerten das Schicksal von Marianne und Kurt Weber, aber wir kannten sie nicht, hatten mit dem Fall nichts zu tun und wollten hier nur eine Woche Urlaub mit unseren Freunden machen.

Als wir um die Hütte herum wieder auf die große Wiese fuhren, hatte der Ort für uns nichts von seinem Charme verloren. Die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel herab, der Bach plätscherte, ein warmer Sommerwind rauschte in den Kronen der Fichten und strich sanft über das hohe Gras. Auf der Wiese summten Insekten in den Blüten der Wildblumen auf ihrer Suche nach Nektar.
Ralf und Doris waren nach einem kurzen Gespräch mit uns einig. Gemeinsam verräumten wir die eingekauften Sachen und beschlossen, anschließend den angrenzenden Wald und die Felswand zu erkunden. Wir wollten nicht klettern, sondern einen Weg finden, der uns auf die Felsen führte. Nachdem wir uns feste Schuhe angezogen hatten, gingen wir über die kleine Brücke in den Wald.

Das Gelände stieg an und war mit hohen Fichten bestanden. Die Sonnenstrahlen erreichten kaum den Waldboden. Unter dem dichten Nadeldach war es deutlich kühler als auf der Wiese. Immer steiler ging es den Hang hinauf. Unsere Schritte wurden von dem weichen Waldboden gedämpft. Nur manchmal trat einer von uns auf einen kleinen Ast, der leise knackend unter unseren Füßen brach. Wir hielten uns rechts, dort musste die Felswand sein. Schwer atmend blieben Ralf und ich stehen und warteten auf Doris und Katrin. Wir schauten uns um und entdeckten einen schmalen, kaum auszumachenden Pfad. Wie ein Wildwechsel schlängelte er sich den steilen Hang hinauf. Da er offenbar in die Richtung der Felsen führte, beschlossen wir, ihm zu folgen.
Je höher wir dem schmalen Pfad den Hang hinauf folgten, desto unwegsamer wurde er. Wir gingen langsamer und achteten auf unsere Schritte. Baumwurzeln ragten aus dem Boden, dazwischen lagen große Steine. Rechts von uns, nicht weit entfernt, konnten wir zwischen den Stämmen der Bäume hindurch Felsgestein sehen.
Ralf und ich blieben erneut stehen und warteten auf die Mädchen. Der Pfad war jetzt so steil, dass wir mehr kletterten als liefen. Als Doris und Katrin uns erreichten, blieben wir noch einen Moment stehen. Auch sie brauchten eine kleine Pause.
Nachdem wir uns etwas erholt hatten, gingen wir weiter. Jetzt blieben wir dichter beisammen und halfen uns gegenseitig den steilen Pfad hinauf. Bald hatten wir die Felswand erreicht und der schmale Weg schlängelte sich davor weiter bergauf. Nach etwa 50 Metern führte der Pfad vorbei an dicken Fichtenstämmen auf eine ebene Fläche. Dann standen wir auf einem kleinen Plateau. Hier oben, auf der Felswand, hatten wir eine herrliche Fernsicht über den Harz. Der Fels war zum Teil mit Gras und Moos bewachsen. Erschöpft ließen wir uns auf einen Flecken weichen Boden fallen, ruhten uns aus und genossen den Ausblick.

Nach einer ganzen Weile stand ich auf und trat an den Rand des Plateaus.
„Sei bloß vorsichtig“, rief Katrin mir hinterher.
Von den Felsen herunter konnte man die Lichtung sehen. Mitten darauf standen unsere Autos. Deren Fahrspuren im Gras und die Kuppeln der beiden Zelte waren deutlich zu erkennen. Was für ein friedlicher Ort dachte ich mir. Dann schaute ich zu der Hütte unter den Obstbäumen und mir fiel wieder die Geschichte ein, die uns die Verkäuferin in der Bäckerei erzählt hatte.
Hier also war Marianne Weber hinab gestürzt. Ich machte noch einen Schritt auf den Rand des Plateaus zu und beugte mich vorsichtig nach vorn. Dann blickte ich nach unten und sah den Bach.
„Wer da herunterfällt, ist ganz sicher tot“, sagte Ralf plötzlich hinter mir.
Ich hatte nicht bemerkt, dass er mir gefolgt war. Ich machte einen Schritt zurück und drehte mich um. Doris und Katrin waren mir ebenfalls gefolgt und traten vorsichtig an den Plateaurand. Doris verzichtete auf einen Blick nach unten. Katrin verschränkte ihre Arme vor der Brust, beugte sich behutsam vor und schaute in die Tiefe. Auf ihren nackten Armen bildete sich dabei eine Gänsehaut. Ihre langen, blonden Haare wehten im Wind.
Was für eine Tragödie, wenn sie jetzt hinunterfiel, durchfuhr es mich. Ein unerwarteter Windstoß oder ein unachtsamer Schritt und schon konnte es passiert sein.
Plötzlich hatte ich Angst um sie. Schreckliche Vorstellungen drängten sich mir auf. Ich sah in Gedanken, wie sie abstürzt, unten aufschlägt, ihre Glieder zerschmettert, von der Strömung des Bachs fortgerissen. So wie es die Verkäuferin erzählt hatte, so wie es Marianne Weber ergangen war. Endlich machte Katrin einen Schritt rückwärts und trat von dem Felsenrand zurück. Sie drehte sich zu mir um, sah mich an und schien meine Gedanken zu ahnen. Dann umarmte sie mich und scherzte: „Keine Sorge, so schnell wirst du mich nicht los.“

“Tanneck” ist eine Erzählung aus der Serie ‘Unheimliche Begegnungen – Aus der Zwischenwelt’.

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Michael E. Vieten - KonradKonrad setzt sich in einem Restaurant zu einem Fremden an den Tisch. Er sucht das Gespräch. Gleichzeitig bildet sich vor dem Restaurant eine Menschentraube. Passanten auf der Straße laufen zusammen und blicken bestürzt zu Boden. Manche halten sich die Hand vor den Mund. Alle sind entsetzt. Blaulicht zuckt durch die Fenster in das Restaurant hinein. Wer ist Konrad? Was ist vor dem Restaurant passiert? Hat er etwas damit zu tun?

Diese besondere Erzählung ist eine meiner liebsten Geschichten. Sie liegt mir am meisten am Herzen. Die Ausstattung dieser Kurzgeschichte ist bewusst sehr sparsam gehalten. Ein Restaurant, zwei Männer, ein Dialog. Alles reduziert sich auf das Wesentliche, auf die eine Frage. Was bereut man am Ende seines Lebens mehr? Das, was man tat oder das, was man unterließ?

Textprobe aus: Unheimliche Begegnungen – Konrad

Ich bin jetzt über 50 Jahre alt, und es gibt Leute, die behaupten, ich hätte in meinem Leben nicht viel erreicht. Demnach gäbe es auch nicht viel zu berichten. Aber eine ganz besondere Geschichte will ich dennoch erzählen.

