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Archive for the ‘Textproben’ Category

Textprobe aus: „Handbuch zur Rettung der Welt“

Mila
Die brachiale Wucht des Aufpralls hätte sie beinahe umgeworfen. Vor Schreck blieb sie wie erstarrt stehen. Kannibalen!, schoss ihr ein Verdacht durch den Kopf. Sie hatte schon davon gehört.
Vor wenigen Sekunden erst hatte sie das dicke Buch im Mauerschutt des zerstörten Gebäudes gefunden und fasziniert von Staub und Sand befreit. Gab es wirklich einmal Menschen, die so dicke Bücher schreiben konnten? Das musste sehr lange her sein.
Schon seit Monaten durchstöberte sie den Schutt zusammengefallener Häuser, sie brauchte dringend neue Kleidung. Also streunte sie vorsichtig durch die Trümmerlandschaft und suchte nach Schuhen, Hosen, Jacken und Pullovern. Immer voller Aufmerksamkeit für ihre gefährliche Umgebung.
Und nun hatte das silbern glänzende Geschoss den Buchdeckel durchschlagen und steckte Zentimeter tief im Papier. Als sie das Zischen des Bolzens hörte, war es schon zu spät.
Dieses Buch hatte ihr gerade das Leben gerettet. Wegen der paar Zentimeter Papier in ihrer Hand würde sie morgen tatsächlich sechszehn Jahre alt werden. Wenn sie bis dahin nicht noch einmal einen Fehler begehen würde. Ein fürstliches Alter in diesen Zeiten.
Immer noch hielt sie das schwere Buch in Brusthöhe vor sich und war nicht imstande, sich zu bewegen. Zu schrecklich war die Erkenntnis, dass sie so unvorsichtig war und dem Schützen die Gelegenheit geboten hatte, aus seiner Deckung heraus auf sie zu schießen. Zu sehr war sie mit diesem Buch beschäftigt gewesen, hatte alle Aufmerksamkeit darauf gelenkt und ihre Umgebung vernachlässigt. Deswegen hatte sie den hinterhältigen Angreifer nicht bemerkt. Ihre Unaufmerksamkeit hätte ihr junges Leben hier und jetzt beenden können. Diese Erkenntnis sickerte endlich in ihr Bewusstsein. Sicher spannte der Schütze seine Armbrust in diesem Moment erneut, legte einen Pfeil auf und zielte auf sie. (mehr …)

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Textprobe aus: „Der Duft des Regens, wenn er auf Staub fällt“

Es ist Sommer. Denken Sie an einen heißen Tag. Haben Sie ihn?
Nein, nicht den Durchschnittssommertag, sondern so einen richtig glühenden Tag, nachmittags, Ende August. Hochsommer. Mitten in den Hundstagen. Seit Wochen fiel kein Wasser vom Himmel. Die Erde ist rissig, der Horizont flimmert, Ihr Mund ist trocken. Sie haben Durst. Spüren Sie ihn, diesen unerträglichen Durst?
Hören Sie die Grillen im hohen weißgelben Gras zirpen? Die Luft steht. Kein einziger Halm bewegt sich.
Dem Wald droht Brand. Er riecht nach Harz, welkem Laub und dürrem Holz. Äste knarzen, Zapfen und Rinde knistern.
Sie schwitzen in den Stoff Ihrer Kleidung hinein. Die Sonne brennt auf Ihrer klebrigen Haut und das Salz Ihres Schweißes erzeugt einen Juckreiz. Wer kann, hat sich in den Schatten verkrochen und vermeidet jede Bewegung.
Endlich ziehen mächtige Wolkenberge heran. Schwarzblau verdunkeln sie die Sonne. Es blitzt und donnert. Ein letzter heißer Wind weht den feinsten Sand davon. Feuchte, kühle Luft fällt herab.
Verdorrte Blätter wirbeln raschelnd umher. Und dann fallen die ersten lauwarmen Tropfen, schwer wie Blei. Sie schlagen auf dem Boden auf und werfen kleine Fontänen aus Staub in die Höhe.
Jetzt regnet es stärker. Das Laub aller Pflanzen zittert im Geprassel. Es scheint, als würden sie jubeln. Das Gras und das letzte Getreide auf den Feldern werden niedergedrückt. Wasser verdunstet auf dem heißen Boden. Dampf steigt auf. Und dann kommt der Moment, den ich niemals vergessen werde. Atmen Sie tief ein. Was riechen Sie? Genau! Den Duft des Regens, wenn er auf Staub fällt. Unverwechselbar. Einzigartig. Nichts ist vergleichbar. Dieser Duft ist das Wohltuendste, was mir je widerfahren ist. Er kann meine Wunden heilen. Wunden der Seele. Er rührt mich zu Tränen der Sehnsucht. Und ich erinnere mich wieder an sie und an unsere wenigen gemeinsamen Tage in einem fernen Sommer.

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cover-feind-120Christine Bernard – Der unsichtbare Feind“ ist der dritte Roman meiner Krimiserie um die sympathische junge Kommissarin und das Ermittlerteam des K1 der Kriminalpolizei aus Trier. Alle Bände der Serie sind in sich abgeschlossen und können ohne Kenntnis der anderen Ausgaben gelesen werden. Gleichzeitig wird die Geschichte und die Entwicklung aller Figuren weitererzählt.

