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Archive for the ‘Romane’ Category

Textprobe aus: „Handbuch zur Rettung der Welt“

Mila
Die brachiale Wucht des Aufpralls hätte sie beinahe umgeworfen. Vor Schreck blieb sie wie erstarrt stehen. Kannibalen!, schoss ihr ein Verdacht durch den Kopf. Sie hatte schon davon gehört.
Vor wenigen Sekunden erst hatte sie das dicke Buch im Mauerschutt des zerstörten Gebäudes gefunden und fasziniert von Staub und Sand befreit. Gab es wirklich einmal Menschen, die so dicke Bücher schreiben konnten? Das musste sehr lange her sein.
Schon seit Monaten durchstöberte sie den Schutt zusammengefallener Häuser, sie brauchte dringend neue Kleidung. Also streunte sie vorsichtig durch die Trümmerlandschaft und suchte nach Schuhen, Hosen, Jacken und Pullovern. Immer voller Aufmerksamkeit für ihre gefährliche Umgebung.
Und nun hatte das silbern glänzende Geschoss den Buchdeckel durchschlagen und steckte Zentimeter tief im Papier. Als sie das Zischen des Bolzens hörte, war es schon zu spät.
Dieses Buch hatte ihr gerade das Leben gerettet. Wegen der paar Zentimeter Papier in ihrer Hand würde sie morgen tatsächlich sechszehn Jahre alt werden. Wenn sie bis dahin nicht noch einmal einen Fehler begehen würde. Ein fürstliches Alter in diesen Zeiten.
Immer noch hielt sie das schwere Buch in Brusthöhe vor sich und war nicht imstande, sich zu bewegen. Zu schrecklich war die Erkenntnis, dass sie so unvorsichtig war und dem Schützen die Gelegenheit geboten hatte, aus seiner Deckung heraus auf sie zu schießen. Zu sehr war sie mit diesem Buch beschäftigt gewesen, hatte alle Aufmerksamkeit darauf gelenkt und ihre Umgebung vernachlässigt. Deswegen hatte sie den hinterhältigen Angreifer nicht bemerkt. Ihre Unaufmerksamkeit hätte ihr junges Leben hier und jetzt beenden können. Diese Erkenntnis sickerte endlich in ihr Bewusstsein. Sicher spannte der Schütze seine Armbrust in diesem Moment erneut, legte einen Pfeil auf und zielte auf sie. (mehr …)

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Textprobe aus: „Der Duft des Regens, wenn er auf Staub fällt“

Es ist Sommer. Denken Sie an einen heißen Tag. Haben Sie ihn?
Nein, nicht den Durchschnittssommertag, sondern so einen richtig glühenden Tag, nachmittags, Ende August. Hochsommer. Mitten in den Hundstagen. Seit Wochen fiel kein Wasser vom Himmel. Die Erde ist rissig, der Horizont flimmert, Ihr Mund ist trocken. Sie haben Durst. Spüren Sie ihn, diesen unerträglichen Durst?
Hören Sie die Grillen im hohen weißgelben Gras zirpen? Die Luft steht. Kein einziger Halm bewegt sich.
Dem Wald droht Brand. Er riecht nach Harz, welkem Laub und dürrem Holz. Äste knarzen, Zapfen und Rinde knistern.
Sie schwitzen in den Stoff Ihrer Kleidung hinein. Die Sonne brennt auf Ihrer klebrigen Haut und das Salz Ihres Schweißes erzeugt einen Juckreiz. Wer kann, hat sich in den Schatten verkrochen und vermeidet jede Bewegung.
Endlich ziehen mächtige Wolkenberge heran. Schwarzblau verdunkeln sie die Sonne. Es blitzt und donnert. Ein letzter heißer Wind weht den feinsten Sand davon. Feuchte, kühle Luft fällt herab.
Verdorrte Blätter wirbeln raschelnd umher. Und dann fallen die ersten lauwarmen Tropfen, schwer wie Blei. Sie schlagen auf dem Boden auf und werfen kleine Fontänen aus Staub in die Höhe.
Jetzt regnet es stärker. Das Laub aller Pflanzen zittert im Geprassel. Es scheint, als würden sie jubeln. Das Gras und das letzte Getreide auf den Feldern werden niedergedrückt. Wasser verdunstet auf dem heißen Boden. Dampf steigt auf. Und dann kommt der Moment, den ich niemals vergessen werde. Atmen Sie tief ein. Was riechen Sie? Genau! Den Duft des Regens, wenn er auf Staub fällt. Unverwechselbar. Einzigartig. Nichts ist vergleichbar. Dieser Duft ist das Wohltuendste, was mir je widerfahren ist. Er kann meine Wunden heilen. Wunden der Seele. Er rührt mich zu Tränen der Sehnsucht. Und ich erinnere mich wieder an sie und an unsere wenigen gemeinsamen Tage in einem fernen Sommer.