Es geschah an einem nasskalten Tag Anfang November. Die wenigen trockenen Stunden dieses Tages wurden immer wieder von kräftigen Regenschauern unterbrochen. Ein kalter Herbstwind trieb dichte, graue Wolkenfelder über die Stadt hinweg.
Ich hatte an diesem Vormittag ein paar Einkäufe erledigt und wollte vor der Heimfahrt noch etwas zu Mittag essen. Nicht weit vom Supermarkt entfernt gab es ein einfaches Restaurant. Es war mittags wie abends gut besucht. Sogar Frühstück bekam man dort. Mir gefielen die bescheidene, rustikale Atmosphäre und die moderaten Preise.
Dichte Wolken verdunkelten soeben den Himmel, und wieder prasselte ein Regenschauer nieder. Ich wartete auf eine Lücke im dichten Verkehr und überquerte die Fahrbahn.
In den Pfützen spiegelten sich die Scheinwerfer der Autos, und deren Reifen rollten schmatzend über den nassen Asphalt. Passanten öffneten ihre Regenschirme. Ich hatte keinen Schirm dabei. Also schlug ich den Kragen meiner Jacke hoch und ging etwas schneller. Von Weitem wehten bereits die Küchendünste des Restaurants heran.
Ich betrat die gut beheizte Gaststube, blieb am Eingang stehen und suchte mit den Augen nach einem freien Platz. An den Tischen saßen die Gäste bei gedämpftem Licht und genossen ihre Mahlzeit oder ihren Kaffee. Vereinzelt blickte jemand kurz auf, dann unterhielten sie sich weiter mit ihren Tischnachbarn.
Gesprächsfetzen drangen zu mir herüber, ein Mann am Tisch vor mir hustete, an einem anderen Tisch wurde laut gelacht. Es roch nach Essen, Kaffee und Bier und nach nasser Kleidung. Offenbar waren alle Tische besetzt. Ich öffnete meine Jacke und schlug den Kragen wieder zurück. Dabei tropfte mir etwas Wasser von meinen Haaren kalt in den Nacken.
An der Theke klirrten Gläser, und in der Küche klapperte jemand mit Geschirr. Eine Kellnerin ging mit einem Tablett an der Durchreiche zur Küche vorbei, rief etwas hinein und stellte das Tablett an der Theke ab. Dann sah sie zu mir herüber und deutete mit ihrer Hand in den hinteren Teil des Restaurants. Ein älterer Herr stand gerade auf und ging auf die Garderobe zu. Die Kellnerin und ich machten uns gleichzeitig auf den Weg.
Wir trafen uns an einem kleinen Tisch, von dem sie gerade ein leeres Bierglas abräumte. Dann legte sie mir eine Speisenkarte bereit und deckte Besteck und eine Serviette für mich ein.
Ich zog meine Jacke aus und hängte sie an die Garderobe. Dann hatte ich die Wahl zwischen einem Platz auf der Eckbank oder dem Stuhl vor dem Tisch. Ich entschied mich für die Eckbank. So konnte ich das ganze Restaurant überblicken.
Ich warf einen kurzen Blick in die Speisenkarte und wählte doch wieder das mir bekannte, große Holzfällersteak mit Bratkartoffeln. Ich war nie sehr anspruchsvoll und hatte schon immer eine Vorliebe für die einfachen Dinge.
Im Hintergrund spielte leise Musik von Neil Diamond. Aber niemand schien darauf zu achten. Neil gab sein Bestes, aber es verhallte ungehört in dem Geräuschbrei des Mittagsgeschäfts.
Die Kellnerin kam wieder an meinen Tisch. Ich bestellte bei ihr mein Essen und ein Bier dazu. Auf dem Rückweg rief sie meine Bestellung im Vorbeigehen in die Küche hinein und ihrer Kollegin an der Theke zu. Dann ging sie zu einer Kasse und tippte etwas ein. Es kamen zwei kleine Bons heraus. Je einen gab sie in der Küche und an der Theke ab. Ich wendete meinen Blick von ihr ab und beobachtete die Leute an den Tischen.
Die meisten von ihnen waren Männer und sie besuchten dieses Restaurant offenbar, um mit ihren Kollegen zu Mittag zu essen. Sie arbeiteten sicher irgendwo in der Stadt. Es saßen auch vereinzelt ein paar Frauen im Restaurant. Vielleicht waren es Büroangestellte von den Firmen ringsumher.
Ich hingegen war mal wieder arbeitslos. Aber ich hatte auch nie viel Wert auf Karriere gelegt. Meistens arbeitete ich mal hier und mal dort und verrichtete einfache Arbeiten. Oft zur Ernte in der Landwirtschaft oder als Gehilfe im Forst. Manchmal auch als Lagerarbeiter oder als Fahrer. Das verdiente Geld reichte gerade für einen alten Lieferwagen und ein kleines, altes Haus mit Ofenheizung. Ein Gemüsegarten und eine Wiese mit Obstbäumen gehörten noch dazu.
Mehr brauche ich nicht. Ich wuchs in einfachen Verhältnissen auf und war seit jeher daran gewöhnt, dass Geld nicht unbegrenzt zur Verfügung stand.
Die Kellnerin brachte mir mein Bier und kurz darauf mein Essen.
Draußen hatte es aufgehört zu regnen. Die an den Fenstern vorübereilenden Fußgänger hatten ihre Schirme geschlossen.
Ich begann zu essen und genoss das Steak und die Bratkartoffeln.
In dem Moment, als ein Mann in einem langen, dunklen Mantel das Restaurant betrat, gab es draußen auf dem Gehsteig einen Tumult. Passanten liefen aufgeregt zusammen und schauten auf etwas, das am Boden lag. Eine Frau hielt sich bestürzt die Hände an die Wangen. Mehr konnte ich nicht sehen.
Der Mann im Mantel blieb am Eingang des Restaurants stehen und suchte mit den Augen den Gastraum ab. Als er mich entdeckte, ging er sofort auf meinen Tisch zu. Während er das Restaurant durchquerte, sah er mich pausenlos an. Ich überlegte, ob ich ihn kenne. Aber er war mir unbekannt. Als er an meinem Tisch angekommen war, begrüßte er mich höflich und stellte sich mir vor.
„Guten Tag. Darf ich mich an Ihrem Tisch dazusetzen? Ich habe wenig Zeit und möchte nur einen Kaffee trinken. An den anderen Tischen ist kein Platz frei.“
Das war glatt gelogen. Obwohl ich mit einem einzigen Blick feststellen konnte, dass an den anderen Tischen sehr wohl Plätze frei waren und ich lieber für mich alleine gewesen wäre, wollte ich nicht unhöflich sein und willigte ein.
„Mein Name ist übrigens Konrad.“
Konrad behielt seinen Mantel an und nahm auf dem Stuhl vor mir Platz. Dann drehte er sich um und winkte nach der Kellnerin.

“Konrad” ist eine Erzählung aus der Serie ‘Unheimliche Begegnungen – Aus der Zwischenwelt’.

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Michael E. Vieten - Das Hügelgrab„Die Hölle ist kein Ort, Jason, sondern ein Gefühl. Seine Hölle schafft sich jeder selbst. Denke nur an die Qualen des schlechten Gewissens, sich bewusst sein, über das eigene unmoralische Verhalten oder die Komplikationen, die eine erste Lüge auslöst. Untreue, Verrat, Verleumdung, Verleugnung. Das ist eure Hölle.“ So spricht Benicio, der Bote aus dem Jenseits, zu Jason in meinem Roman „Das Leben und Sterben des Jason Wunderlich„.

Um unser aller Tor zur Hölle und welche Folgen es haben kann, wenn wir es durchschreiten, geht es auch in der Erzählung “Das Hügelgrab” aus meiner Mystery-Serie „Unheimlichen Begegnungen – Aus der Zwischenwelt“.

Mats Vilander überfährt bei strömendem Regen irgendetwas auf der Landstraße. Doch außer etwas Blut und einem Damenschuh findet er nichts, was auf einen Unfall hindeutet. Er erfährt von der Polizei, dass  in den vergangenen Jahren immer an diesem einen Tag, zur gleichen Tageszeit und genau an dieser Stelle ein Unfall geschehen ist, ohne dass es Opfer gab. Aber man fand immer den gleichen Damenschuh. Was ist hier los? Mats lässt nicht locker und hat einen schrecklichen Verdacht.

Textprobe aus: Unheimliche Begegnungen – Das Hügelgrab

Am folgenden Morgen las ich in der Zeitung eine kurze Meldung über den nächtlichen Unfall. Die Polizei suchte weiterhin nach den Unfallopfern und bat die Bevölkerung um Mithilfe.
Eigenartig dachte ich. Vielleicht hatte der Däne überhaupt niemanden überfahren und sich geirrt?
Nur woher stammte dann das viele Blut? Möglicherweise doch von einem oder mehreren Tieren? Aber ich fand auf der Straße einen Schuh. Der musste schließlich jemandem gehören.
Das erschien mir alles etwas rätselhaft. Ich rief bei der Polizei an und schilderte meine Überlegungen. Auch dort war man vorerst genauso ratlos wie ich.
Ich beschloss, zu Sören Andresen rüber zu gehen und ihn zu fragen, ob er in der Nacht etwas gesehen oder gehört hatte. Obwohl mir bei dem Gedanken an meinen Nachbarn etwas unbehaglich war.