Textprobe aus: „Christine Bernard – Der unsichtbare Feind“
Schwer drückten die tief hängenden dunkelgrauen Wolken auf die Stadt. Dicke, nasse Schneeflocken stürzten sich auf die Windschutzscheibe. Beide Wischblätter waren vereist und zogen breite Grieselstreifen über das Glas.
Christine Bernard stellte das Radio lauter und hielt ihre klammen Finger in den warmen Luftstrom der Heizung.
Der Wetterdienst meldete seit Tagen ergiebige Niederschläge. Trier schien im Schnee zu versinken. Ein freundliches Hochdruckgebiet war vorerst nicht in Sicht.

Mit einem Seitenblick musterte sie das Profil ihrer Kollegin. Tanja Rieger steuerte den Dienstwagen gelassen durch das Wetterchaos.
Sie liefen auf ein Räumfahrzeug auf. Grell zuckte das orangene Licht der rotierenden Rundumleuchte am Heck des Fahrzeugs über ihre Gesichter. Streusalz rieselte gegen die Karosserie. Tanja vergrößerte den Abstand.
Ein Stadtbus drängelte sich in die Lücke. Sie bremste hart, das Antiblockiersystem des BMWs sprach knirschend an, aber sie ließ sich ihre Verärgerung nicht anmerken.
Kommissarin Bernard hätte gehupt und geflucht. Bestimmt. An diesem Morgen auf jeden Fall. Es war nasskalt und windig und ihnen stand ein unangenehmer Einsatz bevor. Die Kollegen aus dem Kommissariat 3, Rauschgiftdelikte, hatten Verstärkung für eine Festnahme angefordert.
Christine Bernard hasste Festnahmen in der Drogenszene. Diebe, Räuber und Mörder waren bereits schwer einzuschätzen. Aber diese durchgeknallten Drogentypen waren unberechenbar und bildeten für sie den Bodensatz der Gesellschaft.
Die hatten nichts zu verlieren. Nicht selten eskalierten Festnahmen in diesem Milieu, und es bestand die Gefahr, dass man die Kontrolle über einen Einsatz verlor.
Während eines solchen Einsatzes in ihrer alten Dienststelle in Wittlich hätte ihr ein Junkie einmal beinahe seine blutverschmierte Spritze in den Bauch gerammt.

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Cover-Eisrosenkind„Christine Bernard – Das Eisrosenkind“ ist der zweite Roman meiner Krimiserie um die sympathische junge Kommissarin und das Ermittlerteam des K1 der Kriminalpolizei aus Trier. Alle Bände der Serie sind in sich abgeschlossen und können ohne Kenntnis der anderen Ausgaben gelesen werden. Gleichzeitig wird die Geschichte und die Entwicklung aller Figuren weitererzählt.

Textprobe aus: „Christine Bernard – Das Eisrosenkind“
An den Anblick von Streifenwagen vor dem Haus waren die Bewohner der heruntergekommenen Siedlung gewöhnt.
Keiner der Mieter in den langen Wohnblöcken mit dem vergilbten, rissigen Putz und den vielen nachlässig montierten Satellitenschüsseln an der Fassade machte sich die Mühe, einen längeren Blick aus dem Fenster zu werfen. Für das Geschehen vor dem Gebäude gegenüber interessierte sich niemand.
Was sollte auch schon passiert sein? Sicher hatte irgendein missratener Sprössling aus der Nachbarschaft in einem Supermarkt wieder einmal zugegriffen. Jetzt wurde er wahrscheinlich abgeholt, vernommen und wieder heimgeschickt. In ein paar Wochen brummte man ihm ein paar Sozialstunden auf. Das war’s. Ein kurzer Blick aus dem Fenster, auf dem Weg vom Fernsehsessel zum Kühlschrank, musste an Aufmerksamkeit für die Nachbarn genügen. Den weißen Renault, der sich eine halbe Stunde später hinter den Streifenwagen schob, bemerkte niemand mehr.

Kommissarin Bernard klingelte bei „Lemke“ und drückte nach einem leisen Summen die Tür auf. Im Treppenhaus roch es nach feuchtem Keller und Küchendünsten.
Margit Lemke bewohnte mit ihrer Tochter das Hochparterre auf der rechten Seite. Eine junge Polizeimeisterin stand in der Tür, erwiderte Christine Bernards Gruß, nickte den ihr entgegen gehaltenen Dienstausweis ab und stellte sich leise vor.
„Polizeimeisterin Röhm.“
Christine Bernard trat in den Flur der Wohnung und drückte die Wohnungstür hinter sich zu.
Zigarettenrauch stand in der Luft. Aus einem Raum am Ende des Flurs hörte sie ein Wimmern und die beruhigende Stimme eines Mannes.
„Mein Kollege“, erklärte Polizeimeisterin Röhm.
Kommissarin Bernard nickte stumm.
„Was ist passiert?“
„Margit Lemke vermisst ihre achtjährige Tochter Rosalia seit etwa 18.00 Uhr. Das Kind sollte von der Nachbarin aus dem Kinderhort abgeholt werden und dann den Abend bei der alten Dame verbringen, bis Margit Lemke von der Arbeit zurück ist. Frau Rosin ist im Ruhestand. Sie war Lehrerin an einer Grundschule. Sie wohnt in diesem Haus auf der gleichen Etage.
Der Hort liegt keine hundert Meter von hier entfernt. Rosalia war nicht dort. Frau Rosin hat Frau Lemke verständigt, die konnte aber ihren Arbeitsplatz nicht verlassen. Sie hat sich vergeblich um eine Vertretung bemüht.
Die Vermisstenmeldung ging um 20:45 Uhr bei uns ein. Wir haben Frau Lemke um 22:00 Uhr von ihrer Arbeitsstelle abgeholt und nach Hause gefahren. Frau Lemke hat ein paar Mal mit Nachbarn und Eltern anderer Kinder telefoniert, aber niemand hat Rosalia gesehen.“
„Der Vater?“
„Arbeitet hier in Trier in einer Zigarettenfabrik. Seine Spätschicht war um 22:00 Uhr beendet. Er geht aber nicht an sein Telefon.“
„Oma und Opa?“
„Wohnen in Rostock. Zu weit weg.“
„Onkel? Tanten?“
„Kein Kontakt.“
„Wurde die nähere Umgebung abgesucht? Keller? Dachboden? Spielplätze? Das Schulgelände? Versteckmöglichkeiten? Wurden Nachbarskinder schon befragt? Ist heute Abend ein Notruf eingegangen, der dem vermissten Kind zugeordnet werden könnte?“
„Polizeimeisterin Röhm nickte mehrmals und schüttelte zum Schluss ihren Kopf.“
„Fahndung eingeleitet?“
„Ja. Hat der KDD bereits gemacht. Personenfahndung, Öffentlichkeitsfahndung und zwei Personenspürhunde. Ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera ist unterwegs.“
„Mitfahndungsersuchen an das Technische Hilfswerk und die Feuerwehr für Beleuchtung in Parkanlagen und am Moselufer ist raus? Das Rote Kreuz für die Abfrage der Ärzte-Notdienste und der Krankenhäuser ist eingebunden?“
Polizeimeisterin Röhm nickte bestätigend.
Kommissarin Bernard atmete durch und betrat das Wohnzimmer.