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cover-feind-200Kriminalroman: Sind es Terroristen, die das Leben der jungen Trierer Kommissarin mit hinterhältigen Cyberattacken bedrohen? Oder steckt ein Geheimdienst dahinter? Christine Bernard erhält Personenschutz. Plötzlich zieht das Landeskriminalamt die Ermittlungen an sich und sperrt ihre Ermittlungsakten. Computerspezialisten werden abgezogen. Beweismittel verschwinden. Wem kann Christine noch vertrauen? Wer ist dieser scheinbar übermächtige Gegner, und wo befindet er sich?

Ein Cyberkrimi über einen Kampf mit ungleichen Waffen im Zeitalter der Digitalisierung. Aktuell, verstörend, hochspannend.

buch-kaufen4Taschenbuch (300 Seiten, ISBN: 978-3862824533)

E-Book (ASIN: B06XKSLGPT)

Hier gibt es eine Leseprobe: Karneval

Ebenfalls in dieser Reihe erschienen:
Cover-EisrosenkindCover-Siebenschön-ACABUS

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Cover-Eisrosenkind-200Kriminalroman: Der Mensch glaubt, er hofft, und er irrt.
Ein eiskalter Morgen im März. Eine gefrorene Kinderleiche am Moselufer. Ist das die achtjährige Rosalia, nach der die Trierer Kriminalpolizei verzweifelt sucht? Ist sie im Nachtfrost erfroren oder verbirgt sich ein noch viel schrecklicheres Geheimnis hinter der Schönheit des Grauens?
Ein neuer spannender Fall voller Hoffnung, Glaube und Irrtum für Christine Bernard.

Das Taschenbuch wird auch im Regionalladen “Sinnessachen” im Hunsrückhaus auf dem Erbeskopf zum Kauf angeboten.
In der Verbandsgemeindebücherei im „Haus der Begegnung“ und in der Stadtbibliothek-Trier kann es ausgeliehen werden.

buch-kaufen4Taschenbuch (304 Seiten, ISBN: 978-3862824137)

E-Book (ASIN: B01DA4I2V6)

Hier gibt es eine Leseprobe: Rosalia

 

Ebenfalls in dieser Reihe erschienen:

Cover-Siebenschön-ACABUScover-feind-120

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cover-atemlos2-200Kriminalroman: Die Geschichte von Anna Nowak und Anselm Jünger geht weiter.

Hauptkommissar Matheo Anderssons Vorgesetzte im Landeskriminalamt Mainz hatten sich unmissverständlich ausgedrückt. Sie wollten auf keinen Fall eine „Bonnie & Clyde-Geschichte“ daraus werden lassen. Deswegen schickten sie ihren besten Mann.
Doch das flüchtende Verbrecherpärchen gerät völlig außer Kontrolle. Anna Nowak und Anselm Jünger ziehen auf ihrer wilden Flucht eine blutige Spur hinter sich her. Auch vor Geiselnahme schrecken sie nicht zurück. Dabei fällt ihnen Matheo Anderssons junge und unerfahrene Kollegin in die Hände. Ein nervenaufreibendes Katz-und-Maus-Spiel beginnt.
Eine Ballade. Eine „Bonnie & Clyde-Geschichte“. Ein rasanter Krimi aus Trier.

„Atemlos – Von des Todes zarter Hand“ erzählt davon, wie schnell sich Ereignisse hochschaukeln können und eine Situation völlig außer Kontrolle gerät.

buch-kaufen4Taschenbuch (244 Seiten, ISBN: 978-1482616286)

E-Book (ISBN: 978-3-7368-6066-7)

Das eBook ist in allen bekannten Online-Shops verfügbar. Das Taschenbuch wird auch im Regionalladen “Sinnessachen” im Hunsrückhaus auf dem Erbeskopf zum Kauf angeboten. In der Verbandsgemeindebücherei im „Haus der Begegnung“ und in der Stadtbibliothek-Trier kann es ausgeliehen werden.

Hier gibt es eine Leseprobe: Eine Bonnie and Clyde-Geschichte

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Cover-Siebenschön-ACABUS-200Psychokrimi: Eigentlich handelt es sich nur um eine Befragung zu einer Vermisstenanzeige. Doch der Selbstversorger Hartmut Schröder verwickelt sich in Widersprüche. Nicht nur seine Frau wurde seit Wochen von den Nachbarn in dem kleinen Dorf nicht mehr gesehen, auch seine sechs Kinder sind offenbar verschwunden. Kommissarin Bernard spürt, dass unter der Oberfläche dieses verstockten Landwirts etwas Unfassbares auf sie wartet. Kriminalhauptkommissar Thorsten Kluge übernimmt den Fall. Die junge Kommissarin ist erleichtert, sich nicht mehr mit diesem düsteren Menschen befassen zu müssen. Doch Hartmut Schröder schweigt und fordert, dass Kommissarin Bernard die Vernehmung fortsetzt. Nachdem sie ihm wieder gegenübersitzt, beginnt eine beispiellose Achterbahnfahrt in die Abgründe der menschlichen Seele.