Andresen war mir schon immer suspekt. Ich hatte ihn ein oder zwei Mal auf einem Dorffest getroffen. Hin und wieder sah ich ihn auch auf seinem Traktor hocken, wenn er seinen Acker bestellte. Er war ein unangenehmer Kerl. Hoch aufgeschossen, hager, flachsblond mit hellgrauen Augen und einer Haut wie eine alte Ledertasche. Sein stets ungekämmtes Haar war genauso wirr wie seine ganze Erscheinung.
Unsere beiden Grundstücke verband ein schmaler, unbefestigter Weg miteinander. Ich nutzte ihn kaum, aber Andresen fuhr darüber auf seine Felder.
Über diesen ausgefahrenen und fast zugewachsenen Weg gelangte ich direkt auf seinen Hof. Kaum hatte ich meinen ersten Fuß auf sein Grundstück gesetzt, lief mir sein hässlicher, großer, schwarzer Hund laut bellend entgegen. Unter das tiefe, heisere Gebell mischte sich das Klingeln der langen Kette, die der Köter hinter sich herzog. Das Viech sah aus wie eine Mischung aus Rottweiler und Dogge.
Ich beschleunigte meinen Schritt, um vor ihm an der Haustüre zu sein. Als ich den Hauseingang beinahe erreicht hatte, spannte sich die Kette und hielt Andresens Hund ruckartig zurück. Der stellte sich auf seine Hinterbeine, bellte unaufhörlich weiter und sabberte dabei auf den Boden vor sich.
„AUS, ZERBERUS, AUS!“
Mir fuhr der Schreck in die Glieder.
Ich hatte mich so sehr auf den kläffenden Hund konzentriert, dass ich Sören Andresen gar nicht bemerkt hatte. Der stand plötzlich im Rahmen der geöffneten Haustüre und schrie den Hund an. Offenbar hatte Andresen mich kommen sehen. Laut genug gebellt hatte sein Köter ja.
Zerberus, hieß sein Hund. Ein treffender Name für so ein Viech. Soweit ich weiß, ist Zerberus in der griechischen Mythologie ein Höllenhund und Torhüter, der den Eingang zur Unterwelt bewacht.
Entweder war das Zufall oder Andresen war gebildeter, als ich es ihm zugetraut hatte.
„Moin, moin Herr Nachbar. Was treibt sie denn hierher, Vilander.“
Ohne mich hineinzubitten, baute sich Andresen mit den Händen in den Hosentaschen vor mir auf und starrte mich aus seinen eisgrauen Augen an.
Aus der Nähe fiel mir auf, dass die Haare seiner buschigen Augenbrauen ebenso wirr abstanden wie sein Kopfhaar.
„Moin. Haben sie heute Nacht den Unfall auf der Landstraße bemerkt? Ein LKW hat offenbar zwei Fußgänger überfahren.“
„Nee, ich habe geschlafen. Was habe ich damit zu tun?“
„Hätte ja sein können, dass sie etwas gesehen oder gehört haben. Die beiden Fußgänger werden vermisst.“
„Na und. Dann werden sie jetzt entweder Zuhause hocken oder sie sind tot, liegen irgendwo herum und werden bald von den Füchsen gefressen.“
Andresen ließ die Tragödie auf der Landstraße offenbar völlig unberührt.
„Könnte doch auch gut sein, dass sie schwer verletzt in ihren Roggen geschleudert wurden.“
„Möglich, dann werden wir sie ja bei der Ernte finden. War es das?“
Andresen schien die Möglichkeit, sich mit mir auf die Suche zu machen, nicht in Betracht zu ziehen, und ich verzichtete darauf, ihn danach zu fragen. Seine Antwort konnte ich mir denken.
„Falls sie etwas finden, können sie es ja der Polizei melden.“
Ich verabschiedete mich von Sören Andresen und machte mich, begleitet von Zerberus Gebelle, auf den Rückweg. Wortlos trat Andresen zurück in sein Haus und schloss die Tür.
Den Weg hätte ich mir sparen können. Ich überlegte kurz, ob ich die Suche alleine aufnehmen sollte, verwarf den Gedanken aber wieder. Ich wollte Andresen nicht provozieren, indem ich durch seinen Roggen lief. Außerdem hatte die Polizei mithilfe der Feuerwehr die nähere Umgebung bereits abgesucht und nichts gefunden.
Wenn Andresen etwas zugänglicher wäre, hätte ich ihm vorgeschlagen, gemeinsam mit ihm auf seinem Traktor die Felder abzufahren.

In den darauf folgenden Wochen blieb die Suche nach den beiden Fußgängern weiterhin erfolglos. Auch nach der Ernte fand man auf den Stoppelfeldern keinerlei Hinweise auf zwei Fußgänger, die sich nach dem Unfall schwer verletzt dorthin geschleppt haben könnten. Schließlich stellte die Polizei die Ermittlungen ein.
Ich selbst zweifelte mittlerweile auch an der Version mit den beiden Fußgängern.
Das Blut stammte wahrscheinlich von einem oder mehreren Tieren, die sich nach dem Zusammenprall mit dem LKW des Dänen schwer verletzt ins Unterholz eines Knicks oder in die Roggenfelder verkrochen hatten. Dort waren sie vermutlich verendet und später von Füchsen, Möwen und Krähen gefressen worden.
Sören Andresen hatte ich nach jenem Morgen des 1. August kaum zu Gesicht bekommen. Ein paar Mal sah ich ihm aus der Ferne zu, während er auf seinem Traktor saß und seine Felder bestellte.
Im Frühjahr des darauf folgenden Jahres traf ich ihn leicht angetrunken beim Biikebrennen am Strand noch einmal. Er reichte eine Liste herum. Darin bat er in seiner mürrischen Art um eine Unterschrift, zur Unterstützung eines erneuten Antrags beim Landesamt für Denkmalschutz, das Hügelgrab auf seinem Land planieren zu dürfen.
Eigentlich bat er nicht, er forderte.
„Hier, unterschreib‘ das mal. Ich muss endlich diesen elenden Hügel loswerden.“
Kaum jemand widersetzte sich seiner forschen Art. Auch ich unterschrieb, weil ich keine Lust hatte, mich an diesem schönen Abend mit einem betrunkenen Sören Andresen anzulegen. Sein Antrag wurde später erneut abgelehnt.
Das Frühjahr ging. Der Sommer kam.

Am Abend des 31. Juli verließ ich mein Landgut, um zum Strand zu fahren. Am Wasser war es kühler. Ich erwartete schon seit Tagen ein Gewitter.
In dem Jahr baute Sören Andresen auf den Feldern links und rechts der Landstraße Mais an. Wie erstarrt standen die Pflanzen in der Sommerhitze, kein Halm auf den Wiesen, kein Blatt im Laub der Bäume bewegte sich. Die andauernde Windstille zerrte an meinen Nerven. Sogar in den Nächten der vergangenen Wochen kühlte sich die Luft kaum ab. Auch wenn ich nur ruhig irgendwo saß, schwitzte ich. Nachts schlief ich kaum und nickte immer nur für ein paar Minuten ein. Wie an jedem Abend der letzten Tage zeigten sich dunkle Wolken am Himmel. Es donnerte entfernt, blitzte hin und wieder, doch es regnete nicht.

Langsam rollte ich mit meinem Wagen über das sandige Gelände zur Hofeinfahrt. Staub wirbelte auf und stand minutenlang in der Luft, bevor er sich beinahe an der gleichen Stelle niederließ, von der er emporgestiegen war.
Ich fuhr auf die Landstraße in Richtung Meldorf. Der Fahrtwind, der mich durch die heruntergelassenen Fenster erreichte, verschaffte mir Linderung.
Plötzlich klatschten die ersten Regentropfen herab und hinterließen Zentimeter große, ausgefranste Kreise auf der staubigen, mit Insektenresten überzogenen Windschutzscheibe.
Endlich begann es, heftig zu regnen. Ich schaltete die Scheibenwischer ein, die sogleich damit begannen, eine schmierige Masse über die Frontscheibe zu verteilen.
Noch bevor ich die dampfende, nasse Fahrbahn wieder erkennen konnte, sah ich schemenhaft etwas vor meinem Wagen auftauchen und hörte zwei dumpfe Schläge gegen die Motorhaube. Gleichzeitig ging ein Ruck durch den schweren Wagen und er überrollte etwas. Ich war gegen irgendein Hindernis gefahren.
Erschrocken trampelte ich auf das Bremspedal und schaute in den Rückspiegel. Doch außer einem dichten Vorhang aus Wassertropfen konnte ich nichts erkennen.
Ich zog die Handbremse an, schaltete die Warnblinkanlage ein und stieg aus. Der Gewitterregen durchdrang in Sekunden meine Kleidung. Dann ging ich die letzten gefahrenen Meter auf der Fahrbahn zurück.
Dicke Regentropfen klatschten in den angrenzenden Feldern auf Andresens Mais. Die Wucht der herabstürzenden Wassermassen ließ die Pflanzen erzittern. Es sah aus, als tanzten sie vor Freude über das willkommene Nass. Fast konnte ich sie jubeln hören.

“Das Hügelgrab” ist eine Erzählung aus der Serie ‘Unheimliche Begegnungen – Aus der Zwischenwelt’.

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Bei der Recherche für meinen ersten Kriminalroman „Atemlos – Beim Sterben ist jeder allein“ sprach ich mit Polizeibeamten und las öffentlich zugängliche Dokumente über die täglichen Abgründe unserer Gesellschaft. Schnell kam ich zu der Überzeugung: „Das kannst du so nicht schreiben, das glaubt dir kein Mensch.“ Wahrlich unglaublich, was sich parallel zu unserer heilen Welt so alles abspielt. Jede Minute wird geraubt, gemordet und totgeschlagen, aus den niedersten Beweggründen und mit den zweifelhaftesten Rechtfertigungen. Hinzu kommen die für uns sinnlosen Taten von schwer in ihrer Persönlichkeit gestörten Menschen. Diskussionen mit einem Psychopathen über Normen und Werte erübrigen sich. Nach einer Verhaftung ist es nahezu aussichtslos, mit den Tätern ein Gespräch auf einer „vernünftigen“ Basis zu führen.
„Mein“ Mörder Anselm Jünger ist ein solcher Psychopath, und ich habe versucht, seine Gedankenmuster offenzulegen und zu vermitteln, auf welcher wirren Gefühlsachterbahn er jeden Tag fährt.