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cover-atemlos2Die Geschichte von Anna Nowak und Anselm Jünger geht weiter. Kleiner Tipp für alle Fans von Christine Bernard: In „Atemlos – Von des Todes zarter Hand“ hat sie ihren ersten Auftritt in der Kriminaldirektion Trier.

Textprobe aus: Atemlos – Von des Todes zarter Hand

Rottmann ermittelt

„Verletzte Person. Nicht ansprechbar. Hoher Blutverlust. Fremdeinwirkung nicht auszuschließen. Arzt und Rettungsdienst bereits vor Ort.“
Solche Meldungen waren es nicht, die Jörg Rottmann die Sorgenfalten auf die Stirn trieben. An schlechte Nachrichten war er als Hauptkommissar der Trierer Kriminalpolizei gewöhnt. Es war die übermittelte Adresse, die ein unbestimmtes Gefühl bei ihm hinterließ. Denn genau dort stand das Haus, in dem auch der schwergewichtige Kollege Hauptkommissar Horst Krieger seine Wohnung hatte.
Ohne Eile legte Jörg Rottmann den Hörer zurück auf das Telefon. Dieser „Kunde“ lief nicht mehr weg. Dienstschluss. Die Kollegen vom Kriminaldauerdienst würden sich um den Fall kümmern.
Die Neugier trieb ihn dann doch die Treppe hinunter, anstatt geduldig auf den Aufzug zu warten und gelassen nach Hause zu fahren.
Nach einem kräftigen Tritt auf das Gaspedal des schwarzen Dienst-BMW schoss der schwere Wagen vom Gelände der Kriminaldirektion Trier. Feierabendverkehr.
Berufspendler und alle die, die zu dieser Zeit besser zu Hause geblieben wären, verstopften die Straßen der Innenstadt. Hauptkommissar Rottmann verspürte eine beinahe unbändige Lust, das Blaulicht auf das Dach zu packen und sich mit eingeschaltetem Sondersignal seinen Weg zu bahnen. Aber das gäbe nur wieder Ärger mit dem Alten.
Bei seinem Vorgesetzten, Kriminaldirektor Josef Weinig, hatte er nicht mehr viele Steine im Brett und bei Staatsanwalt Walter Lorscheider schon gar nicht. Den beiden war der oftmals ruppige Hauptkommissar nicht selten zu forsch. Der wiederum verstand die ganze Aufregung um seine Person nicht. Er fand sich ganz okay.
Ganz okay fanden seine Vorgesetzten lediglich seine außerordentlich gute Ermittlungsarbeit. Aufgrund derer sie ihn bis auf Weiteres Dienstwagen und Waffe führen ließen, nicht ohne sich seine Eignung dazu von Polizeipsychologin Karin Vollmer bestätigen zu lassen. Was die, wenn auch schweren Herzens, immer wieder tat. Der Herr Hauptkommissar glaubte deshalb, einen guten Draht zu der schlanken spröden Rothaarigen zu haben. Frau Polizeipsychologin jedoch sprach ihm gegenüber immer wieder nur von einem dünnen Faden.