Eine Frau, ihre sechs Töchter und ein verzweifelter Mann. Sieben Tage Verhör und ein schrecklicher Verdacht. Wo sind Andrea Schröder und ihre Kinder? Leben sie noch? Unter Einsatz ihres eigenen Lebens treibt eine junge Kommissarin der Trierer Polizei die Ermittlungen voran und versucht, einem psychisch auffälligen und gewalttätigen Sonderling die dringend benötigten Informationen abzuringen. Ein spannender Psychokrimi nicht nur für Genre-Fans.

buch-kaufen4Taschenbuch (284 Seiten, ISBN: 978-3862823529)

E-Book (ASIN: B00YP6L47I)

Das Taschenbuch wird auch im Regionalladen “Sinnessachen” im Hunsrückhaus auf dem Erbeskopf zum Kauf angeboten. In der Verbandsgemeindebücherei im „Haus der Begegnung“ und in der Stadtbibliothek-Trier kann es ausgeliehen werden.

Hier gibt es eine Leseprobe: Regennächte. Eine Katzenwäsche für eine schmutzige Welt

Oder vorlesen lassen. Eine Hörprobe:

Update 22.02.2014 Der Buchtrailer zu “Christine Bernard – Der Fall Siebenschön” ist fertig:

Ebenfalls in dieser Reihe erschienen:

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Textprobe aus: „Herbstlicht“

Lappland
20. Januar.
Der Wind heult und wirft Schneeflocken und kleine Eisnadeln gegen die Hütte. Ich höre es knistern und rieseln.
Das dicke Holz der Wände ächzt unter der Schneelast auf dem Dach und stemmt sich dennoch tapfer gegen den Sturm.
Seit 16:00 Uhr ist es dunkel draußen.
Ich habe die Schlagläden geschlossen gelassen. Das Glas der Fenster hält den Winterstürmen nicht stand.
Draußen ist es kalt. Weit unter zwanzig Grad minus.
Die beiden alten Öfen halten dagegen. Die Raumtemperatur der fünfmal sieben Meter großen Hütte hält sich bei knapp zweiundzwanzig Grad plus.
Es riecht wie in einer Räucherkammer, weil der Wind hin und wieder den Qualm in den Kaminen niederdrückt.
An die Hütte schmiegt sich ein aus Brettern zusammengenagelter Schuppen. Darin herrscht Frost und der Wind pfeift durch die Ritzen. Durch eine mit einem dicken Vorhang verhangene Tür gelangt man dort hin.
Hunderte Scheite gespaltenes Holz stehen mannshoch in gewissenhaft gestapelten Reihen.
Wenn mir der Brennstoff ausgeht, beeile ich mich und lade mir flink ein paar Scheite auf die Arme. Nur schnell zurück in die warme Hütte. Meine Gesichtshaut glüht rosig, meine Finger sind klamm. Dann lasse ich die Scheite neben den Ofen poltern.

Ruhig brennen die dicken Kerzen in den Laternen und tauchen das Innere der Hütte in ein schummriges Licht. Es gibt noch zwei Petroleumlampen, sturmsicher, falls man die Hütte bei Nacht mal verlassen muss.
Auf einem der Öfen dampft ein Kessel. Der Tee in meinem Becher ist nur noch lau.
Ich binde mir mein Haar neu zu einem langen Pferdeschwanz, setze mich wieder an den Tisch und lese im Schein zweier Kerzen aus fremden Lebenserinnerungen.
Etwas anderes könnte ich ohnehin nicht tun. Bis der Sturm vorüber ist, kann ich die Hütte nicht verlassen.
Vor mir liegen vier dicke Kladden, die diesen Raum nie verlassen haben. Nur hier hat sich Jonas Hartmann all jenes von der Seele geschrieben, was er nicht mit sich herumtragen wollte. Blaue Tinte auf leicht feuchtem Papier. Seine Handschrift ist gut lesbar. Sehr ordentlich, als hätte er sich jedes Wort wohl überlegt. Die Bücher riechen muffig.

Unter das Heulen und Sausen des Windes mischt sich ein Knacken und Krachen. Ich lausche.
Eine der riesigen Fichten am Waldrand ist wohl unter der Last aus Schnee und Eis im Sturm gebrochen und stürzt um. Hoffentlich fällt sie nicht auf die Hütte.
Plötzlich reißt mich ein lauter Knall von meinem Stuhl hoch und lässt mich erschrocken aufschreien.
Wild schlägt einer der Schlagläden zwischen Fenster und Hüttenwand hin und her. Der Sturm hat ihn losgerissen. Lange wird das Fenster dem wilden Schlagen und dem Winddruck nicht standhalten. Schnee und Eis rieseln gegen das Glas.
Ich muss raus auf die Veranda und den Laden wieder dichtmachen.
Ich werfe mir Jonas‘ kratzigen Wollpullover über und öffne die Tür.
Eisig und wild faucht mir der Wind aus Westen ins Gesicht und bewirft mich mit allem, was er mit sich trägt. Beinahe raubt er mir den Atem.
Ich verriegele die Tür und taste nach dem Laden. Hart schlägt er mir gegen die Hand und staucht mir einen Fingerknöchel. Der Schmerz lässt mich kurz aufschreien, aber mein Gezeter geht unter in dieser wilden, lauten Nacht. In diesem rauen Land bleibt keine Zeit für Befindlichkeiten. Das Fenster muss geschützt werden!
Ich erwische den Laden, als er wieder zufällt, und drücke ihn gegen den Rahmen. Dann lege ich den vereisten Riegel um und drücke noch einmal nach. Mehr kann ich nicht tun. Es gibt nur diesen einen Riegel, und der muss halten.
Schnell schlüpfe ich zurück in die Hütte, deren warmes Inneres mich gnädig empfängt.
Ich spüre meine Finger nicht mehr und reibe meine Hände über der Ofenplatte. Meine Augen tränen. Meine Gesichtshaut spannt. Schnee und Eis schmelzen an meinen Haaren und auf dem Pullover. Ich ziehe meine Nase hoch.
Mir wird wieder warm. Ich streife den Pullover ab und binde mein Haar neu. Zum wievielten Mal heute schon?
Bevor ich weiterlese, gieße ich mir einen neuen Becher Früchtetee auf. Während er zieht, massiere ich sanft meinen verstauchten Knöchel an der Hand. Er wird blau werden. Aber was bedeutet das schon?