Textprobe aus: Atemlos – Beim Sterben ist jeder allein

Anselm Jünger

Das kleine Biest zappelte wild, als dessen Hinterpfoten das kalte Wasser berührten. Es versuchte, sich herumzudrehen, herauszuwinden, nur irgendwie zu entkommen. Bis dahin hatte es durch Anselms brutalen Griff in das Nackenfell stillgehalten.
Doch jetzt, durch seine entsetzliche Furcht vor dem schwarzen, kalten Wasser, löste sich die angeborene Tragestarre, und das Viech begann laut zu schreien, bevor Anselm es erbarmungslos unter die Wasseroberfläche drückte.
Aufmerksam beobachtete er für kurze Zeit die Fenster, durch die seine Nachbarn in den Innenhof herunter schauen konnten.
Nirgendwo ging Licht an. Nicht ein einziges bleiches Gesicht hinter Glas ließ sich ausmachen. Niemand hatte sich zu dieser frühen Stunde durch ein dunkles Zimmer bis an ein Fenster geschlichen, um einen Blick auf ihn und die Regentonne zu werfen.
Das letzte Sommergewitter hatte die Tonne bis zum Rand gefüllt. Während das Mistviech darin tobte, schwappte Wasser heraus und platschte auf den Boden.
Verzweifelt versuchte die junge Katze, sich Anselms Griff zu entziehen, dann aufzutauchen und an der Oberfläche nach Luft zu schnappen. Vielleicht, ja, vielleicht gelang es ihr dann sogar, trotz ihrer furchtbaren Panik, mit wenigstens einer Pfote den Rand der Regentonne zu erreichen, sich daran herauszuziehen und zu flüchten.
Das Viech war unglaublich zäh und Anselm wusste nicht, wie lange ein so junges Tier sich ihm noch wiedersetzen konnte. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sein Mord so viel Zeit in Anspruch nehmen würde und dabei solch einen Lärm verursacht.
Der Rand der Regentonne reichte ihm bis an den Bauch. Das herausschwappende Wasser durchweichte bereits seine Jeans und lief ihm über die Hosenbeine in die Schuhe.
Die Ärmel seiner Jacke und des Hemdes darunter waren bis zur Schulter durchnässt.
Die kalte Morgenluft und die Aufregung reizten Anselms überempfindliche Bronchien. Er fürchtete einen Asthmaanfall und tastete mit einer Hand nach dem Inhalator in der Jackentasche. Doch der kleine Pumpzerstäuber war nicht an seinem Platz. Anselm vermutete, ihn beim Überziehen der Jacke auf der Kommode im Flur vergessen zu haben.
Er atmete durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Dabei hielt er seine Lippen fast geschlossen, damit die entstehende Druckverlagerung ihm die Atmung erleichterte.
Mit einer geschickten Bewegung erwischte das um sein Leben kämpfende Tier Anselms Handgelenk mit den Krallen einer Hinterpfote. Er unterdrückte einen Aufschrei. Weniger vor Schmerz, als vielmehr vor Überraschung über die Heftigkeit dieser Attacke. Beinahe hätte er seine schlafenden Nachbarn doch noch auf sich aufmerksam gemacht. Er musste das Viech nun zügig erledigen.
Er löste kurz den Griff im Nackenfell, umschloss mit seinen Fingern blitzschnell den Hals der Katze und drückte zu. So fest er konnte. Solange er konnte. Die Bewegungen im Wasser verloren stetig an Kraft. Aus dem kleinen hellen Gesicht unter der Wasseroberfläche traten die Augen hervor. Anselm spürte ein letztes schwaches Zucken, und der magere Körper wurde schlaff. Der Überlebenskampf der jungen Katze war zu Ende.
Er öffnete seine Finger und ließ den leblosen Körper auf den Grund der Regentonne sinken. Er vergewisserte sich noch einmal, dass ihn auch wirklich niemand beobachtete, und verließ den Innenhof durch die Tür zum Treppenhaus.

Er verzichtete darauf, das Licht einzuschalten, und stieg im Halbdunkeln die knarrenden, hölzernen Treppenstufen hinauf in seine Wohnung.
Es roch immer noch stark nach Öl im Haus. Der Geruch waberte aus dem Heizungskeller empor und verursachte eine leichte Übelkeit bei Anselm.
Hans Schmidthofer, der Hauseigentümer, versprach seinen Mietern seit Jahren, dass er den Defekt an der Tankanlage im Keller beheben lässt. Doch bisher war nichts geschehen. Nach jedem Befüllen der Tanks im Keller mit neuem Heizöl stank das ganze Haus wochenlang danach.
Eine Sauerei, so was. Ignorantes Arschloch, dieser Schmidthofer. Der alte Sack wohnte natürlich nicht im gleichen Haus. Nein. Er lebte in einem schicken Einfamilienhaus im Nachbarort.
Dort würde Anselm ihn gerne mal besuchen und ihm das Licht auspusten. So wie dieser Dreckskatze gerade.
„Schmidthofer, dein Tag kommt auch noch“, murmelte er leise.
Er hatte sich bei seinem Aufstieg im Treppenhaus in Rage gebracht. Ihm wurde die Luft wieder knapp und er war erleichtert, als er beim Betreten der Wohnung den Inhalator auf der Kommode im Flur liegen sah. So, wie er es vermutet hatte.
Anselm liebte Ordnung und Disziplin über alles. Dass er den Inhalator vergessen hatte, verzieh er sich nur deshalb, weil er sich auf den Plan, die Katze von der Fricke zu ersäufen, so sehr konzentriert hatte. Solch ein Fehler durfte ihm jedoch nicht noch einmal unterlaufen.
Er griff nach dem kleinen Taschenzerstäuber, atmete aus und führte das Mundstück zwischen seine Lippen. Mit geschlossenem Mund drückte er einen Stoß des Aerosols heraus und atmete so tief er konnte durch den Mund ein.
Erleichtert trat er an das Fenster im Badezimmer und schaute hinunter in den Innenhof.
Schwach, und für einen flüchtigen Blick beinahe unsichtbar, schimmerte das weiß-rote Fell von Frickes Katze im morgendlichen Dämmerlicht auf dem Grund der Regentonne. In knapp einer Stunde würde die Sonne am Himmel stehen und den Tatort hell ausleuchten.
Die Fenster im gegenüberliegenden Gebäude blieben weiterhin unbeleuchtet. Aber das sollte sich bald ändern. Die Fricke war morgens immer früh auf den Beinen und krakeelte rücksichtslos als Erstes nach ihrer scheiß Katze.
Die Alte bewohnte mit ihrem Mann im Haus gegenüber die gleiche Etage wie Anselm. Durch das gekippt stehende Schlafzimmerfenster schallten Frickes Rufe im Morgengrauen herüber und weckten ihn. Nicht selten, nachdem er zuvor erst wenige Stunden geschlafen hatte.
„Miezi, miezi, miezi. Ja wo bist du denn? Miezi, miezi, miezi. Kooom. Leckerchen. Kooom. Wasserchen.“
„Hähähä. Deine verfluchte Miezi ist in der Regentonne, du dumme Kuh, und dort hat sie vorerst genug zu saufen. Und Futter braucht die auch nicht mehr. Das kannst du jetzt selbst fressen.“
Anselm geriet in Hochstimmung und feixte, als er die nasse Kleidung auszog und sie in die Waschmaschine stopfte.
Endlich verschmierte das Drecksviech nicht mehr das Schlafzimmerfenster mit seiner feuchten Nase oder trampelte mit sandigen Pfoten über die Motorhaube von Anselms schwarzem Opel-Corsa.
Schon zwei Mal hatte er versucht, die Katze vom Fenstersims zu stoßen. Aber jedes Mal landete sie auf allen vieren im Innenhof und blieb unversehrt. Am nächsten Tag kletterte sie über das Dach wieder auf ihren Platz vor Anselms Schlafzimmerfenster. Dort saß sie, genoss die ersten wärmenden Sonnenstrahlen am frühen Morgen und putzte sich.
Er hatte sich bei der Fricke nie darüber beschwert. Er fand meist eine geeignete Methode, Probleme dieser Art selbst zu lösen. Eine zurückliegende Beschwerde über Frickes Katze würde jetzt nur den Verdacht auf ihn lenken.
Außerdem hätte eine Beschwerde rein gar nichts verändert. Was interessiert es so ein Viehzeugs schon, wenn Anselm sich bei dessen Frauchen beschwert. Da kackt so ein Viech drauf. Und zwar in den Innenhof. Oft genug war er beim Aufhängen seiner Wäsche in die Kötel getreten. Von wegen, Katzen vergraben ihre Kacke. Ja, nur wenn sie nicht zu faul dazu sind. Naja, Miezi hat jedenfalls ausgekackt.