Jörg Rottmann geduldete sich also, schaute gelangweilt aus dem Seitenfenster seines Wagens und erinnerte sich an seinen vor Anstrengung schnaufenden Kollegen, wenn der die Treppe in den ersten Stock hinauf in seine Wohnung erklomm. Weshalb der Dicke sich nicht eine Wohnung im Parterre gesucht hatte oder wenigstens in ein Haus mit einem Aufzug gezogen war, verstand er nicht. Vielleicht ein Rest Sportsgeist, der jeden Tag an den hundertsechzig Kilo Körpergewicht scheitern musste.
Plötzlich tat ihm sein Kollege leid. Keine Frau, keine Kinder. Krieger lebte allein und war sich angeblich selbst genug. Privaten Kontakt zu Kollegen hatte er kaum. Sicher fühlte er sich einsam.
Bevor Hauptkommissar Rottmann seinen sentimentalen Gedanken gänzlich erliegen konnte und womöglich noch ein schlechtes Gewissen bekam, weil er seinen Kollegen nicht ein einziges Mal nach Feierabend auf ein Bier eingeladen hatte, rollte er hinter einem Kleintransporter bei Gelblicht an der Verkehrsampel vorbei und bog in die Straße mit der gemeldeten Adresse ein.
Ein Krankenwagen, ein Notarztwagen und der schwarze Kleinbus eines Bestattungsunternehmens standen vor dem Haus. Die Spurensicherung war auch schon da. Das volle Programm. Also hatte der Notarzt bereits den Tod der aufgefundenen Person festgestellt und die Kollegen vom Kriminaldauerdienst hatten alle zuständigen Dienststellen informiert.
Jörg Rottmann fuhr in die Einfahrt zum Hinterhof hinein und ließ seinen Wagen auf die Garage von Hauptkommissar Krieger zurollen. Das Garagentor stand offen, ein blauer Ford Mondeo stand darin. Hinter dem Dienstwagen seines Kollegen stellte er seinen BMW ab.

Mit der Gewissheit ist das so eine Sache. Manchmal steigt man mit ihr in ungeahnte Höhen auf, so wie dann, wenn man endlich weiß, dass die Angebetete sich auch für einen interessiert. Aber Gewissheit reißt einen auch mit sich, tief hinunter in ein dunkles Loch. Es dauert seine Zeit, bis man sich daraus wieder befreit hat.
Gewissheit brachte Jörg Rottmann ein flüchtiger Blick. Der Fleischberg in der großen Blutlache dort auf den Fliesen in der Eingangshalle war sein Kollege Hauptkommissar Horst Krieger. Vor dem Absturz in das dunkle Loch befreite Jörg Rottmann nur die sofortige Aufnahme der Ermittlungsarbeit. Konzentriert und professionell.
Mit einem stummen Nicken begrüßte er Polizeihauptmeister Günther Hagemann von der Spurensicherung und stieg mit ausladenden Schritten über hölzerne Reste des Treppengeländers hinweg, die in der Eingangshalle des ehrwürdigen Bürgerhauses überall herumlagen.
Trotz seines Alters zeugte dieses Gebäude noch immer von dem gediegenen Wohlstand seines Erbauers aus einem längst vergangenen Jahrhundert. Aufwendig saniert und liebevoll gepflegt. Horst Kriegers Leiche konnte diesem Eindruck nichts anhaben. Dieses Haus hatte zwei Weltkriege überstanden. Es war, als forderte es alle Anwesenden geradezu dazu auf, ihre Haltung nicht zu verlieren.
Vielleicht war es aber auch die Anwesenheit von Ruth Mayr. Die alte Dame bewohnte die Wohnung über Hauptkommissar Krieger und stand kerzengerade mit verschränkten Armen in ihrem grünen Kleid auf dem ersten Treppenabsatz und beobachtete mit versteinerter Miene das Geschehen. Auch sie hatte bereits zwei Weltkriege überlebt und ertrug Schicksalsschläge seither mit Fassung. Geübt, als hätte sie es schon Hunderte Male ertragen müssen.