Bevor ich mich wieder setze, lege ich meine Hände um den warmen Becher und nehme vorsichtig einen Schluck Tee. Achtsam genieße ich das heiße Getränk, schmecke den Zucker auf meinen Lippen und die feine Fruchtsäure in meinem Mund. Man wird demütig hier draußen und dankbar für die einfachen Dinge, die einem vergönnt sind.
Man muss in dieser Gegend nicht viele Fehler machen, um zu sterben. Man erfriert, wird von einem wilden Tier angefallen oder man überlebt die Begegnung mit einem Elchbullen nicht. Mit ein bisschen Pech tritt man in die Falle eines Wilderers und stirbt an der Verletzung. Nicht wenige werden auch einfach nur von einem umstürzenden Baum erschlagen.

Mit unverminderter Kraft fegt der Sturm weiter über das Land. Treibt Eis und Schnee vor sich her und die Menschen in ihre Häuser.
Die Tiere ziehen sich tief in den Wald zurück. Wer einen Bau hat, verschwindet darin, wer einen Gefährten hat, kuschelt sich an ihn. Die Natur verschafft sich Respekt. Zeigt unmissverständlich, wer hier der Herr ist.
Ich nehme wieder auf meinem alten Holzstuhl Platz und ziehe Jonas‘ Aufzeichnungen zu mir heran. Mit dem dampfenden Becher in den Händen lese ich weiter.

Isabelle
An dem Vormittag, an dem ich Isabelle das erste Mal sah, zog bereits der erste Wintersturm des Jahres über das Land. Er heulte um die Ecken des Hauses und rüttelte an den Menschen auf der Straße.
Ich stand am Fenster und schaute hinaus. Der eiskalte Wind trieb die mit Schnee vermischten Regentropfen vor sich her und warf sie gegen das Glas. Für einen kurzen Moment blieben sie daran haften, um sich dann in kleinen Rinnsalen auf das Fensterbrett herabzustürzen. Das letzte Blatt des Jahres klammerte sich verzweifelt an seinen Ast und trotzte den Kräften der Lüfte. Doch dann, letztendlich, riss es ab und flog davon.
Ich wandte mich ab und verließ meine Wohnung. Ich wollte pünktlich sein, bei Madame Dupin.

Sie stellte sich mir am Telefon als Frau Dupin vor. Da sie einen französischen Akzent hatte, ersetzte ich das unromantisch klingende Wort durch die schmeichelhafteste Anrede für eine reife Frau. „Madame“.
Dieses Wort zwingt einen Mann unweigerlich zu einer Verneigung, sei sie auch noch so spärlich, vor der Dame, die er damit anspricht. Madame Dupin, also.

Sie trug ihr langes Haar sorgfältig hochgesteckt. Ein dunkler, glänzender Braunton mit ein wenig rot darin. Wie reife Rosskastanien. Erste silberne Fäden glänzten seidenmatt im Novemberlicht.
Madame Dupin hatte gelernt, ihr Leben zu genießen. Davon zeugten ihre zarten Rundungen. Vielleicht erlag sie aber auch hin und wieder der übermächtigen Anzahl von Verlockungen in ihrem reichhaltigen Kuchenbuffet.
Die Spuren der Freuden und Leiden ihres Lebens trug sie ungeschminkt in ihrem Gesicht. Vielleicht ein wenig Rouge. Aber wohl eher die Röte eines anstrengenden Morgens in der Backstube auf ihren Wangen.
Sie hatte hellbraune Augen. Ich wollte das Wort Bronze nicht verwenden. Die Harmonie mit ihrer Haarfarbe war beeindruckend.
Eine lange Strähne hatte sich befreit. Mit gepflegter Hand schob Madame Dupin sie hinter ihr Ohr und reichte mir die freie Hand zum Gruß.
„Bonjour. Ich bin Frau Dupin.“
Ich nahm ihre Hand und hielt sie fest. Wie zart sie war.
Und wieder ersetzte ich das harte Wort, bevor ich meinen Griff löste. „Guten Tag, Madame. Ich bin Herr Hartmann.“
Viel lieber hätte ich mich als Monsieur Hartmann vorgestellt. Aber mein deutscher Familienname machte ohnehin jeden Wohlklang zunichte.
„Bitte nehmen Sie Platz. Möchten Sie einen Kaffee?“
„Sehr gern. Vielen Dank.“
Ich zog meine Jacke aus, hängte sie an einen kunstvoll geschwungenen schmiedeeisernen Garderobenständer und setzte mich an den kleinsten Tisch am Fenster.
Madame Dupins Café war erfüllt von den Düften nach Kaffeebohnen und Schokolade, Vanille und Bittermandel und aus der Backstube zog das Rum-Aroma von soeben fertiggestelltem Kuchenteig in den Gastraum.