Nachdem die Schubserei vom Fenstersims nicht den gewünschten Erfolg gebracht hatte, grübelte Anselm tagelang darüber, wie er dem Viech den Garaus machen konnte, ohne Gefahr zu laufen aufzufliegen. Zu guter Letzt entschied er sich für das Ersäufen in der Regentonne zwischen vier und fünf Uhr morgens. Nach der Hundewache, würde man an Bord eines Schiffes sagen. Um diese frühe Stunde schliefen alle Anwohner tief und fest, und das Risiko von einem Spätheimkehrer oder Frühaufsteher gestört zu werden erschien ihm am geringsten.
Aber wie sollte er das Tier in die Finger bekommen, nachdem er ihr so oft übel mitgespielt hatte? Kaum dass Miezi ihn sah, lief sie auch schon davon.
Auch dafür erarbeitete er eine Lösung. Er fütterte die junge Katze mit köstlichen Leckereien aus diesen kleinen, viereckigen Aluminium Packungen. Für die wurde im Fernsehen regelmäßig in Spots geworben. Anselm hasste es zwar, wenn interessante Sendungen für Werbung unterbrochen wurden. Aber diesmal war sie ihm nützlich.
Jeden Abend hinterließ er ein Häufchen von dem Katzenfutter auf dem Sims vor dem Schlafzimmerfenster. Dem Lieblingsplatz von Miezi. Am Morgen fand sie die Köstlichkeit und fraß sie auf. Natürlich hätte er die Katze auch einfach vergiften können. Aber Anselm kannte sich mit Giften und deren Wirkung und Dosierung nicht aus. Schon die Beschaffung stellte ein weiteres Problem dar. Jemand vom Personal des Geschäfts könnte sich daran erinnern, wer das Gift gekauft hat. Möglicherweise wirkte das Gift nicht wie erwünscht oder es legte eine Spur zu ihm. Man könnte vergiftete Futterreste finden.
Anselm hasste solcherart Variablen und Unwägbarkeiten. Er liebte Konstanten und Garantien.
Nachdem sich Miezi ein paar Tage auf seine Kosten vollgefressen hatte, wurde sie leichtsinnig und ließ es zu, dass er sie auf dem Sims vor dem Fenster kraulte. Sie deutete die Futtergabe und die Streicheleinheiten als Versöhnung. Ein tödlicher Fehler.
Er griff zu und trug Miezi an ihrem Nackenfell das Treppenhaus hinunter in den Innenhof. Gluck, gluck. Weg war sie.
Die leeren Aluminium Packungen und Futterreste konnte er später unauffällig in einem Müllcontainer seines Arbeitgebers entsorgen.

Zufrieden legte sich Anselm wieder zu Bett. Er hatte Spätdienst. Vor vierzehn Uhr musste er nicht aufstehen.
Nachdem er knapp eine dreiviertel Stunde geschlafen hatte, weckte ihn die Fricke ein letztes Mal. Sie stand am geöffneten Küchenfenster und rief in den Hof hinunter, wie sie es bisher jeden Morgen tat.
„Miezi, miezi, miezi. Ja wo bist du denn? Miezi, miezi, miezi. Kooom. Leckerchen. Kooom. Wasserchen.“
Den leblosen hellen Körper auf dem Grund der Regentonne bemerkte sie nicht.
Er drehte sich im Bett herum und kuschelte sich mit größter Wonne noch tiefer in seine Daunenbettdecke.
Durch das gekippte Fenster hinter ihm drangen Gertrud Frickes Rufe und ein Hauch kühler Morgenluft in das Schlafzimmer.
„Miezi, miezi, miezi. Ja wo bist du denn? Miezi, miezi, miezi. Kooom. Leckerchen. Kooom. Wasserchen.“

Nach einem Becher Kaffee und einer Scheibe Toast mit Erdbeerkonfitüre zum Frühstück verließ Anselm seine Wohnung und stieg mit angehaltenem Atem die Stufen im Treppenhaus hinab.
Den ganzen Vormittag hatte die Fricke geheult, gezetert und gejammert.
„Meine Miezi, meine Miezi. Oh Gott. Wie kann so etwas passieren?“
Offenbar hatte sie ihr Viech in der Regentonne entdeckt.
Anselm empfand für Frickes fassungslose Trauer um ihr Haustier nur Spott. Genervt verdrehte er seine Augen, als er ihre Stimme immer wieder im Treppenhaus hörte, während sie mit Nachbarn über ihre Tragödie sprach.
Seit einer halben Stunde war es still im Haus, und Anselm hatte die vordere Haustür zur Straße schon beinahe erreicht, als hinter ihm sein Name gekreischt wurde.
„Herr Jünger. Da sind Sie ja. Stellen Sie sich vor. Meine Miezi ist in der Regentonne ertrunken. Das arme Tier ist tot. Oh Gott. Ich kann es noch gar nicht glauben.“
Nun musste Anselm doch noch einatmen und sog die von Heizölgestank durchsetzte Luft in sich hinein. Als er sich umdrehte, schoss die alte Brotspinne Fricke überraschend beweglich auf ihn zu und war bereits näher bei ihm, als er erwartet hatte. Schnell suchte er nach einem unverdächtigen Gesichtsausdruck und entschied sich für Anteilnahme.
„Oh, Frau Fricke. Das tut mir aber leid. Wie konnte das nur passieren?“
‚Ist das verreckte Viech tatsächlich ein Grund mich nicht zu grüßen, du unhöfliche alte Schachtel‘, dachte er gleichzeitig.
Gertrud Fricke hatte bei geöffneter Hintertür im Innenhof entsetzt vor der Regentonne gestanden und auf den kleinen leblosen Körper auf dem Tonnenboden gestarrt. Sie nahm sich vor, später ihren Mann zu bitten, den Kadaver herauszuholen und zu begraben. Sie selbst brachte das nicht über ihr Herz.
Sie hatte darauf gewartet, dass ihr Nachbar zur gewohnten Zeit die Wohnung verlässt, und passte ihn ab, als sie seine Schritte im Treppenhaus hörte.
Anselm hatte die Fricke nicht bemerkt und fühlte sich von ihr überrumpelt. Dieses hinterlistige Luder.
„Ich habe dem Schmidthofer schon oft gesagt, er soll die Regentonne abdecken. Schon wegen der Mückenlarven im Wasser. Er züchtet die Blutsauger darin regelrecht.“
„Naja“, jammerte Gertrud Fricke mit dünner, halb erstickter Stimme. „Die Mücken wären mir ja egal. Aber meine Miezi, meine Miezi.“
Tränen kullerten ihr über das verheulte Gesicht. Ihre schulterlangen graublonden Haare wirkten ungekämmt.
‚Ist ja zum Kotzen‘, dachte Anselm bei ihrem Anblick angewidert. Dann trat er vor, nahm Gertrud Fricke in den Arm und tröstete sie.
„Wird schon werden Frau Fricke. Sie werden sehen. Irgendwann kommt man darüber hinweg. Miezi ist jetzt im Katzenhimmel.“
Dabei achtete er peinlich genau darauf, dass Tränenflüssigkeit der Alten oder womöglich Schnodder aus ihrer Nase keinesfalls seine Kleidung beschmutzten.

Gertrud Fricke angelte ein Taschentuch aus ihrer Kitteltasche, tupfte sich die Tränen von den Wangen und putzte sich die Nase.
Ungeduldig beobachtete Anselm sie dabei und wartete darauf, dass die Alte sich wieder beruhigte. Offenbar kam sie überhaupt nicht auf die Idee, dass ihre dämliche Miezi nicht ersoffen ist, sondern ersäuft wurde.
„Ich muss zur Arbeit, Frau Fricke. Grüßen Sie Ihren Mann von mir. Kopf hoch.“
Gertrud Fricke wandte sich ab und schlich zurück in den Innenhof. Anselm verließ bei bester Laune das Haus.
Durch seine Zahnlücke pfiff er die Titelmelodie zu Stan Laurels und Oliver Hardys Filmen von „Dick und Doof“. Er liebte diese Melodie, seit er als Kind die Slapstickkomödie das erste Mal im Fernsehen gesehen hatte. Später kaufte er sich die meisten Folgen der Serie auf DVD und konnte immer wieder darüber lachen.
Aufgekratzt setzte er sich in seinen Wagen und fuhr in Richtung Innenstadt.
Nicht weit von seinem Arbeitsplatz entfernt lenkte er den Opel-Corsa in eine Auto-Waschanlage, um Miezis Tatzen-Spuren von der Motorhaube abwaschen zu lassen.
Nachdem er die Anlage verlassen hatte, stieg er aus und begutachtete zufrieden den frisch gewaschenen Wagen. Künftig würde sein Lack von Miezis Katzendreck verschont bleiben.