Hauptkommissar Rottmann riss sich von diesem Anblick los und gab Günther Hagemann mit einem Kopfnicken zu verstehen, von ihm unterrichtet werden zu wollen. Günther Hagemann ließ den Kopf von Horst Krieger sanft wieder zurück auf die Fliesen gleiten, zog seine blutverschmierten Einweg-Handschuhe aus und stand auf. Mit langen Schritten setzte er sich über die Reste des Treppengeländers hinweg in Richtung seines Kollegen in Bewegung.
„Hallo Günther, was haben wir?“
Polizeihauptmeister Hagemann zog sich den Mundschutz herunter.
„Was ich bisher sagen kann, ist, dass Horst offenbar das Geländer durchbrach und in die Eingangshalle herunter gestürzt ist. Bei seinem Gewicht, gepaart mit seiner Unsportlichkeit, hatte er keine Chance. Wenn er etwas trainierter gewesen wäre, hätte er sich wahrscheinlich auch sämtliche Knochen gebrochen, wäre aber vielleicht nicht daran gestorben.“
„Fremdeinwirkung?“
„Nicht auszuschließen.“
Günther Hagemann deutete mit einem kurzen Blick auf den Treppenabsatz und sprach weiter.
„Frau Mayr dort glaubt jedenfalls, zur Tatzeit eine fremde Person aus dem Haus laufen gesehen zu haben.“
„Scheiße.“
„So ist es.“
Jörg Rottmann klopfte Günther Hagemann freundschaftlich auf die Schulter und wendete sich ab. Der Polizeihauptmeister ging wieder an seine Arbeit.
Mit drei schnellen Schritten eilte Jörg Rottmann die Treppenstufen hinauf auf den Treppenabsatz und stand plötzlich vor Ruth Mayr. Die unterdrückte ihr Missfallen über diese ihrer Meinung nach der Situation völlig unangemessene Hast und reichte Hauptkommissar Rottmann ihre von Gicht und Altersflecken gezeichnete Hand zur Begrüßung.
„Rottmann, Hauptkommissar“, stellte er sich vor. „Ich untersuche den Tod meines Kollegen Hauptkommissar Krieger.“
„Angenehm. Ruth Mayr. Ich wohne im zweiten Stock.“
Blitzlichter von Günther Hagemanns Fotoapparat erhellten ihr Gesicht. Ruhig schaute sie ihrem Gegenüber in die Augen. Dabei blinzelte sie nicht ein einziges Mal. Ruth Mayr stand nur dort und wartete geduldig, während dieser ungestüme Kommissar vor ihr nach seiner ersten Frage suchte. Sie wusste noch, was sich gehört.
„Ja, äh, Sie haben jemanden aus dem Haus laufen sehen?“
„Einen jungen Mann. Ich würde ihn nicht wiedererkennen, dafür sind meine Augen zu schlecht, aber seinen Bewegungen nach zu urteilen, war er jung. Ich denke, schlank. Nicht sehr groß. Dunkle Hose, helle Jacke. Das war kurz nach dem entsetzlichen Lärm im Treppenhaus. Ich blieb in meiner Wohnung und lauschte an der Tür. Dann ging ich zum Fenster und schaute auf die Straße hinunter. In meinem Alter handelt man besser besonnen. Ich laufe nicht mehr irgendwelchem Gesindel nach.“
„Das war sehr klug von Ihnen. Womöglich hätte dieser Mann Ihnen etwas angetan, und wir hätten jetzt weder einen Hinweis noch eine Beschreibung.“
Jetzt wurde ihr dieser Kommissar etwas sympathischer. Erstaunt stellte Ruth Mayr fest, dass sie trotz ihres hohen Alters für Schmeicheleien immer noch empfänglich war.
„Wann genau haben Sie den Mann gesehen?“
„Vor etwas mehr als einer Stunde. Ich bin dann gleich hinuntergegangen und wollte schauen, ob Herr Krieger zu Hause ist. Nachdem ich ihn gefunden hatte, habe ich sofort die Polizei angerufen.“
“Wohnen noch weitere Personen in diesem Haus?“
„Ja, der Herr Forster im Erdgeschoss. Aber der arbeitet im Außendienst und ist selten zu Hause. Er scheint auch jetzt nicht da zu sein. Ich habe vorhin bei ihm geklingelt, aber es hat niemand geöffnet. Ist es nicht seltsam? In diesem Haus leben wir alle alleinstehend.“
„Lebten“, verbesserte Ruth Mayr sich mit einem Seitenblick auf die Leiche von Horst Krieger.
Jörg Rottmann beschloss, sich um diesen Forster später zu kümmern. Jetzt wollte er die Wohnung von Horst Krieger sehen.
Nachdem er in seiner Jackentasche eine Visitenkarte gefunden hatte, verabschiedete er sich von der alten Dame.
„Gut, Frau Mayr. Sie haben mir sehr geholfen. Hier ist meine Karte. Wenn Ihnen noch etwas einfällt, können Sie mich ja anrufen.“
In Hauptkommissar Rottmanns Kopf arbeitete es bereits.
Wer könnte diese unbekannte Person gewesen sein? Hatte sie etwas mit Horst Kriegers Tod zu tun? Konnte sie vielleicht Informationen liefern, die zur Aufklärung des Falles beitrugen? Vielleicht fand er einen Hinweis in Kriegers Wohnung. (mehr …)

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Cover-Siebenschön-ACABUS„Christine Bernard – Der Fall Siebenschön“ ist mein erster Psychokrimi und Auftakt zu einer Serie.
Ich habe mich in das Team des K1 der Trierer Polizei so sehr hineingeschrieben, dass ich diese „neuen Freunde“ nicht mehr missen möchte.
Christine Bernard und ihre Kollegen werden also künftig öfter ermitteln müssen.