Madame Dupin bereitete die Tasse Kaffee für mich selbst zu. Ihre Bedienung, ein junges Mädchen, kümmerte sich weiter um die anderen Gäste.
Ich beobachtete jede Bewegung dieser eleganten und anmutigen Frau. Wie sie ihren Kopf hielt, ihren Körper drehte, mit ihren Händen nach etwas griff, wie sie ihre Augen aufschlug, wenn sie mir einen Blick zuwarf und wie sie einen Fuß vor den anderen setzte, während sie mit wiegenden Hüften zu mir zurück an den Tisch kam.
Madame Dupin stellte die Tasse vor mir ab und setzte sich mit einer eleganten Bewegung auf den gepolsterten Stuhl mir gegenüber.
„Möchten Sie ein Stück Kuchen?“ Ihre zartrosa Lippen formten die Worte, wie es nur eine französische Frau vermag, wenn sie deutsch spricht.
Ich fürchtete, die überaus angenehme Stimmung in diesem Moment durch eine Zurückweisung zu stören. Aber ich hätte es als unerhört empfunden, ihre Gabe nur aus Höflichkeit anzunehmen. Ich wollte sie wirklich haben wollen und dann genießen können. Leider hatte ich vor weniger als einer Stunde erst gefrühstückt.
Immer noch plagte mich Schlaflosigkeit in der Nacht. Wenn ich in den frühen Morgenstunden dann endlich in den Schlaf fand, schlief ich bis spät in den Vormittag hinein. Sehr lästig. Dabei liebte ich den frühen Morgen. Seine Kühle und das Frösteln, das er mir bereitete. Die ersten Geräusche des jungen Tages und die Gerüche nach geröstetem Weißbrot und nach Kaffee oder Tee.
Bis ich es üblicherweise dann endlich aus dem Bett schaffte, war meine Wohnung bereits wieder warm und die morgendliche Ruhe vor der Tür einer allgemeinen Betriebsamkeit gewichen.
„Nein, danke. Sehr freundlich“, lehnte ich Madame Dupins Angebot ab.
Ich war bereit, jede Regung des Missfallens in ihrem Gesicht zu deuten. Aber da war nichts, worüber ich mir hätte Sorgen machen müssen. Ruhig schaute sie mir direkt in die Augen und lächelte sanft. Sie wusste, was mir entging.
„Vielleicht beim nächsten Mal. Trinken Sie Ihren Kaffee. Dann zeige ich Ihnen die Wohnung.“
Sie stand auf und verschwand in einem Raum hinter der Kuchentheke. Es fühlte sich an, als hätte sie mir etwas weggenommen. Der Entzug ihrer Gegenwart ließ die Raumtemperatur um mich herum sinken.

Ich wusste an jenem Vormittag schon, dass ich wieder in ihr Café kommen würde, nur um dann ein Stück Kuchen von Isabelle Dupin entgegenzunehmen und bei jedem Bissen daran zu denken, dass diese Frau ihn selbst gebacken hatte. Ich würde ein Hefestück nehmen und mir vorstellen, wie lange sie es mit ihren zarten, gepflegten Händen bearbeiten musste.
Bis dahin war ich noch nie einem Menschen mit einer Wirkung, wie sie Madame Dupin auf mich ausübte, begegnet. Ich trank meinen Kaffee und fühlte mich plötzlich krank. Ich schaute durch das große Fenster hinaus auf die Straße und suchte die Ursache dort draußen, im feuchtkalten Wetter.

Die Serviererin räumte meine leere Tasse ab und ich folgte Madame Dupin. Mit eleganten Schritten ging sie voraus.
Beim Hinaufsteigen der Stufen gab ihr Rock den Blick auf ihre Beine frei. Ich bemühte mich, nicht hinzusehen.
Auf dem ersten Treppenabsatz blieb sie stehen und deutete mit einer lässigen Armbewegung auf eine Tür.
„Dort ist meine Wohnung.“
Ich nickte und lächelte. Mir fiel nichts ein, was ich hätte sagen können.
Sie schritt weiter vor mir her durch das Treppenhaus.