Zehn Minuten vor der Zeit ist des Anselms Pünktlichkeit. Fünfzehn Uhr fünfzig überquerte er den nebem dem Hotel gelegenen Personalparkplatz. Durch einen Seiteneingang betrat er den Umkleideraum für das Personal. Männer rechts, Frauen links, dazwischen das Klo mit einem Waschbecken. Er schloss die Tür hinter sich und pinkelte im Stehen.
Anschließend tauschte er vor seinem Spind die braune Lederjacke gegen eine schwarze Weste. Schwarze Hosen und ein weißes Hemd trug er sowieso immer. So ersparte er sich mehrere Garnituren Kleidung. Anselm besaß nur schwarze Hosen, schwarze Schuhe und weiße Hemden. Die Weste war Dienstkleidung und wurde vom Hotel gestellt.
Er kämmte sich das Haar und band sich eine ebenfalls schwarze Fliege um. Obwohl im Umkleideraum grundsätzlich das Fenster gekippt offen stand, stank es nach Schweißfüßen, Schuhpflegemittel und billigem Deo.
Dann flog die Tür auf. Mustafa und Sedat stürmten herein. Sie waren wie immer spät dran, rissen ihre Spindtüren auf und begannen sich davor umzuziehen.
„Na, Alter. Alles klar?“, polterte Sedat.
„Ja. Alles klar.“
Anselm mochte die beiden Türken nicht besonders. Mustafa war der Oberkellner, Sedat war einfacher Stationskellner wie er selbst auch. Die Drei bedienten im Abendrestaurant des Hotels. Vierte im Bunde war Britta.
Sie war die Büffetdame und für die Ausgabe der Getränke zuständig. Britta war ok. Wenn auch nicht so nett wie Anna.
Im Gegensatz zu den beiden Türken half Anselm Britta gerne bei ihrer Arbeit, wenn es abends spät wurde und sie ihr Büffet noch nicht aufgeräumt und geputzt hatte. Anschließend machten sie gemeinsam Feierabend, verließen das Hotel und verabschiedeten sich erst auf dem Parkplatz voneinander. Er wartete immer so lange, bis Britta mit ihrem Wagen das Gelände verlassen hatte, bevor er sich selbst auf den Heimweg begab. Er wollte nicht, dass ihr etwas passiert. Es gab ja so viele Irre auf der Welt.

Britta steckte sich hinter der Theke soeben ihr langes blondes Haar hoch, als er das Restaurant betrat.
Mit einer Haarspange zwischen den Zähnen nuschelte sie: „Hallo Anselm. Schau mal bitte, da vorn liegen drei Zettel mit Tischreservierungen für heute Abend.“
Während Britta die Spange aus dem Mund nahm und an ihren Hinterkopf führte, deutete sie mit ihren großen blaugrünen Augen auf die Stelle, an der drei Papierfetzen auf der Theke lagen.
Mehr als Fetzen waren es nicht. Jemand hatte sie von einem Blatt Papier abgerissen und den Namen und die Personenzahl für die Tischreservierung darauf gekritzelt. Nachlässig, schluderig. Das war sicher eine von den Putzweibern aus dem Hauskeeping, die hier vormittags manchmal ans Telefon gingen, wenn vom Restaurantpersonal niemand da war.
Dieses Restaurant wurde nur am Abend oder zu besonderen Anlässen geöffnet. Für das Frühstück, das Mittagessen und das Kaffeegeschäft gab es neben der Rezeption ein Tagesrestaurant.
Er schaltete das Licht im Gastraum ein und reservierte die drei Tische. Mustafa und Sedat schlenderten herein.
„Hallo Zuckerschnecke.“
Anselm konnte es nicht leiden, wenn Mustafa Britta so nannte. Überhaupt war ihm Mustafas bisweilen respektloser Umgangston zuwider. Aber Er war sein Vorgesetzter.
Britta begrüßte die beiden Türken mit einem knappen „Hallo“ und nahm ihre Arbeit auf. Mise en place herrichten.
Ein neues Mitglied der Geschäftsleitung, gerade frisch von der Hotelfachschule gestolpert, hatte in den Restaurants Zettel aufhängen lassen.

„Liebe Mitarbeiter,
denken Sie bei Dienstbeginn bitte immer an die sorgfältige Vorbereitung Ihres Arbeitsplatzes, genannt Mise en place.
Diese Arbeiten sind eine wesentliche Voraussetzung für einen reibungslosen Arbeitsablauf und erhöhen somit Ihre Produktivität bei gleichzeitiger Reduzierung Ihrer Arbeitsbelastung, genannt Stress.
Außerdem vermeiden Sie unnötige Laufereien während des Hauptgeschäftes.
Zu den unverzichtbaren Vorbereitungen gehören:
-Getränkevorräte auffüllen
-Müll entsorgen
-Menagen mit Würzmitteln auffüllen
-Servietten falten
-Zucker, Milch und frische Zitronenspalten bereitstellen
-Gedecke für Bestellungen von Kaffee und Tee bereitstellen
-Besteck und Gläser polieren
Planen Sie bitte auch Zeit ein, um die Kühlschränke und Gefrierschränke zu reinigen und gegebenenfalls abzutauen.
Die Bierzapfanlage muss täglich gereinigt werden!
Ihre Geschäftsleitung.“

Der Wisch hatte Anselm und die meisten Mitarbeiter erheitert, um nicht zu sagen, sie lachten schallend darüber.
Mein Gott. Was glaubte dieses affektierte Weibsstück, wer wohl seit Jahren jeden Tag seinen Dienst in den Restaurants tat. Das waren doch keine Anfänger. Sie hingegen schon.

Anselm und Sedat begannen damit, die Tische in ihren Stationen für das Abendgeschäft einzudecken. In einem angrenzenden Tagungsraum musste benutztes Geschirr abgeräumt werden. Darum kümmerte sich Mustafa. Anschließend stellte er alle Tische dort zu einer großen Tafel für eine Veranstaltung zusammen und richtete die Stühle daran aus.
Um siebzehn Uhr dreißig verließen sie gemeinsam das Abendrestaurant und gingen in die Küche. Am Pass eins, der Essensausgabe für das Tagesrestaurant, stand das Abendessen für das Personal bereit. Jeder nahm sich einen Teller und verließ damit die Küche, um im Tagesrestaurant am ersten Tisch vor dem Durchgang zur Küche Platz zu nehmen.
Schweigend aßen Britta und Anselm ihr Hühnerfrikassee mit Reis und Erbsen. Mustafa und Sedat hingegen sprachen während des Essens ständig auf Türkisch miteinander.
Anselm mochte das Geplapper nicht. Er empfand es als unhöflich, dieses Geschwätz bei Tisch.
Leider hatte Britta auch eine sehr unhöfliche Angewohnheit. Sie steckte sich meist schon eine Zigarette an, bevor Anselm fertig war mit Essen. Britta schaffte die ihr aufgegebenen Portionen selten und schob ihren halb vollen Teller bereits beiseite, während er noch aß. Da aber nur dreißig Minuten Pause zur Verfügung standen, sah er Britta ihre Qualmerei bei Tisch nach.

Langsam füllte sich das Abendrestaurant und die Gäste nahmen an ihren Tischen Platz. Anselm bekam Station zwei zugeteilt. In dieser Station bediente er am liebsten, und Mustafa nahm darauf Rücksicht. Warum auch immer. Vielleicht mochten Mustafa und Sedat diese Station nicht.
In Station zwei standen die Tische mit der Nummer elf bis zwanzig. Aber nicht alle waren an diesem Abend besetzt.
Wenn es doch einmal so war, und ihm niemand aus einer anderen Station helfen konnte oder wollte, sprang Britta ein. Sobald Anselm es nicht schaffte, die bestellten Getränke an der Ausgabe gleich in Empfang zu nehmen, weil er mit anderen Arbeiten beschäftigt war, dann verlies sie ihr Büffet und servierte die Getränke selbst.
Wenn Britta ihm an solchen Tagen auch nicht helfen konnte, was selten der Fall war, dann musste Anselm sich sputen und kam dabei ordentlich ins Schwitzen.
An den zehn Tischen in seiner Station konnten bis zu fünfzig Gäste Platz nehmen. Jeder von denen bestellte sein eigenes Getränk und wählte sein bevorzugtes Essen aus der Speisenkarte aus. Im Abendrestaurant bestellten die Gäste ausschließlich a la carte. Meistens mehrere Gänge. Eine Suppe oder eine Vorspeise vor dem Hauptgang oder Käse zum Abschluss. Seltener Desserts. Dänen aßen gerne Kuchen als Nachtisch und tranken Kaffee. Viele Däninnen rauchten dazu Zigarren oder Zigarillos. Was Anselm unsagbar missfiel.
Wenn das Restaurant voll besetzt war, und an den Tischen auch noch der Weinservice hinzukam oder Speisen filetiert, tranchiert oder vorgelegt werden mussten, dann wurde schon mal die Zeit knapp, um alle Gäste gleichermaßen aufmerksam und freundlich zu bedienen. Aber solche Tage konnte man im Jahr an einer Hand abzählen. Anselm zeigte sich immer bemüht und zuvorkommend. Demzufolge klingelte es in seiner Kasse und er zählte nach Feierabend nicht selten fünfzig Euro oder sogar noch mehr Trinkgeld.