Textprobe aus: Christine Bernard – Der Fall Siebenschön
Regennächte. Eine Katzenwäsche für eine schmutzige Welt. Eine Welt, die nicht mehr zu retten ist. Da war sie sich sicher. Doch sie stand wenigstens auf der richtigen Seite. Von dort konnte sie sich all den Schmutz dieser Welt genau ansehen.
Leben heißt leiden, hatte sie in einer ihrer vielen schlaflosen Nächte in einem Roman gelesen. Ob der gut versorgte Bestseller-Autor überhaupt wusste, was das war? Leiden?
In der vergangenen Nacht hatte Christine Bernard endlich wieder einmal gut geschlafen. Am Abend trommelte sie ein lang anhaltender kräftiger Regen in den Schlaf. Die frühen Vögel am Morgen hatten sie in den Tag gesungen.
So erholt, wie schon seit langer Zeit nicht mehr, schummelte die junge Kriminalkommissarin ihren weißen Renault Mégane an diesem sonnigen Morgen durch den Berufsverkehr.
Losfahren, Vorfahrt nehmen und gleichzeitig halb dankend, halb entschuldigend die Hand heben und darauf achten, dem Überlisteten ein Lächeln aus ihrem hübschen von langen dunklen Haaren umgebenen Gesicht zu schenken.
Das klappte nicht immer. Manche Autofahrer hupten, fluchten oder beschwerten sich auf andere Weise über diese kleine charmante Unverschämtheit. Junge Frauen fast immer, junge Männer vereinzelt. Alle anderen ergaben sich meist der forschen Fahrweise dieser unbekannten Schönen. Fahrertraining. Polizeischule. Trotzdem hätte sie sich an so manchem Morgen ihren Weg durch den Berufsverkehr liebend gerne mit aufgesetztem Blaulicht gebahnt. Aber zu privaten Zwecken war das streng verboten. Auch wenn es kein Geheimnis war, dass die Kollegen Kluge und Rottmann in dringenden Fällen schon mal mit Sondersignal und Blaulicht Bier holen fahren.
Der baldige Beginn einer Fernsehübertragung eines Fußball-Länderspiels war für die beiden so ein dringender Fall. Schon zwei Mal mussten sie deswegen in Josef Weinigs Büro antreten und sich ihre Abmahnungen abholen. Kopie in die Personalakte. Da versteht der Herr Kriminaldirektor keinen Spaß. Der interessiert sich nicht für Fußball. Der geht lieber Kegeln.
Seine undisziplinierten Kriminalhauptkommissare verpflichtete er beide Male auch gleich zu einer der wenig beliebten Sitzungen bei Polizeipsychologin Karin Vollmer. Die Vollmer und der Rottmann konnten sich nicht ausstehen. Nach Karin Vollmers persönlicher Meinung war KHK Jörg Rottmann weder zum Tragen einer Waffe noch zum Steuern eines üppig motorisierten Dienstwagens geeignet. Aber mit diesem vernichtenden Urteil seine Karriere beenden? Nein, das wollte sie auch nicht. Also schrammte Rüpel Rottmann immer gerade so an einer Suspendierung vorbei.
Und Kluge?
Kommissarin Bernards Partner Kriminalhauptkommissar Torsten Kluge war ein Durchschummler. So ein weicher Typ, der sich an jedem Hindernis vorbeimogeln konnte. So hatte er es bis zum Hauptkommissar geschafft.
Christine Bernard unterbrach die geistige Betrachtung ihrer beiden so unterschiedlichen Kollegen und blickte amüsiert auf ihre neue Armbanduhr. Sie liebte diese großen weißen Plastikuhren, wie sie jetzt modern waren. Auf ihrer dunklen Haut wirkte die helle Uhr besonders auffallend.
Den braunen Teint hatte sie von ihrer Mutter, einer stolzen Portugiesin.
Die Erinnerung an ihre schöne Mutter trübten für einen Moment Christine Bernards Gesichtszüge ein. Der lange, schwere Kampf gegen den Krebs hatte von der attraktiven Frau wenig übrig gelassen. Als sie starb, war es für alle Betroffenen eine Erlösung. Außer für Vater. Er folgte ihr wenige Wochen später. Aus Gram. Davon war Christine Bernard fest überzeugt.
Papa war Luxemburger und nahe der französischen Grenze aufgewachsen. Groß, schlank. In jungen Jahren dunkelhaarig, später grau. Immer charmant und elegant und das Leben liebend.
Nach Christines Geburt zog er mit seiner jungen Familie nach Deutschland. Ihm zu Ehren verwies Christine Bernard immer gerne auf ihre frankophilen Wurzeln und wurde nicht müde, darauf hinzuweisen, dass ihr Vorname und ihr Nachname bitte wie im Französischen üblich ohne die abschließenden Buchstaben ausgesprochen werden.
Christin‘ Bernar‘ klang viel weicher, und sie hörte es lieber, als ihren deutschen Namen. Bescherte es ihr doch immer ein kurzes Andenken an ihren liebevollen Vater.
Und als ob es nicht schon genug des Leidens gewesen wäre, seine Eltern in so kurzer Zeit hintereinander zu verlieren, verließ Frank sie. Einfach Schluss gemacht, per SMS.
Sie hatte ihn zwar noch zu einem letzten Gespräch in ihrer Wohnung bewegen können, aber sein Entschluss stand fest. Seit Wochen. Daran bestand für sie kein Zweifel. All diese vielen Vorwürfe, chronologisch sortiert und zurechtgelegt. Was sie wann und wo falsch gemacht hatte und wie sehr es ihn störte.
Frank wusste, dass sie ihn nicht so einfach gehen lassen würde und hatte sich gut vorbereitet. Sie klangen wie ein Vortrag, seine Antworten, auf ihre Fragen nach dem Warum.
Die Suche nach einem freien Parkplatz vor der Kriminaldirektion verscheuchte Christine Bernards böse Erinnerungen. Jetzt hatte sie eine neue Wohnung und einen neuen Job in Trier. Alles auf Anfang. Zurück auf Los.
Auf ihrem Weg über den Parkplatz, hinein in das große rote Backsteingebäude, spürte sie den leichten kühlen Wind und die wärmenden Sonnenstrahlen des Septembermorgens auf ihrer Haut. Sie wich den letzten Pfützen aus, die der Nachtregen hinterlassen hatte. Es roch nach feuchtem Asphalt.
Christine Bernards attraktives Äußeres brachte ihr zwar gewisse Sympathien bei den Kollegen ein, aber die Kehrseite war ein unangenehmes, sie immer wieder beschleichendes Gefühl, im Kommissariat 1 der Trierer Kriminalpolizei nicht ganz ernst genommen zu werden.
Besonders in den ersten Wochen nach ihrem Dienstantritt spürte sie die Distanz zu den neuen Kollegen sehr deutlich.
Natürlich war sie noch nicht so erfahren, wie die altehrwürdigen Hauptkommissare des K1. Allen voran Jörg Rottmann, der sie mehr als Kaffeehäschen sah, anstatt als Kollegin auf Augenhöhe.
Doch dann hatte Staatsanwalt Walter Lorscheider plötzlich einen Narren an der jungen Kommissarin gefressen. Warum auch immer. Den Grund kannte Christine Bernard nicht.
Vielleicht hatte ihr Ex-Chef aus der Kriminalinspektion Wittlich ein gutes Wort für sie eingelegt oder sie hatte Vatergefühle bei Lorscheider ausgelöst. Das arme Mädchen ohne Eltern und ohne Mann im Haus.
Durch die schützende Hand von Walter Lorscheider war sie im K1 die Kollegin Kommissarin, auch wenn sich der Chauvinist Rottmann immer noch einredete, dass sie für den Kaffee zuständig sei.
Lorscheiders junge Lieblings-Kommissarin verzichtete auf die Nutzung des Aufzugs und nahm die Treppe. Zwei Stufen gleichzeitig. Im vierten Stock war sie doch ein wenig außer Atem und lief Staatsanwalt Lorscheider direkt in die Arme.
„Guten Morgen, Frau Kommissarin. Stürmisch und entschlossen voran. Immer wieder ein Vergnügen zu sehen, was wir doch für engagierte Kolleginnen im K1 haben.“
Lächelnd stand Walter Lorscheider vor ihr, und seine Mimik und Gestik verrieten Christine Bernard, dass er seine Komplimente durchaus ernst meinte. Sie lächelte zurück.
„Guten Morgen, Herr Staatsanwalt.“ Dann quietschten die Sohlen ihrer flachen Schuhe über den Boden des Ganges in Richtung ihres Büros. Auf ihrem Rücken glaubte sie, die Blicke von Walter Lorscheider zu spüren. Doch als sie die Bürotür öffnete und dabei einen kurzen Blick in seine Richtung riskierte, war er bereits verschwunden.
Wieder eine Begegnung, bei der es ihr nicht gelang, Staatsanwalt Lorscheiders Verhalten endgültig einzuordnen. Entweder würde sie irgendwann heilfroh sein, in seinen Gunsten zu stehen, oder sie würde es bitter bereuen. So viel war sicher. Bis dahin empfand sie Walter Lorscheiders schützende Hand über sich nicht als unangenehm.
Christine Bernard teilte sich das Büro mit Hauptkommissar Torsten Kluge. Die beiden waren ein Team.
Während die Deckenbeleuchtung nach einem kurzen Druck auf den Lichtschalter flackernd ihren Dienst aufnahm, stieg der jungen Kommissarin der Geruch von Putzmittel, Druckertoner und Akten in die Nase. Sie öffnete eines der großen Fenster weit und schaute auf den Bahnhofsvorplatz hinunter.
Das Gebäude der Kriminaldirektion stand in einem rechten Winkel zu den Bahngleisen und war eines der höchsten Gebäude in der näheren Umgebung.
Reisende, gefolgt von Koffern auf Rädern oder mit Rucksäcken auf dem Rücken, überquerten den großen Platz auf ihrem Weg irgendwohin.
Eine Gruppe Schüler stieg in einen bereitstehenden Linienbus ein. Aus einem anderen Bus stiegen johlend welche aus. Reges Treiben. Abfahrende Busse ließen Dieselwolken stehen. Taxis eilten davon oder stellten sich in der Schlange der wartenden Kollegen hinten wieder an.
Haltende und wieder anfahrende Autos. Der Straßenlärm drang nur gedämpft bis in diese Höhe empor. (mehr …)