Die Wohnung im zweiten Stock des aus der Gründerzeit stammenden Gebäudes entsprach meinen Vorstellungen. Hohe Decken, große Fenster, Gasanschluss. In der Küche befand sich bereits ein Herd mit sechs Flammen.
„Sie müssen den Herd nicht übernehmen“, hörte ich sie neben mir sagen, während ich mich schon auf das künftige Kochen darauf freute.
„Aber, nein“, erwiderte ich schnell. „Auf Gas kocht es sich doch am besten.“
Zufrieden lächelnd ging sie wieder voraus und zeigte mir die restlichen Räume. Ich lobte die hölzernen Dielenböden. Vom Wohnzimmer aus gelangte man sogar auf einen überdachten Balkon.

Ich verhandelte nicht über die Miete, sie war günstig und mehr als angemessen.
„Tres bien. Sind wir uns also einig.“
„Ja, natürlich.“
„C´est bon. Ich freue mich.“
Wieder reichte sie mir ihre schlanke Hand und besiegelte damit unsere Übereinkunft. Zwei Wochen später hielt der Umzugswagen einer Spedition vor dem Haus und drei schwitzende Männer schleppten meine Möbel die Treppe hinauf.
Die darauf folgenden Tage war ich mit Auspacken und Einräumen beschäftigt. Und Lampen montieren. Ich wollte die Spuren meines Umzugs so schnell wie möglich beseitigt wissen.
Madame Dupin sah ich in diesen Tagen nicht. Nur manchmal hörte ich sie morgens oder abends die hölzernen Stufen im Treppenhaus hinab- oder hinaufsteigen.

Meine nächste Begegnung mit ihr war an einem frühen Vormittag. Am Abend zuvor war ich zeitig zu Bett gegangen und hatte erstaunlicherweise bis in die frühen Morgenstunden durchgeschlafen.
Seit ich von Hamburg nach Itzehoe umgezogen war, fand ich allmählich zu einer erholsamen Nachtruhe zurück. Sogar das Fenster in meinem Schlafzimmer konnte ich nachts geöffnet lassen. Kaum ein Geräusch drang zu mir hinauf in dieser ruhigen Straße, die nirgendwohin führte.
Ich hatte mir an diesem frostigen Morgen ein „Hamburger Abendblatt“ gekauft und schlenderte mit einer Tüte Brötchen zurück an meinen Frühstückstisch. Als ich das Haus erreicht hatte und nach meinem Schlüssel tastete, war sie plötzlich da.
„Guten Morgen“, rief sie.
Sie stand in einem altrosafarbenen Etui-Kleid vor der Eingangstür ihres Cafés und verschränkte fröstelnd ihre Arme vor der Brust. Ohne ihre weiße Schürze mit den gestärkten Rüschen, die sie sonst immer trug, wirkte Madame Dupin schlanker, jugendlicher.
„Guten Morgen“, grüßte ich und wollte weitergehen.
Doch sie hatte wohl auf mich gewartet. „Möchten Sie mit mir frühstücken? Um diese Zeit habe ich nur wenige Gäste.“
Für einen Moment dachte ich daran, ihr abzusagen. Ich war darauf nicht vorbereitet und hatte auch nur zwei Brötchen in meiner Tüte.
Auf etwas nicht vorbereitet zu sein verunsicherte mich seit meiner Jugend. Diese Unsicherheit erzeugte das Gefühl in mir, einer Situation nicht gewachsen zu sein.
„Aber ja, gerne“, entfuhr es mir dann doch und überraschte mich selbst. Ich glaube, wenn unser Schicksal etwas mit uns vorhat, dann kann man sich diesem übermächtigen Willen nicht entziehen.

Der Gastraum war leer. Eine Angestellte, die ich bis dahin noch nicht gesehen hatte, füllte die gläserne Auslage mit Backwaren auf.
„Meine Tochter, Sophie“, unterbrach Madame Dupin meine Beobachtungen. „Sie hilft hin und wieder hier im Café aus. Sie studiert in Hamburg.“
Ich nickte grüßend in Sophies Richtung, dann klingelte das Telefon.
„Haben Sie auch Kinder?“
Ich suchte nach einer Antwort und wurde erlöst. Das Schicksal wollte es wohl so.
„Mama“, rief Sophie. „Telefon. Bestellung.“
„Einen Moment“, entschuldigte sich Madame Dupin, legte ihre Hand an meinen Oberarm und deutete mit ihrer anderen Hand auf einen Tisch etwas abseits in einer Ecke. „Nehmen Sie doch dort schon mal Platz.“
„Sophie, zwei Frühstücke“, rief sie dann und eilte zum Telefon. Ich zog meine Jacke aus und hängte sie an den Garderobenständer.