Gegen zwanzig Uhr war das Abendgeschäft in vollem Gange. Die Kellner arbeiteten in ihren Stationen, servierten Getränke, Suppen, Vorspeisen und Hauptgerichte.
Anselm verließ das Restaurant durch die beiden Schwingtüren mit großen Bullaugen darin in Richtung Küche. Auf dem Pass zwei, der Essensausgabe für das Abendrestaurant, standen Teller und Tassen mit warmen Speisen unter einer Wärmebrücke bereit. Etwas entfernt davon Schinkenfächer und allerlei Wurstsorten auf runden Holzbrettern. Daneben Glasteller mit einer Auswahl verschiedener Käsesorten. Außerdem kleine, geflochtene Körbchen mit frischem Brot und Brötchen.
Thorsten Schröder, der Küchenchef, stand am Pass und annoncierte soeben lautstark eine Bestellung von Anselm.
„Tisch vierzehn. Einmal Minestrone, zweimal Spargelcremesuppe als Erstes. Als Zweites dreimal Vorspeisenteller ‚Mediterran‘. Als Drittes dreimal Filet vom Rind in grünem Pfefferrahm.“
Während Anselm zwei Suppentassen für Tisch zwölf auf Unterteller setzte, drehte Schröder sich zu ihm herum und brüllte: „Filet durch, medium oder Englisch? Mann, wie oft muss ich das noch fragen? Draufschreiben! Oder könnt ihr nicht schreiben?“
Anselm zog mit der linken Hand eine der beiden Suppen vom Pass, stellte die zweite Tasse dahinter auf seinen Unterarm und antwortete ihm.
„Filet medium.“
Dann balancierte er die Suppentassen elegant in Richtung Restaurant.
„Na also. Geht doch. Filet Tisch vierzehn medium“, hörte er den Schröder hinter sich in seine Küche brüllen.
Kurz bevor er die Schwingtüren erreichte, wurde die linke Seite aufgestoßen und Sedat sprintete hindurch.
„Scheiße, ich habe vergessen, eine Vorspeise zu buchen.“
„Das kostet dich bei Schröder heute Abend ein Bier“, rief Anselm ihm nach.
Während Sedat unterwürfig mit dem Küchenchef am Pass verhandelte, wie man die vergessene Vorspeise am schnellsten bereitstellen könnte, servierte Anselm die beiden Suppen, wünschte einen guten Appetit, räumte ein leeres Bierglas am Nachbartisch ab und flitzte zurück in die Küche.
Schröder rief soeben die Speisen für Anselms Tisch achtzehn ab und brüllte so laut, dass es keiner vom Küchenpersonal überhören konnte.
„Aufpassen, He! Zuhören! Hier wird nicht gepennt!“, bellte er über den Herd hinweg in Richtung kalter Küche, weil ihm dort nicht gleich jeder seine volle Aufmerksamkeit widmete.
„Tisch achtzehn. Es geht mit. Zweimal Schinkenplatte mit Brotauswahl, einmal Seelachs, einmal Rumpsteak ‚Tex Mex‘ mit Kartoffelspalten statt Pommes. Los. Auf geht’s. Anrichten. Zack, zack.“
Danach klatschte Schröder in die Hände und trieb seine Mannschaft gehörig an. Der Laden brummte, wie er es oft nannte. „Nur so verdienen wir Geld.“
Für Menschen, denen die Gastronomie fremd war, wirkte das allabendliche Szenario hektisch und chaotisch. Aber das war keineswegs so. In der Hotelküche und im Restaurant hatte alles seine Ordnung, eine unsichtbare Struktur. Wohlüberlegt, tausendfach erprobt und ebenso oft bestätigt. Das liebte Anselm an diesem Beruf. Genau jenes Chaos beherrschen, bei dem andere den Überblick und die Nerven verlieren. Cool bleiben, freundlich sein, Trinkgeld herausarbeiten. Auch der raue Umgangston machte ihm nichts aus. All die kleinen Respektlosigkeiten und Unhöflichkeiten waren die Folge von der Anspannung, einen guten Job zu machen. Das waren keine Nachlässigkeiten aus Desinteresse oder weil jemand eine schlechte Erziehung genossen hatte. Hier ging es um die Sache. Jeden Abend. Alle miteinander. Und am Ende eines anstrengenden Tages saßen die Angestellten aus der Küche und dem Restaurant friedlich und erschöpft beieinander und tranken gemeinsam etwas, bevor jeder nach Hause fuhr und sich den Schweiß und die Küchendünste vom Körper duschte.

Ein arbeitsreicher Abend neigte sich dem Ende zu. Es war wieder spät geworden. Null Uhr durch.
Während Britta ihr Büffet abwischte, das Reinigungsprogramm der Kaffeemaschine startete und Gläser polierte, machte Anselm seinen Kassenabschluss und brachte die Tageseinnahmen an die Rezeption. Neununddreißig Euro Trinkgeld hatte er gezählt. Kein Top-Tag aber auch nicht schlecht. Durchschnitt.
Nachdem er dem Nachtportier die Tageseinnahmen und den Abrechnungszettel übergeben hatte, ging er zurück ins Restaurant und räumte die letzten Gläser von den Tischen ab.

Mustafa und Sedat hatten ihre Stationen inzwischen ebenfalls aufgeräumt, verabschiedeten sich und verschwanden in Richtung der Umkleideräume.
Anselm nahm die Fliege ab, steckte sie in seine Westentasche und öffnete den obersten Hemdknopf. Dann trat er hinter das Büffet. Dort nahm er sich ein Handtuch und half Britta beim Polieren der Gläser. Sie schraubte die Hähne von der Zapfanlage und ließ das Wasser aus der Spülmaschine ab. Feierabend.
Während sie ihre Schlüssel für das Kühlhaus und die Schränke vom Büffet an der Rezeption abgab, wechselte Anselm die Weste gegen seine Jacke und betrat das WC zwischen den Umkleideräumen. Er pinkelte im Stehen und ärgerte sich nach dem Händewaschen über den leeren Papierspender. Mit nassen Händen verließ er die Personalräume und wartete auf Britta.
Sie nutzte die Umkleideräume nicht. Sie zog sich zu Hause um und erschien immer in Dienstkleidung.
Gemeinsam verließen die beiden das Hotel durch den Hinterausgang und überquerten den Parkplatz.
Britta zündete sich eine Zigarette an, lief währenddessen weiter auf ihren Wagen zu und atmete den Rauch aus.
„Ciao, Anselm. Bis morgen.“
„Gute Nacht.“

Anselm stieg in seinen Wagen und wartete, bis der rote Fiesta von Britta das Gelände verlassen hatte. Dann startet er den Motor und rollte langsam über den Parkplatz. Er drehte gerne noch eine Runde durch die Stadt, bevor er nach Hause fuhr. Er genoss die leeren Straßen, die Lichter, die warme Luft der Heizung aus den Lüftungsdüsen. Es war seine Art der Entspannung nach einem anstrengenden Arbeitstag.
Als er an einer roten Ampel halten musste, zeigte die Digitaluhr im Wagen genau ein Uhr. Anselm schaltete das Radio ein und hörte sich die Nachrichten an, das Wetter, dann Nachtmusik.

Während er den Corsa vor dem Haus parkte, begann es zu regnen. Er stieg die Treppenstufen zu seiner Wohnung hinauf. Es roch nicht mehr so stark nach Heizöl. Offenbar hatte die Fricke auch den Rest des Tages in der offenen Tür zum Innenhof gestanden und fassungslos auf die Regentonne geglotzt. Naja, wenigstens wurde dabei das Treppenhaus mal ordentlich gelüftet.
Er dachte an die tote Katze und freute sich. Keine versiffte Fensterscheibe mehr, keinen Dreck und keine Kratzer auf dem Autolack, und er konnte endlich ungestört ausschlafen.
Einmal hatte ihm Frickes Mistviech sogar auf die Motorhaube gekotzt. Sie hatte wohl irgendetwas gefressen, was ihr nicht bekommen ist. Anselm erschauerte angeekelt, als er sich daran erinnerte, dass er eine halbe Rolle Küchenpapier benötigte, um die säuerlich stinkende braune Brühe garniert mit Fleischbrocken von der Haube zu wischen.
Er hasste Besitzer von Hunden und Katzen. In ihrer Rücksichtslosigkeit ließen sie ihre Viecher andere Leute belästigen, die Welt zuscheißen und zwangen ihn zum Hindernislauf an den Kackhaufen vorbei. Im Stadtpark konnte man kaum zehn Meter weit gehen, ohne dass einem der Geruch von Hundekot in die Nase stieg. Ekelhaft. Er erschauerte erneut und schaltete den Fernseher ein, um sich abzulenken. Doch er war müde. Nach ein paar Minuten schaltete er das Gerät wieder aus, entkleidete sich, ging unter die Dusche und legte sich anschließend schlafen. Die Ziffern auf seinem Radiowecker tauchten das Zimmer in ein fahles, blaues Licht. Zwei Uhr dreißig.