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Michael E. Vieten - Die KammerNach seiner Scheidung erwirbt Julian in Schleswig-Holstein ein großes, altes Haus mit einem verwilderten Park. Der niedrige Preis war kaum zu glauben. Doch die Maklerin schwor, es gäbe keinen Haken. Trotzdem stand das Haus lange Zeit leer. Julian fühlt sich wohl dort. Wenn nur dieses Klopfen nicht wäre.
Dann erfährt Julian von dem grausigen Geheimnis der alten Mauern.

Ich bin der Auffassung, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als wir mit unseren Sinnen erfassen können. Diese Überzeugung ist der Antrieb für meine Mystery Geschichten. Die meisten der geheimnisvollen Orte in meinen Erzählungen gibt es und ich bin dort gewesen. In dem beschriebenen Haus, welches Julian gekauft hat, habe ich selbst einige Jahre gelebt und bin nie das Gefühl losgeworden, darin nicht alleine zu sein. Der Rest ist Fiktion.

Textprobe aus: Unheimliche Begegnungen – Die Kammer

Friedlich lag das Anwesen in der Abenddämmerung. Beinahe ein magischer Ort, der mich mit einer wohltuenden Ruhe empfing. Ich stellte den Wagen in die Scheune und beschloss, noch einen Spaziergang zu machen.
Die Vögel verabschiedeten mit ihrem Abendlied den Tag. Es wehte kein Wind. Auf der Wiese vor dem Haus stieg Nebel auf. Langsam kroch die Feuchtigkeit in meine Kleidung. Als ich an der Südseite des Hauses vorbeiging, fiel mir ein fast verdecktes, kleines, schmales Fenster im ersten Stock auf. An dieser Seite stand eine riesige Kastanie dicht am Haus, und sie überragte das Gebäude deutlich. Ihre unteren Äste reichten bis an das Mauerwerk und hatten Schleifspuren am Putz der Fassade hinterlassen. Deswegen hatte ich das Fenster bisher nicht bemerkt. Es wurde von dem mächtigen Stamm und stark belaubten, dicken Ästen fast vollständig verdeckt.
Da der Flur nur ein Dachfenster über der Treppe hatte, müsste sich dieses Fenster an der Stirnseite meines Schlafzimmers befinden. Aber da war kein Fenster. Offenbar hatte man es zugemauert.
Es war dunkel hinter dem Glas, und durch die verwitterten Scheiben konnte ich außer Spinnweben nichts erkennen. Ich wollte bei Gelegenheit jemanden aus dem Dorf danach fragen.
Nach einem ausgedehnten Spaziergang ging ich wieder nach Hause. Kleine Steine knirschten bei jedem Schritt unter meinen Schuhen, als ich das Grundstück betrat. Die Sonne war längst untergegangen. Ich hatte vergessen, die Außenbeleuchtung einzuschalten. Also tastete ich mich im Dunkeln ins Haus.