Der Tisch war zur Hälfte von einer gepolsterten Sitzbank umgeben. Eine einzelne aufgeblühte rote Rose stand in einer Vase darauf. Das gestärkte Tischtuch leuchtete weiß.
Ich rutschte auf die Bank und legte etwas verlegen meine Brötchentüte und die Zeitung neben mir ab. Sophie brachte Geschirr und Besteck und lächelte mild.
„Kaffee?“
„Ja, gerne.“
Madame Dupin hatte ihre Bestellung durchgegeben und kehrte zu mir zurück.
„Möchten Sie ein gekochtes Ei?“
„Nein, danke.“
„Rührei? Ei im Glas? Ein Spiegelei?“
„Sehr liebenswürdig. Nein, danke.“
Sie setzte sich zu mir auf die Bank und sah mich an. „Haben Sie sich eingerichtet?“
„Ja, und ich schlafe besser, als in Hamburg.“
„Das freut mich. Was machen Sie eigentlich beruflich? Ich sehe Sie morgens gar nicht wegfahren.“
Ich hatte mich schon darüber gewundert, dass sie mir diese Frage nicht schon gestellt hatte, als ich mich für die Wohnung interessierte. Üblicherweise war dies eine der ersten Auskünfte, die man über einen zukünftigen Mieter einholte.
„Ich schreibe für einen Verlag. Das kann ich von zu Hause aus.“
„Sie sind Schriftsteller? Was schreiben Sie?“
Auf diese immer wieder gestellte Frage antwortete ich in der dafür von mir zurechtgelegten Weise und lächelte verlegen.
„Kriminalromane. Nichts Besonderes.“
Ich war eben kein berühmter Bestsellerautor, dem die Frauenherzen entgegenflogen. Im Gegenteil. Mich kannte kaum jemand. Ohne den Erlös durch den Verkauf von internationalen Lizenzen hätte ich von den Tantiemen nicht einmal leben können.

Sophie brachte unser Frühstück und zog sich zurück. Ab und zu hörte ich sie in dem Raum hinter der Kuchentheke mit Geschirr klappern.
Ich griff nach einem Croissant und begann damit, es auf französische Art zu essen.
Madame Dupin entschied sich für ein einfaches Brötchen, verzichtete auf Butter und bestrich eine Hälfte mit Aprikosenkonfitüre.
Ihre Bewegungen waren ausnahmslos von einer Eleganz, wie ich sie noch bei keinem Menschen zuvor beobachtet hatte. Es kostete mich große Mühe, interessiert zu wirken, aber nicht aufdringlich und dabei trotzdem keine ihrer Bewegungen zu verpassen.
Sie entfernte mit ihrer Zungenspitze Aprikosenkonfitüre von ihren Lippen. Ich schaute schnell auf meinen Teller. Sie lächelte, als ich sie wieder ansah.
Ich dachte darüber nach, ob es wohl einen Herrn Dupin gibt oder einen solchen in spe. Einen Hinweis darauf hatte ich nicht, wagte es aber auch nicht, danach zu fragen.
Schon diese eine Frage zu stellen würde das mir zur Verfügung stehende Maß an Mut bei Weitem übersteigen. Die Furcht vor der Antwort umso mehr.
Madame Dupin fürchtete sich nicht oder sie ließ es sich nicht anmerken. Später erfuhr ich, sie erlag ihrer Neugierde.
„Gibt es eine Frau in Ihrem Leben?“
Was für eine Frage! So direkt gestellt und doch so verständlich.
„Äh, nein“, stammelte ich.
Madame Dupin hob ihr Kinn und ließ es langsam sinken.
Ich weiß nicht, was in diesem Moment in mich gefahren war, aber plötzlich hörte ich mich fragen: „Und Sie? Ich sehe Sie immer nur allein.“
„Ich hatte mit meinen Männern bisher kein glückliches Händchen. Sophie ist das Einzige, was mir blieb.“
Sie goss sich Kaffee nach und trank ihn schwarz.
„Die Plätze neben uns sind also frei. Wir haben etwas Gemeinsames. Darauf stoßen wir an.“
Sie hob ihre Tasse und hielt sie mir entgegen. Es war mir etwas peinlich, aber ich wollte die vertraute Stimmung in diesem Moment nicht zerstören.
„Isabelle“, sagte sie leise und stieß gegen meine Tasse.
„Jonas“, brachte ich mühsam hervor. Dann tranken wir einen Schluck und ich lächelte verlegen.

Ich bemühte mich, entspannt zu wirken und knabberte an meinem Croissant. Aber mir war zu warm, und ich schwitzte.
Isabelles Parfüm stieg mir süß und herb zugleich in die Nase und erinnerte mich an den Duft des Sommerjasmins. Ich glaubte, die Wärme ihres Körpers zu spüren, obwohl zwischen uns die Zeitung und meine Brötchentüte lagen. Sie bemerkte meinen Blick darauf.
„Ich habe jeden Tag frische Brötchen. Wenn du magst, können wir zusammen frühstücken.“
„Ja, warum nicht“, versuchte ich, einen gleichgültigen Ton zu treffen, was mir aber nicht gelang. Ich wollte ihr nicht zeigen, wie sehr sie mir gefiel. Ich fürchtete, mich lächerlich zu machen. Womöglich empfand sie nicht so viel für mich, wie ich für sie.