Gertrud Fricke war auf den Hund gekommen. Ein paar Tage nach dem Tod ihrer Katze hatte sie sich eine dieser Promenadenmischungen zugelegt und wackelte mit ihrem kleinen Kacker drei Mal am Tag zum Gassi gehen. Anselm hatte sie eines Abends nach Dienstschluss im Dunklen vor dem Haus stehen sehen, während er seinen Wagen parkte. Wenn der Köter ihm auch nur ein einziges Mal an den Reifen pinkelt, würde er ihn ebenso entsorgen, wie er Miezi entsorgt hatte.
Gertrud Fricke glaubte, einen Hund besser beaufsichtigen zu können als eine Katze. Das berichtete sie Anselm an jenem Abend stolz, während der kleine Scheißer sich fiepend an Anselms Hosenbein aufstellte und mit seinen dreckigen Pfoten den schwarzen Stoff versaute. Anselm hätte ihm am liebsten augenblicklich den dürren Hals umgedreht.

Seit Miezis tragischem Ableben waren Monate vergangen. Es war Winter. Anselm hatte sich nach der arbeitsreichen Zeit der Weihnachtsfeiertage und den Feierlichkeiten zum Jahreswechsel zwei Wochen Urlaub genommen. Er hatte so viele Überstunden, dass er dafür nur sechs Tage von seinem Jahresurlaub nehmen musste.
Während des Urlaubs und an den freien Tagen aß er abends nicht im Hotel, sondern versorgte sich selbst. Die benötigten Lebensmittel kaufte er in einem nahe gelegenen Supermarkt.

Taschenbuch (288 Seiten, ISBN: 978-3740744045)
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Das Taschenbuch wird auch im Regionalladen “Sinnessachen” in Thalfang, Hauptstraße 18 zum Kauf angeboten. In der Verbandsgemeindebücherei im „Haus der Begegnung” und in der Stadtbibliothek-Trier kann es ausgeliehen werden.

eBook (ISBN: 978-3740774462)
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Michael E. Vieten - MariechenSchuld und Sühne. Ein ewiges Thema der Menschheit. Darum geht es auch in der Erzählung „Mariechen“ aus meiner Mystery-Serie „Unheimlichen Begegnungen – Aus der Zwischenwelt“.

Curt Breuer verbringt mit seinem Mountainbike einen Kurzurlaub in der Eifel. Er mietet sich ein Zimmer in dem Gasthof unterhalb einer alten Burgruine. Auf dem noch erhaltenen Turm der Burgruine trifft er eines Nachts das junge Mädchen Maria. Die Wirtin des Gasthofs erzählt Curt, dass Maria Gronert 1945 vom Turm gesprungen ist, um sich das Leben zu nehmen. Die Wirtin beruhigt Curt und vermutet, dass sich jemand einen Spaß mit Touristen erlaubt hat. Doch Curt trifft Maria erneut auf dem Turm, und sie offenbart ihm ihr schreckliches Geheimnis.

Textprobe aus: Unheimliche Begegnungen – Mariechen

Trotz meines anstrengenden Tages wollte ich vor dem Zubettgehen noch einen Abendspaziergang machen. Ich hatte die Wahl zwischen einem Weg an der Landstraße entlang oder dem schon bekannten Waldweg zur Burg. An der Straße entlang zu laufen erschien mir wenig reizvoll. Also entschied ich mich wieder für den Weg zur Burg.
Diesmal benötigte ich ein paar Minuten weniger dort hinauf. Trotzdem dämmerte es bereits, als ich die schmale, steinerne Wendeltreppe im Turm emporstieg. Im dunklen Inneren des Turms bedauerte ich, keine Taschenlampe in mein Reisegepäck gepackt zu haben.
Oben angekommen vergewisserte ich mich zunächst, dass ich alleine war, und genoss bei klarem Himmel wieder die Fernsicht.
Die Außenbeleuchtung der Burgschenke hatte sich bereits eingeschaltet und tauchte die Gäste des Grillabends in den bunten Schein der Lichterketten. Der Musiker spielte einen Walzer, zwei Paare tanzten dazu. Während ich dem Treiben auf der Terrasse unten im Tal zuschaute und den entfernten Klängen lauschte, plante ich in Gedanken die nächste Radtour für morgen.
Das letzte Tageslicht schwand und, als hätte ich es erwartet, stand plötzlich wieder dieses Mädchen neben mir auf dem Turm. Wie war sie nur so leise an mich herangekommen, ohne dass ich sie bemerkt hatte? Wenigstens hatte sie mich diesmal nicht so furchtbar erschreckt wie am Tag zuvor. Offenbar war sie barfuß so leise die Treppe zum Turm herauf gestiegen, dass ich sie nicht gehört hatte.
„Guten Abend. Es wäre besser sie würden ein Glöckchen um den Hals tragen, so leise, wie sie sich heranschleichen.“
Mein Versuch ein freundliches Gespräch zu beginnen scheiterte. Wieder starrte mich das Mädchen nur stumm an.
An diesem Abend wollte ich die Situation nicht einfach so hinnehmen und sprach sie erneut an.
„Do you speak English? Parlez-vous Français?“
Zugeben, meine Sprachkünste waren beschränkt, aber ich hatte gehofft, dass sie ausreichen würden, um etwas mehr von dieser seltsamen Person zu erfahren. Meine Neugierde war geweckt. Was trieb sie nachts allein hierher?
Unvermittelt trat das Mädchen an die Brüstung und schaute durch die Zinnen hindurch in das Tal hinunter. Dabei stand sie nur wenige Zentimeter von mir entfernt. Trotzdem verspürte ich keine Körperwärme von ihr und nahm keinen Duft war. Da war gar nichts. Nur die kühle Nachtluft.
„Er hat uns gestoßen.“
Sie sprach ganz leise. Es war kaum zu hören.
„Entschuldigung, was haben sie gesagt?“
„Er hat uns gestoßen.“
„Ich verstehe nicht. Wer hat wen gestoßen?“
„Mein Liebster hat uns gestoßen, er hat uns beide hinab gestoßen.“
Dann drehte sie sich wieder zu mir und hielt ihre Hand schützend vor ihren Bauch.
Mir kam die Geschichte von Mariechen in den Sinn, die mir Karin Reinert heute Morgen erzählt hatte. Ohne meine Gedanken zu ordnen, platzte es aus mir heraus.
„Sind sie Mariechen?“
So ein Blödsinn, dachte ich sofort. Am liebsten hätte ich diese Frage sofort wieder zurückgeholt. Wie kann ich nur so einen Unsinn reden.
Doch zu meiner Überraschung nickte das Mädchen.
„Moment Mal, das kann nicht sein. Sie sind seit Jahrzehnten verstorben und man erzählt im Tal, dass sie sich selbst hinunter gestürzt haben.“
Das Mädchen schüttelte langsam seinen Kopf.
„Das ist nicht wahr. Karl hat uns gestoßen.“
Eine Gruppe Jugendlicher hatte offenbar beschlossen, der Burg in dieser Nacht einen Besuch abzustatten. Schnaufend und johlend polterten sie die Wendeltreppe herauf und erschienen nacheinander auf dem Turm.
„N‘ Abend“, grölten sie in die Stille hinein.
Lautes Gelächter schallte durch die Nacht. Mariechen oder wer auch immer gerade noch vor mir gestanden hatte, war verschwunden.
Enttäuscht, verwirrt und ein wenig ungehalten über die Störung verließ ich den Turm. Ohne den Gruß zu erwidern, stolperte ich die Wendeltreppe hinunter.
Als ich unten den Fuß des Turms erreicht hatte, bemerkte ich, dass ich nicht alleine auf der Treppe war.
Mariechen war wieder da, begleitete mich die steinernen Stufen hinab und blieb im Turm auf der letzten Stufe stehen.
„Er hat uns hinab gestoßen.“
Dann war sie wieder verschwunden. Zwei Nachzügler näherten sich aufgeheitert dem Turm und trampelten lautstark zu den anderen Jugendlichen empor die Wendeltreppe hinauf.
„So ein Mist, ausgerechnet jetzt“, fluchte ich leise.
Da die Jugendlichen mir nicht den Eindruck machten, als würden sie die Burg so bald wieder verlassen, trat ich den Rückweg hinunter ins Tal an.

“Mariechen” ist eine Erzählung aus der Serie ‘Unheimliche Begegnungen – Aus der Zwischenwelt’.

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