Ich kochte mir in der Küche einen Tee und nahm ihn mit hinauf ins Schlafzimmer. Ich war zwar schon müde, wollte aber trotzdem noch etwas lesen.
Als ich im Bett lag, fiel mir wieder das kleine Fenster ein. Ich kniete mich am Kopfende in das Bett und tastete mit den Händen die Tapete ab. Etwa in der Mitte der Wand müsste das Fenster sein. Ich konnte aber keine Unebenheiten fühlen, die auf nachträglich verbaute Steine hindeuten könnten. Offenbar hatte der Maurer sehr gewissenhaft gearbeitet.
Ich beschloss erneut, bei Gelegenheit jemanden aus dem Dorf zu fragen, was es mit dem Fenster auf sich hatte und begann zu lesen.
Nach ein paar Seiten hörte ich wieder ein leises Klopfen. Tock, tock, tock. Ganz leise. Ganz zart. Tock, tock, tock.
Ich hatte mal über klopfende Dohlen gelesen, dass sie sich wie die Handwerker gebärden. Diese Krähenart nistet gerne in alten Gemäuern. Dabei klopfen und hämmern sie mit ihrem Schnabel, als hätte man die Zimmerleute im Haus.
Auch von lärmenden Waschbären und Mardern auf Dachböden wurde mir berichtet. Spuren ihrer Krallen könnte man an den Fallrohren der Dachrinne, die sie zum Aufstieg benutzen, feststellen. Am nächsten Morgen wollte ich das kontrollieren.
Während ich weiter las, klopfte es leise in unregelmäßigen Abständen. Ich schaute auf die Uhr. 0:20 Uhr. Ich legte das Buch beiseite, trank den Rest von meinem Tee und löschte das Licht. Wieder hörte ich dieses zarte Klopfen. Darüber schlief ich ein.

Als der Radiowecker mich mit leiser Musik weckte, war ich noch etwas benommen. Ich döste noch ein paar Minuten und schaute dabei aus dem Fenster. Es regnete.
Macht nichts, dachte ich. Am Vormittag sollten die bestellten Möbel geliefert werden. Da würde ich den Tag sowieso im Haus verbringen.
Kurz nach dem Frühstück klingelten die Mitarbeiter des Möbelhauses und begannen damit, die verpackten Teile in die Zimmer zu tragen. Dann bauten sie die Möbel zusammen und stellten sie auf. Ich hatte mir schon für jedes Möbelstück einen Platz ausgesucht und wusste genau, wo jedes Teil hingehörte. Am frühen Nachmittag sammelten die Leute die letzten Reste der Verpackung ein und verließen das Haus.
Mit dem angebrochenen und immer noch verregneten Tag war nicht mehr viel anzufangen. Da ich mittlerweile einen leichten Hunger verspürte, beschloss ich, ins Dorf zu fahren, dort etwas zu essen und eine Tasse Kaffee zu trinken. Ich hatte im Eingangsbereich des Supermarktes ein Steh-Café gesehen.

An allen drei Tischen in dem kleinen Café stand jemand. An einem der Tische erkannte ich die Kassiererin, mit der ich mich nach meinem Einkauf vor zwei Tagen unterhalten hatte. Sie rauchte eine Zigarette und hatte eine Tasse Kaffee vor sich stehen. Obwohl ich Nichtraucher war, fragte ich sie, ob ich mich dazustellen darf. Sie willigte ein.
Ich stellte meine Tasse Kaffee auf den Tisch und biss in mein Brötchen. Die Kassiererin löschte ihre Zigarette und trank einen Schluck Kaffee. Dann sprach sie mich an.
„Na, auch Feierabend?“
„Nein. Ich habe Urlaub.“
Wir kamen ins Plaudern, und ich erzählte ihr von meinem Haus.
Sie hieß Petra und wohnte im Dorf. Sie war auch geschieden und etwa in meinem Alter. Mir gefielen ihre braunen Augen und ihr langes, dunkles Haar. Sie erinnerte mich an Silke. Im Laufe des Gesprächs erzählte sie mir von ihrer Familie und dass ihre Mutter den Vorbesitzer meines Hauses gekannt hat. Ich fragte Petra nach ihm, aber sie war ihm nicht oft begegnet. Er lebte sehr zurückgezogen und ließ sich selten im Dorf blicken. Er war ihr auch immer etwas unheimlich. Auch über das kleine Fenster an der Südseite wusste sie nichts. Sie lud mich zu sich nach Hause ein und gab mir ihre Telefonnummer. Im Moment lebte sie bei ihren Eltern. Ihre Mutter könnte mir dann mehr über das Haus und den Vorbesitzer erzählen.

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Michael E. Vieten - Aus der Zwischenwelt“Die Kammer” ist eine Erzählung aus der Serie ‘Unheimliche Begegnungen – Aus der Zwischenwelt’.
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