Wir sprachen über Belanglosigkeiten. Ich achtete sehr darauf, was ich sagte. Wie ich mich ausdrückte. Denn in meinem Alter weiß man, bevor wir etwas Kluges sagen können, womit wir unser Rendezvous beeindruckt hätten, quatschen wir gerne irgendeinen Unsinn daher und machen alles zunichte. Und die Angebetete denkt: „Das ist genauso ein Depp wie mein Ex.“
Dann betraten die ersten Gäste das Café. Isabelle musste sich kümmern. Ich verabschiedete mich und vergaß meine Zeitung und die Brötchentüte auf der Sitzbank. Sophie brachte mir später beides an meine Wohnungstür.

Wintermorgen
21. Januar.
Es ist still in der Hütte. Kein Laut dringt an meine Ohren. Und es ist kalt. Ich öffne meine Augen. Ich liege vollständig bekleidet auf dem Bett. Auf mir liegt der viel zu große Wollpullover.
Durch die Ritzen der Schlagläden scheint die Sonne hindurch. Staub tanzt in ihren Strahlen. Der Sturm hat sich gelegt, die Nacht ist vorüber.
Mühsam und mit steifen Gliedern wälze ich mich aus dem knarrenden Bett. Die Feuer in den beiden Öfen sind aus. Ich lege die letzten Holzscheite auf die Glutreste. Es wird eine Zeit dauern, bis es in der Hütte wieder warm ist. Ich werde mit dem Waschen und Zähneputzen so lange warten. Aber die Schlagläden kann ich schon mal öffnen.

Ich schlüpfe in den dicken Wollpullover und krempele die Ärmel hoch. Er reicht bis fast an meine Knie.
Die Eingangstür ist festgefroren. Nach zwei kräftigen Tritten kann ich sie knirschend und knackend öffnen.
Messerscharf schneidet die Kälte in mein Gesicht, während ich auf die Veranda heraustrete. Überall liegt Schnee. Auch auf der Veranda. Er reflektiert die gleißende Helligkeit der Sonne und blendet mich. Ich kneife meine Augen zu dünnen Schlitzen zusammen.
Der Himmel ist wolkenfrei. Ich stapfe durch eine lange Schneewehe und öffne die Läden vor den Fenstern. Dann entdecke ich die umgestürzte Fichte. Ihr Stamm liegt quer über dem Weg zur Hütte. So ein Mist. Darum werde ich mich kümmern müssen. Doch zuerst muss ich die Veranda von Schnee befreien. Wenn er in der Sonne taut und dann wieder gefriert, könnte ich ausrutschen und stürzen.
Sich in dieser einsamen Gegend zu verletzen, sollte man unbedingt vermeiden. Im Schuppen habe ich einen Besen gesehen.

Ich kämpfe mich durch den Tiefschnee um die Hütte herum. Die Schuppentür steht eine Handbreit offen. Der Wind muss sie aufgestoßen haben. Eine große Schneewehe hat sie blockiert. Im Dunkeln gestern Abend ist mir das nicht aufgefallen.
Mit den Füßen schiebe ich den Schnee beiseite, stemme die Tür ein Stück weiter auf und zwänge mich hindurch. An der Wand lehnt der Besen.
Ich habe den Stiel schon in der Hand, als plötzlich etwas Braunschwarzes auf mich zugeschossen kommt. Etwa so groß wie ein mittelgroßer Hund. Und es faucht und knurrt und es fletscht seine spitzen Zähne. Ich erschrecke mich furchtbar und stoße einen gellenden Schrei aus. Ich kann das tobende Irgendwas gerade noch mit dem Besen abwehren und zurückstoßen. Doch es startet sofort einen neuen Angriff und schnappt nach meinem Hosenbein. Dann erkenne ich, was mir da gegenübersteht. Ein Vielfraß!
Das rund dreißig Kilo schwere Tier muss in der Nacht Schutz vor dem Sturm gesucht haben.
Vielfraße sind sehr wehrhaft. Mit seinem Gebiss kann er mir schwere Verletzungen zufügen. Aber er muss aus dem Schuppen heraus. Keinesfalls möchte ich im Dunkeln nach Holz tasten und dann von ihm gebissen werden.
An mir vorbei wird er den Schuppen nicht verlassen. Er hat genauso viel Angst vor mir, wie ich vor ihm.
Langsam trete ich einige Schritte zurück und nehme den Besen mit. Der Vielfraß hört auf zu knurren und schaut mir nach.
Schnell kämpfe ich mich durch den Schnee auf die andere Seite des Schuppens und schlage mit dem Besen gegen die Wand. Dazu schreie ich und trete mit den Schuhen gegen die Bretter. Dieser Lärm müsste ihn verscheuchen.
Ich lausche. Und höre, nichts. Ist er weg?
Sofort stapfe ich zurück zum Eingang des Schuppens und sehe seine Spuren im Schnee. Sie führen von der Hütte weg.
Gott sei Dank. Mir schlägt mein Herz bis in den Hals hinauf.
Ich trete den Schnee platt, bis ich die Schuppentür schließen kann, und schiebe den Riegel vor. Noch einmal möchte ich nicht von einem wilden Tier da drin überrascht werden.

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